Herr der Ringe

Der Schriftsteller Ilija Trojanow bestritt
alle olympischen Disziplinen – ein genialer,
grössenwahnsinniger Selbstversuch

Wer dieses Buch liest, bleibt ­danach erschöpft auf dem Sofa ­liegen. Oder hat Lust, sich sofort zu bewegen. Es muss ja nicht gleich eine komplizierte Sportart wie Wasserspringen oder Pauschenpferd sein. Ein wenig Joggen tut es auch.

Unterwegs, wenn man dann so richtig ins Schnaufen kommt, kann man keuchend festhalten: Das Buch ist genial, schnauf, ­grössenwahnsinnig, schnauf, anmassend, schnauf, alles aufs Mal.

Es heisst «Meine Olympiade» und erscheint zwei Monate vor den Olympischen Spielen von Rio.

Aber schon der Titel ist gefährlich. Wer immer den Begriff Olympiade braucht, zieht den Zorn aller Besserwisser auf sich, die einem sofort kundtun, dass damit nicht etwa die Spiele gemeint seien, sondern der Zeitraum von vier Jahren zwischen den Austragungen. Doch diesbezüglich kann man dem Schreibathleten Ilija Trojanow wirklich nichts vorwerfen. Er meint genau das.

Vor vier Jahren, während London, sass er vor dem Fernseher und schaute sich – «Dabei sein ist alles!» – das meiste an, was da geboten wurde, Sportarten wie Skeet oder Taekwondo, von denen man nicht mal genau weiss, was sie sind (Skeet ist Schiessen auf bewegliche Ziele, Taekwondo ein Kampfsport).

Aber selbst in der unbekanntesten Sportart herrscht heute absolutes Leistungsdenken, ein Kult des Siegens. «Der Medaillenspiegel ist das olympische Testament», erkannte Trojanow und wusste plötzlich, dass es für ihn nur eine Reaktion auf die Enttäuschungen vor der Glotze geben konnte: Er musste vom Voyeur zum Akteur werden.

So trat er an. Und hatte bald diesen irrsinnigen Plan: Bis zu den nächsten Spielen alle Disziplinen absolvieren! Die Mannschaftssportarten nahm er bald raus, alleine Handball zu spielen, erschien ihm witzlos.

Aber auch so blieb noch genug: Trojanow absolvierte 23 Sportarten, mit 80 verschiedenen Disziplinen. Er trainierte jeweils mit einer ausgewiesenen Fachperson. War blutiger Amateur. Und setzte sich doch ein sportliches Ziel: Halb so gut zu sein wie der Olympiasieger von London (im Bogenschiessen und im Radsprint auf der Bahn schaffte er das zum Beispiel, in vielen anderen Disziplinen nicht).

Beim Joggen und Nachdenken über das Buch geht einem als ­Erstes durch den Kopf, wie direkt Trojanow ins Herz der Sportarten trifft: «Hammerwerfen ist Kugelstossen mit Verlängerungskabel», schnauf, «Der Brustschwimmer gleicht einem ungeduldigen Autofahrer bei zähflüssigem Verkehr», schnauf, «Beim Rudern hat man die Zukunft im Rücken».

Ein paar Worte und man ist, schnauf, schnauf, mittendrin. Wie in der umwerfenden Passage, in dem er den Schmetterling-Schwimmstil (früher hiess er Delfin) mit Wladimir Putin einführt: Der liess sich mal fotografisch feiern in dieser Disziplin, «die nicht nur Männlichkeit suggeriert, sondern zudem von ganz wenigen beherrscht wird».

Später dann, nach einigen verkrampften eigenen Trainingsversuchen, folgert Trojanow scharf, dass Schriftsteller im Gegensatz zu Diktatoren wohl keine guten ­Delfinschwimmer sein können.

Ilija Trojanow, 50-jährig, ist grundsätzlich ein guter Sportler, der gerne trainiert. Und seine Erfahrungen mit Diktatoren gemacht hat. Zur Welt kam er in Bulgarien, in Sofia, 1971 floh seine Familie nach Deutschland, wo sie politisches Asyl erhielt. Später ging es weiter nach Nairobi in Kenia, wo sein Vater Arbeit fand. Dort besuchte er die deutsche Schule, dort trieb er viel Sport, lernte zum Beispiel gut Tennis spielen.

Seine Erfahrungen als Flüchtling verarbeitete Trojanow 1996 in «Die Welt ist gross und Rettung lauert überall». Einen Namen machte er sich auch als Herausgeber afrikanischer Literatur, als Reiseschriftsteller und mit dem Roman «Der Weltensammler» über einen weit gereisten britischen Kolonialbeamten. Und ein Reisender war Trojanow auch in seinem Olympiade-Projekt. Seine Wettkämpfe gegen sich selber (und die Londoner Olympiabestmarken) vollzog er überall auf der Welt.

Schnauf, das kann einem auf die Nerven gehen, schnauf, schnauf, nur das Beste ist gut genug: Boxen in der Bronx, selbstverständlich, Judo in Japan, schnauf, Surfen auf Sri Lanka. Dann vieles in Wien, wo Trojanow lebt, wenn er nicht gerade reist. Das besagte Taekwondo in Zürich, schnauf, schnauf, und Triathlon in Südafrika.

Wobei gerade dieser moderne Dreikampf illustriert, dass er kein verbissener Ehrgeizling ist, sondern oft – wie wir in Helvetien sagen würden – ein Schluderi: Zuerst vergisst er das Fahrrad (Triathlon ohne Velo ist schwierig). Und dann hat er auch keine Getränke dabei, sodass er im Wettkampf an einer Tankstelle Halt machen muss, um sich etwas Flüssiges zu erbetteln.

Damit beginnt diese «Olympiade» und wenn wir mit Trojanow nun Disziplin für Disziplin absolvieren, fragen wir uns schon, ob wir da in eine intellektuelle Version von «Schlag den Raab» geraten sind? Eine Herausforderung jagt die andere, zu gewinnen gibt es keine Million, aber schöne Begegnungen hier und dort, mit Trainerlegenden, die sich auf den schreibenden Athleten einlassen. Hat er das alles am Feierabend gemacht oder war es ein Vollzeitprojekt? Wie hat er es finanziert? Was passierte mit all den teuren Sportgeräten und Kleidungen, die er erstanden hat? Letztere landeten im Schrank, auf die andern Fragen gibt das Buch keine Antwort.

Und doch. Seite für Seite ­versöhnt einen Trojanow mit ­Beobachtungen und ganz und gar uneitlen Begegnungen. Zum Beispiel, wenn er beschreibt, wie er neben Leonard Cohen im Breach Candy Club in Bombay seine Brustrunden absolviert.

Zuerst bemängelt, dass der Sänger sein Lächeln nicht mal erwidert. Aber dann wunderbar fortfährt: «Er schwamm mit ruhigen, langen Zügen. Das Gleiten ausgedehnt. Den Kopf aufrecht, wie ein schwarzer Schwan. Kann man sich Leonard Cohen als Krauler vorstellen? Kaum. Eher Mick Jagger oder Freddie Mercury.»

Solche Passagen gibt es immer wieder. Das Buch ist gespickt mit Referenzen, Kafka wird zitiert, ­Roland Barthes. Und, gleich zu Beginn, ein Lakota-Sprichwort: «Wer dreimal hintereinander gewinnt, ist ein schlechter Mensch.» Das ist zugleich die Quintessenz des Buches: Sport, wenn es nicht um Bestleistungen geht, ist Bereicherung und Beglückung.

Schnauf, schnauf, aber ist es so einfach? Ich mag dieses «Olympiade»-Buch, denke ich auf dem letzten Jogging-Kilometer, weil es sozusagen Körper und Geist vereint. Weil es dem Ehrgeiz abschwört, aber ihn doch aufblitzen lässt (einmal ist Trojanow hässig auf ein kleines Mädchen, das beim Kunstturnen den Felgaufschwung beherrscht, im Gegensatz zu ihm). Und weil es spielerisch mit all dem umgeht.

Schnauf, schnauf, jetzt noch schnell meine Zeit messen: 58 Minuten und 34 Sekunden brauchte ich für 10 Kilometer, Trojanow im Buch 52:40 für dieselbe Distanz. Seine Strecke muss viel flacher gewesen sein, sagt der Ehrgeizling in mir (auf der Bahn brauchte der Olympiasieger von London 27:30).

Fazit: Das Buch ist zu schnell zu Ende. Jetzt vielleicht noch die Winter-Olympiade, Herr Trojanow? Und viel Vergnügen beim Skispringen!

Ilija Trojanow: «Meine Olympiade. Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen», S. Fischer, 334 Seiten, 31.90 Franken

Impressum

Text
Matthias Lerf

Fotos
Thomas Dorn

Gestaltung
Andrea Bleicher