Echte Kerle

Autor Gion Mathias Cavelty war an der Männermesse Man’s World. Eine Erkundungstour in Körperteilen

«Man’s World 2016 – die Erlebniswelt für den Mann»:
So nennt sich die Männermesse, die vom 4. bis zum 6. Februar in den ­Zürcher Maag-Hallen stattgefunden hat.
Über 70 Aussteller zeigten, womit sie den Mann glücklich machen wollen, von A wie Andy’s Billard bis Z wie Zuckerpeitsche.

Bevor ich die Messe besuchte, wollte ich allerdings ein paar Fragen klären: Was interessiert Männer wirklich? Was ist der Mann? Dazu führte ich eine kleine Umfrage in meinem männlichen Bekanntenkreis durch (darunter ein Theologe, ein Rapper, ein Freimaurer, ein Rocker, ein Bodybuilder und ein Polizeileutnant).

Ich wollte wissen: Was sind die wichtigsten Körperteile des Mannes im Jahr 2016, und wie wichtig sind sie ihm in Prozent?

Mit den ausgewerteten Antworten im Gepäck begebe ich mich an die Man’s World.

Die Stimmung ist, muss man sagen, grandios – gut gekleidete, gepflegt auftre­tende Besucher ab 18 fluten die Hallen, viele in weiblicher Begleitung; Züri-Hipster, Künstlertypen mit Dandy-Gehstöcken, übermütige Jugendliche, der eine oder andere Promi (Sven Epiney, Philipp Fankhauser), distinguierte Senioren, Medienleute (es ist der Tag vor der offiziellen Eröffnung).

Körperteil­orientiert begebe ich mich auf Erkundungstour.

1. Penis
Spitzenwert: 85%.
Von 1% Wichtigkeit («Im Alter leider abnehmend wichtig») über 40% («Gleich viel wie das Hirn, und das Herz ­fungiert mit 6% als Scharnier ­zwischen Hirn und Penis») bis 85% («Temporär geht er auch mal nach oben. Also, der Wert, meine ich») ist an ­Prozentangaben alles dabei. Genannt von: 56% der ­Befragten (nur! Eigenartig …).

PENIS wird an der Man’s World gross geschrieben!
Stichwort etwa: das schnellste Strassenauto der Welt, ein feuerroter Koenigsegg Agera-R mit 1360 PS, Höchstgeschwindigkeit: 437 km/h, zu bestaunen in der Haupthalle. Auch nicht schlecht: ein BOV-M86-Panzer «aus den Beständen der jugoslawischen Armee», wie mir sein Besitzer verrät. Wo er den gefunden hat, will ich wissen. «Auf ricardo.ch», lautet die lapidare Antwort.

Eine ausgewachsene Yacht darf natürlich auch nicht fehlen. Ejakulatorisch: die Bagger-Challenge. Dabei geht es darum, eine Baggerschaufel so zu manövrieren, dass der Inhalt einer Bierflasche in einem leeren Becher landet. Spritz – sprudel – splash (Sie verstehen).

2. Leber
Spitzenwert: 75%. Genannt von: 19% der Befragten.
Die Leber kommt an der Man’s World wahrlich nicht zu kurz. Vor lauter Alkohol kann man sich kaum retten.

Der Whiskey-Stand von Whiskey-Grossmeister Claudio Bernasconi, Besitzer der grössten Whiskey-Sammlung der Welt (2500 Whiskeys stehen in seiner Devil’s-Place-Bar im Hotel Waldhaus am See in St. Moritz stramm), ist eine wahre Oase.

Danach erlebe ich hautnah mit, wie direkt aus Ungarn der Prototyp des sogenannten Brewie geliefert wird: eine Maschine von den Ausmassen eines Geschirrspülers, mit der man zu Hause sein eigenes Bier brauen kann.

Als «vollautomatische Mikrobrauerei für die Küche», bezeichnet sie ihr Mit-Erfinder Csaba A. Bardossy. «20 Liter Bier gibt es pro Durchgang, der jeweils sechs Stunden dauert. Im Prinzip kann man damit also 80 Liter Bier im Tag herstellen», erklärt mir Bardossy.

Ich rechne schnell nach und komme zum Ergebnis: Der junge Mann hat recht!

3. Bauch/Magen
Spitzenwert: 100%. Genannt von: 31% .
Auch für den Magen gibt es erfreuliche Neuigkeiten: «Der Beefer – ein Inferno von 800°C! Ein Grill, der eure bisherigen Grill­geräte das Fürchten lehrt!» (Eigenwerbung). In stiller Demut verharre ich vor der Apparatur, von nichts als Dankbarkeit durch­flutet.

4. Seele
Spitzenwert: 0%. Genannt von: 0% (nicht mal der Theologe hatte sie auf dem Zettel).
Die Seele interessiert keinen Knochen, also halte ich auch nicht nach entsprechenden Produkten Ausschau. In der Raucher-­Lounge von Villiger komme ich beim Genuss einer San’Doro Claro dennoch ins Philosophieren.

Zigarren gehören ja dem Reich des Metaphysischen an. Es sind «Rauch­opfer», die man zeremoniell darbringt; das Materielle zerfällt zu Staub, das Unstoffliche drängt nach oben. Rauchen ist «mäch­tige Magie» (Jean Cocteau); «Fumer, c’est prier» (irgendein anderer Franzose).

5. Hirn
Spitzenwert: 75%. Genannt von: 31%.
Feinste geistige Kost gibt es von «Blick am Abend» («Ohne BH zu Heidi Klum») und dem Taschen-Verlag (präsentierte Werke: «The Little Book of Big Breasts», «Butts» und «The Big Book of Pussy 3-D»). Endlich nackte Weiber! Ich hatte schon befürchtet, solche seien hier gänzlich vergessen worden.

Kultureller Höhepunkt der Man’s World: eine Jeans-Ausstellung des piemontesischen Jeans-Historikers Antonio Di Battista.

6. Herz
Spitzenwert: 75%. Genannt von: 13%.
Schwierige Angelegenheit, das Herz! Was geht dem Mann an ­s­elbiges? Hundewelpen. Alligatoren. Haie. Dinosaurier. Gibt es hier aber nicht. Aber man kann sich immerhin welche tätowieren lassen, und zwar live, wenn man das möchte: am Stand von Tattoo Harbor.

«Was sind denn so herzige Motive, die bei Männern im Trend sind?», wende ich mich an eine Mitarbeiterin.
Sie zeigt mir einen Katalog mit beliebten Motiven: Herzen mit «Mom» oder «Dad» drauf, Schwalben, Hamster (mit Matrosenmützen), Panther mit Rosen in der Schnauze, Playmobilpiraten, Ponys mit Regenbogenfrisuren.
«Und Hello-Kitty-Motive?», möchte ich wissen.
«Wenn, dann für Frauen», antwortet sie.
«Und indianische Weisheiten à la ‹Wenn du nur den Bärenspuren im Schnee folgst, siehst du nicht das Kaninchen gleich hinter dir›?»
«Nicht so.»

7. Gesicht
Spitzenwert: 50%. Ohren (45%). Zunge (22%). Augen (20%). Zähne (10%).
Was gibt es hier zum Verschönern/Verbessern der aufgezählten Körperpartien? Am Stand der sogenannten Gentlemen’s Clinic, die «ambulante Ästhetik für den Mann» offeriert, wende ich mich an die Presseverantwortliche:
«Was können Sie mir an Ort und Stelle verschönern? Ich halte alles hin.»
«Hier machen wir nur Kopf- und Nackenmassagen.»
«Machen Sie auch Penisverlängerungen?» «Nein.» «Wird das überhaupt gemacht in der Schweiz?» «Ja», sagt die Dame, aber Penisverlängerungen erschöpften sich meist darin, dass dem Patienten die Eichel aufgespritzt werde, aber das müsse man jedes Jahr erneuern, und das Ganze könne auch verrutschen und mitten im Penis einen Ring bilden. «Noch einen schönen Tag und alles Gute!», verabschiede ich mich.

8. Haare
Spitzenwert: 75% (dieser Wert bezieht sich explizit auf Brusthaare). Genannt von: 13%.
Auch hier wurde bei den Antworten kräftig geschummelt, nehme ich an. Haare sind doch ein Top-Thema bei Männern. Aber ich halte mich artig an die Resultate der Umfrage. Am Stand von Bart-Guru Romano Brida aus Mailand erkundige ich mich nach der Zukunft des Bartes. Es wird dann recht detailliert. Auf das Thema Brusthaare angesprochen, reagiert der Meister deutlich knapper: «Zero!»

9. Schulter bis Zehe
Bizeps (20%). Schultern (20%, «Zum Anlehnen»). Hände (20%).Beine (20%). Füsse (20%). Waden (33%). Zehen (13%).
Der Body. Dazu ist aus meiner persönlichen Perspektive zu sagen: Das einzige, was ich heute noch bewege, ist meinen Mittelfinger. Stolz strecke ich ihn in die Höhe.

Ja, es ist phantastisch, ein Mann zu sein. Ich verlasse die Maag-Hallen wehmütig, es ist mitterweile 22 Uhr geworden, die Pforten werden geschlossen.

Hier draussen, in der richtigen Welt, warten wieder Staubsauger, Steuererklärung und die in meinen Vorgarten kackende Katze meines russischen Nachbarn auf mich.

Eine Träne bildet sich in meinem rechten Augenwinkel. Man’s World – lass mich wieder rein!

Impressum

Text
Gion Mathias Cavelty

Fotos
Chris Nilson

Gestaltung
Andrea Bleicher