Müesli um 3 Uhr morgens

Unser Autor arbeitet einen Monat lang als Hüttengehilfe in der
einsam gelegenen Fornohütte im Malojagebiet

Grosse Stille zwischen Eis und Fels: Die Fornohütte auf 2574 m ü. M.

Mein neuer Arbeitsweg ist lang und schweisstreibend: Vier Stunden steigen wir von Maloja aus durch tiefen Pulverschnee das wildromantische Val Forno hinauf. Die letzten Lärchen und Arven lassen wir hinter uns; langsam verschwinden auch Farben, Gerüche und Geräusche. Bald
umgeben uns nur noch Schnee, Eis und Fels.

Beat Kühnis (30) hat mich unten im Tal abgeholt. Er ist Hüttenwart auf der Fornohütte, die für die Skitourengänger noch bis Mitte Mai geöffnet ist. Wir treffen uns zum ersten Mal persönlich, das Bewerbungsgespräch hatten wir über Skype geführt. Den nächsten Monat werden wir auf engstem Raum zusammenarbeiten.

Hüttengehilfe Reto Wissmann: Arbeiten, bis einem warm wird.

Hüttengehilfe Reto Wissmann: Arbeiten, bis einem warm wird.

Mir ist bewusst, dass dies kein Erholungsurlaub wird, ich verspreche mir aber Abstand zur Flachländerhektik und hoffe auf ein unvergessliches Naturerlebnis. Auf dem Jobportal www.sentiero.ch finden sich für solche Fantasien entsprechende Angebote.

Seit über 125 Jahren thront die Fornohütte hoch über dem Fornogletscher auf 2574 m ü. M. Sie gehört der Sektion Rorschach des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) und wird seit Sommer 2013 von Kühnis geführt – einem Germanisten, der in verschiedenen SAC-Hütten gearbeitet hatte.

Er packte schliesslich die Chance, eine Hütte zu übernehmen. Trotz harten Bedingungen und ungewissen Erfolgsaussichten sind solche Pachtverträge begehrt. Unterstützt wird Kühnis von seiner tschechischen Freundin Alena Plachá – auch sie war einst Hüttenhilfe.

Schon an meinem ersten Arbeitstag wird mir klar: Vom Schnee hängt hier oben alles ab. Er bestimmt, ob wir genügend Wasser haben, ob Reservationen eingehen und die Gäste nach ihrer Tour zufrieden sind.

Doch der Winter erweist sich in diesem Jahr als launiger Geselle. Ende Februar liegt im Engadin ausnahmsweise so wenig Schnee, dass sich der Beginn der Skitourensaison verzögert.

Ausserdem lässt die fehlende Isolationsschicht den grössten Wassertank der Hütte einfrieren. Das bedeutet, noch konsequenter Wasser sparen. Um zu duschen, muss uns ein Eimer mit fünf Liter Wasser reichen. Mit allen Mitteln versuchen wir, die Reserven zu ergänzen. Wir sammeln das Schmelzwasser vom Blechdach, fassen ein paar Liter von einem sonnenbeschienenen Felsen in der Nähe und schmelzen auf dem Holzherd Schnee.

Viel Aufwand für etwas, das normalerweise so selbstverständlich ist.

Die Gäste spüren wenig von den erschwerten Bedingungen. Wir bitten sie zwar, beim Wassersparen zu helfen. Ansonsten sorgen wir inmitten der Schnee- und Eiswüste für viel Behaglichkeit. Die Stube wird mit Gas beheizt und mit elektrischem Licht beleuchtet. Die Küche ist mit Geschirrspüler und Gefrierschrank ausgerüstet.

Küchenhelfer Reto: Der Chinakohl-Salat ist in Vorbereitung.

Küchenhelfer Reto: Der Chinakohl-Salat ist in Vorbereitung.

Am Abend serviert das Hüttenteam einen Viergänger – zum Beispiel Blumenkohlsuppe, Rüeblisalat, Cervelatragout und Kaiserschmarrn. Wer danach nicht im Massenlager schlafen mag, kann sich neuerdings sogar ein Zimmer gönnen.

Auch für mich als Hüttengehilfe gibt es ein kleines Einzelzimmer. Den Luxus von drei auf drei Meter Privatsphäre geniesse ich sehr.

Mein Arbeitsalltag besteht vor allem aus Putzen und Abwaschen. Am Morgen, wenn die Gäste zu den Gipfeln des Skitourenparadieses aufgebrochen sind, kehrt in der Hütte jeweils Ruhe ein. Dann wird das ganze Haus auf Vordermann gebracht: Toiletten reinigen, Betten machen , Hüttenfinken sortieren, Stube wischen.

Abtransport: Alles fertig für den Helikopter

Service, bitte: Reto bringt den hungrigen Tourengängern Kartoffelstock und Bratwurst.

Flüssige Energie: Bouillon mit Ei.

Manchmal nehme ich die atem­beraubende Umgebung während Stunden gar nicht wahr. Wenn ich aber für eine Kaffeepause auf die Terrasse trete, stellt sich ein beschwingtes Gefühl ein.

Das gleissend helle Licht lässt mich für einen Moment erblinden, die eiskalte Luft belebt meinen Körper. Weit unten ziehen die Skitourengänger über den riesigen Gletscherfluss. Den Horizont säumen die schroffen Grenzgipfel, über der Terrasse segeln Alpendohlen.

Auch wenn die Arbeitstage hier zwölf Stunden lang sind: Ich fühle mich privilegiert.

Am frühen Nachmittag treffen bereits wieder Gäste ein. In ihren farbigen Goretex-Jacken und dunklen Schneebrillen sehen sie alle gleich aus.

Bestellung: Der Tourengänger ist König.

Bestellung: Der Tourengänger ist König.

Am Abend in der Stube lernt man sich kennen. Es sind langjährige Bergkollegen, wagemutige Freerider, auffällig viele Akademiker und trotz des hohen Frankenkurses zahlreiche Deutsche und Österreicher.

Die meisten kennen das Hüttenleben, sind unkompliziert und schätzen das währschafte Essen. Einige geniessen die langen Stunden in der gemütlichen Hütte, andere nutzen sie nur als Basis für ihre anspruchsvollen Hochtouren.

Wenn jemand am frühen Morgen zum Monte Disgrazia aufbrechen will, servieren wir das Frühstück mit Käse, Orangensaft, Müesli und selbst gebackenem Brot bereits um 3 Uhr.

Obschon es immer etwas zu tun gäbe, habe ich auch freie Tage. Die Freizeitgestaltung ist allerdings sehr eingeschränkt. Alles, was sich ausserhalb des Hauses und der Terrasse abspielt, erfordert Tourenausrüstung. Auch nur ein kleiner Spaziergang liegt nicht drin.

Schnee über Nacht: Der Zugang zur Tür wird freigeschaufelt.

Schnee über Nacht: Der Zugang zur Tür wird freigeschaufelt.

Um zu lesen, bin ich meist zu müde. Stunden ohne die gewohnten Freizeitmöglichkeiten zu verbringen, fällt mir zunächst schwer. Sie bekommen aber bald etwas Beruhigendes.

Sowieso stören mich die Einschränkungen des besonderen Arbeitsortes keineswegs. Ich bin ganz auf die täglichen Notwendigkeiten fokussiert, Ablenkungen gibt es kaum. Dass ich nur sehr wenige persönliche Dinge mitnehmen konnte, erweist sich als befreiend.

Auch das Auge findet hier für einmal Entspannung. Ich beginne, die zahllosen Schattierungen von Weiss und Grau zu unterscheiden und nehme jede Wetterveränderung am Himmel wahr.

Schon nach wenigen Tagen tauche ich ganz in den besonderen Rhythmus der kleinen Zivilisationsinsel in der rauen Bergwelt ein. Zurück im Tal, hat mich der Alltag dann aber trotzdem schnell wieder – zu schnell.

Impressum

Text
Reto Wissmann arbeitet als Redaktor beim «Bund» und als freier Journalist

Fotos
Bernhard van Dierendonck