Let it beat

Das Magazin «Pop» hat viel bewegt. Vor 50 Jahren ist die Zeitschrift zum ersten Mal erschienen. Mitbegründer Beat Hirt über Begegnungen mit den Stones oder David Bowie und den ständig kreisenden Pleitegeier

Ein Jahr, bevor die Hippies in San Francisco den «Summer of Love» zelebrieren, und zwei Jahre vor der weltweiten 68er-Protestbewegung war «Pop» schon da. Mit einem warnenden Hinweis unter dem Logo: «Die Zeitschrift für uns». Eigentlich überflüssig, denn die langhaarigen Coverboys kommen damals bei 50-plus-Menschen sowieso nicht an. Auch die Kioskfrauen mögen keine langen Haare und nehmen das Heft deshalb nicht in den Aushang.

«Pop» will den musikalischen und gesellschaftlichen Teil des anrollenden kulturellen Umbruchs begleiten. Kritisch und engagiert sollen Impulse aus London und New York an die Leser weitergegeben werden. Wir sind in der Redaktion zu dritt. Susy Bihrer, Jürg Marquard und ich. Susy und ich sind schon für verschiedene Zeitschriften unterwegs gewesen. Jürg schnuppert seit seiner Matura als Volontär bei der «annabelle». Auch zwei Grafikerlehrlinge gehören zum Team.

Viel Enthusiasmus, wenig Berufserfahrung. Altersdurchschnitt 23 Jahre. Wir verstehen uns als Sprachrohr einer neuen Generation, die schon da ist, aber noch nicht so recht weiss, wohin die Fahrt gehen soll. Einzig der Soundtrack ist klar: Beatmusik muss es sein. Die Nase vorn haben dabei die Beatles, und knapp dahinter folgen die Rolling Stones. Beide Bands drücken in England einen Hit nach dem andern ab. Die Beatles stehen bis 1966 elfmal auf Platz 1 der englischen Hitparade, die Stones sechsmal. Im Windschatten der beiden Erfolgsgruppen entwickelt sich eine Szene, die immer breiter und spannender wird.

Erst Jahre später erkannt, wer da singt: David Bowie im Marquee Club in London

In der Schweiz geht die Sonne etwas später auf. Aber schon 1965 werden in der Tonträgerbranche die konservativsten Businesspläne über den Haufen geworfen. Verkaufen lässt sich schlicht alles, was mit Beat oder Pop angeschrieben ist. Und überall im Land legen jugendliche Amateur-Beatbands los. Am Samstagabend wird gebeatet. Im Sternen-Saal, im Freizeitzentrum und im Kirchgemeindehaus.

Mit der Idee, so etwas wie «Pop» auf die Beine zu stellen, haben Jürg Marquard und ich schon 1964 herumgemacht. Über gemeinsame Vor- und Feindbilder sind wir uns einig. Das französische Heft «Salut, les copains!» ist unser leuchtendes Vorbild. Das germanische «Bravo» das negative Beispiel. Im Frühling 1965 kommt Jürg über seinen ersten Arbeitgeber mit einer Gruppe junger Werber in Kontakt. Man trifft sich und beschliesst, das Experiment zu wagen. Ohne Netz, ohne viel Ahnung. Im letzten Moment findet glücklicherweise auch noch der Inhaber einer Druckerei den Weg zu uns.

Auf der Zielgeraden gerät das Locker-vom-Hocker-Projekt dann doch noch in Schieflage, weil die Musik redaktionell etwas in den Hintergrund gerückt werden soll. Einige aus der Werbergruppe plädieren plötzlich für ein Heft, das sich auf moderne Art mit Jugendproblemen auseinandersetzen soll. Einen tollen Namen dafür haben sie sich auch schon ausgedacht: «Das schwarze Heft». Horror.

Ein paar Wochen der Unsicherheit folgen. Dann finden wir uns doch noch. Die Ziele bleiben allerdings unterschiedlich, ohne dass darüber gesprochen wird. Die Werber haben vor allem den Gewinn im Auge. An so etwas wagen Susy, Jürg und ich noch nicht zu denken. Eine eigene Musikplattform zu schaffen und «es» damit dem etablierten Kulturkuchen zu zeigen, ist uns viel wichtiger. Damals hält eine Mehrheit der Kulturschaffenden Beat- und Popmusik für eine Missgeburt.

Zusammen mit der Werbergruppe gründen wir Ende 1965 die Pop-Verlag AG und müssen dabei auch eigenes Geld in das Unternehmen stecken. Das haben wir uns so eigentlich nicht gedacht, aber die Werber nehmen uns einfach in die Pflicht. Jürg Marquard ist mit 2000 Franken dabei, Susy Bihrer mit 3000 und ich mit 5000. Den Rest der Aktien zeichnet die Werbergruppe. Alles ziemlich blauäugig. Nach drei Ausgaben ist eigentlich schon kein Geld mehr da. Nur weil der Drucker vorläufig auf seine Ansprüche verzichtet, können wir weitermachen. Der Durchbruch wird erst einige Jahre nach dem Start gelingen. Genau gesagt, nach dem Entscheid, jedem «Pop» ein Poster beizuheften.

Erste Ausgabe des «Pop»

Schon in den ersten Nummern üben wir uns auch in Kritik an der Gesellschaft. Besonders hartnäckig protestieren wir gegen die musikalische Einöde in den Radioprogrammen. Unser Grundfrust ist ähnlich, wie ihn Mick Jagger 1965 im Song «Satisfaction» formuliert. Dort geht es im Songtext nicht um Sex, wie besorgte Erzieher natürlich überall annehmen, sondern um dümmliche Radiowerbung und das inhaltlose Geplauder der Moderatoren. In den 60er-Jahren können in der Schweiz nur die drei nationalen Sender empfangen werden. Sottens, Monte Ceneri und Beromünster.

Beim «Schweizerischen Landessender Beromünster», wie Radio SRF damals offiziell heisst, liegen weder die Beatles noch die Stones auf dem Plattenteller. Sendefähige Musik wird sorgfältig von ehemaligen Tanzmusikern und Barpianisten ausgesucht. Standhaft ersparen diese den Hörern das «langhaarige Hühnergeschrei», wie sie die Beatmusik gerne nennen.

Mit einem offenen Brief im «Pop» fordern wir vom Radio eine wöchentliche Radio-Hitparade. Die Post kommt unerwartet gut an. Cédric Dumont, Halbgott der helvetischen Unterhaltungsmusik, lädt uns zu einer Besprechung ein. Ohne Illusionen gehen wir hin und werden gleich vom vollständig versammelten Beromünster-Unterhaltungskader erwartet. Die Stimmung im Raum ist frostig. Nachsitzen mit der Aussicht auf Tipps von Nobodys, das goutieren die Musik-beamten natürlich überhaupt nicht. Wir erläutern unsere Idee. Es könnten Fragen gestellt werden. Aber die etwa zwei Dutzend Damen und Herren schweigen.

Was dann folgt, hat wohl niemand erwartet. Dumont verfügt die sofortige Einführung einer Beromünster-Hitparade. So, wie wir sie im «Pop» definiert haben. Er will die Radio-Hitparade nach einer Anlaufzeit sogar von Jürg Marquard moderieren lassen. Weil Jürg keine Gage erhalten soll, schlägt er vor, das «Pop» in das Signet zu integrieren. Natürlich lassen Konzessionsauflagen so etwas nicht zu. Dumont gefällt die freche Idee trotzdem. Jürg soll die Hitparade als «Mister Pop» moderieren.

1972
Bestseller auf dem Plattenteller, moderiert von
«Mister Pop» Jürg Marquard

Gelegentlich hält man mich für einen durchgeknallten Beatfan

Unser Redaktionsbüro haben wir in der Mansarde eines in die Jahre gekommenen Zürichberg-Wohnhauses eingerichtet. Alles sehr eng. Ein Pult, eine Tischplatte auf zwei Böcken für die Grafiker, ein paar Stühle und eine Ständerlampe. Jeden Monat ein Heft zu füllen, fällt uns nicht leicht und zwingt uns sehr schnell zur Flucht nach vorn. Jürg steht als Chefredaktor im Impressum und übernimmt das Büro; er ist Telefonist und Sekretär zugleich. Susy kümmert sich um Trends und Mode, während ich als rasender Reporter herumreise, immer auch wieder bis nach London, dort in die Szene eintauche, fotografiere und Interviews mache.

Chefredaktor, Sekretär und Telefonist 
Jürg Marquard im Redaktionsbüro in Zürich

Chefredaktor, Sekretär und Telefonist
Jürg Marquard im Redaktionsbüro in Zürich

Beat Hirt, Mitbegründer von «Pop», ist heute an der Filmproduktionsfirma Mesch & Ugge AG beteiligt

Beat Hirt, Mitbegründer von «Pop», ist heute an der Filmproduktionsfirma Mesch & Ugge AG beteiligt

Mein Vorname funktioniert als genialer Türöffner. Gelegentlich hält man mich für einen durchgeknallten Beatfan. Ich werde überall empfangen und betreut, komme überall rein, gehe zu den Stars nach Hause, folge ihnen nach einem Konzert in die Garderobe oder ins Aufnahmestudio. Ich kann ungehindert Interviews und Fotos machen. Die Manager wollen ihre Künstler in möglichst viele europäische Länder bringen. Sie sehen in mir folglich einen Helfer.

Es kommt in diesen Jahren zu spannenden Begegnungen und Momenten, deren Bedeutung auch nach Jahren nachwirkt. An einem Samstagnachmittag fotografiere ich im Marquee Club einige Nachwuchsbands. Erst Jahre später habe ich auf dem Bild erkannt, wer mir dabei auch vor die Linse geraten ist: David Bowie. Damals unterwegs unter seinem richtigen Namen Davy Jones.

Hitparade März 1966

Hitparade März 1966

Autor Beat Hirt 1967 mit Mick Jagger und Brian Jones von den Rolling Stones

Der 14. April 1967 geht in die Geschichte ein. Die Rolling Stones spielen im Hallenstadion. Die Aufregung ist gross, vor allem auch bei den Verantwortlichen der Plattenfirma, die in der Schweiz das Decca-Label vertritt, bei dem die Stones unter Vertrag stehen. Sie suchen die Partnerschaft von «Pop».

Wir sollen vor dem Konzert eine Pressekonferenz organisieren. Natürlich mit den Stones. Die «Pop»-Redaktion stellt eine Pressemappe zusammen, die Plattenmanager sprechen sich mit Hazy Osterwald ab, der im Kongresshaus-Gebäude den Nightclub Hazyland betreibt. Dort wollen wir die Pressekonferenz abhalten.

Niemand von uns ist sich bewusst, wie selten die Stones Pressekonferenzen geben, weil sie solche Übungen nicht mögen. In unserer kollektiven Naivität gehen wir vom Gegenteil aus. Endlich würden sie einmal ordentlich den Mund aufmachen können und der beatfeindlichen Presse Haue geben.

Das Lokal proppenvoll. Hinter der Bühne erklärt mir Mick Jagger, sie würden nur gerade zehn Minuten bleiben. Mit diesem Damoklesschwert über mir eröffne ich die Pressekonferenz und gebe auch deutlich Jaggers zeitliche Vorgabe bekannt.

Es kommt nichts. Die Medienvertreter stehen einfach da und warten ab. Fernsehregisseur Gianni Paggi, der sich mit seiner Equipe auf den Knien vor dem Podest installiert hat, stellt wenigstens einige Fragen, und die Stones geben knappe Antworten. Charlie Watts spricht kurz über das Buch, das er gerade illustriert hat.

Zu LSD sollen sie sich auch noch äussern. «It’s nice», findet Mick Jagger kurz und knapp, um mir dann zuzuraunen, das sei es jetzt gewesen. Es scheint kurz noch etwas Bewegung in die Menge zu kommen. Von weit hinten will ein Journalist wissen, wer in der Gruppe denn im Bett der Champion sei. Überrascht und belustigt spielt Mick Jagger den frivolen englischen Snob. «Ich weiss es nicht, ich war noch nicht mit allen andern im Bett.»

Im Hallenstadion ist die Normalbühne für den Anlass mit einem Aufbau versehen worden, um die Fans daran zu hindern, auf die Bühne zu klettern. Statt einen Meter sind es nun drei Meter.

Die Stones sind ohne eigenes Equipment angereist. Es fehlt der nötige Saft, um die Halle angemessen zu beschallen. Wenn das Publikum schreit – und es schreit ohne Unterlass –, ist schon im vorderen Teil der Halle kaum mehr etwas zu hören. Nach weniger als einer Stunde ist alles vorbei. Was folgt, sind ein ungeschickter Polizeiauftritt, auch in der Halle drin, ein paar kaputte Stühle und viel Aufregung in den Medien. Über die Pressekonferenz schreibt niemand ein Wort. Wir im «Pop» sind die Einzigen.

Momente wie diese sind die grosse Chance für «Pop»: The Who 1967 in Grindelwald

Die Medien interessieren sich natürlich auch nicht, als The Who in Grindelwald ein paar Tage Winterferien machen. Wer? Was? Momente wie diese sind unsere grosse Chance. Bis in die 70er-Jahre steckt die Schweiz popmusikalisch in den Kinderschuhen. Wir haben die Stars wenigstens exklusiv für unsere Leser. Auch die Who stehen erst am Anfang ihrer Karriere.

Dass Pete Townsend, Keith Moon, Roger Daltrey und John Entwistle einige Jahre später ganz oben ankommen werden, können auch wir nicht voraussehen. Die Tage mit den Who in Grindelwald bleiben uns als reines Vergnügen in Erinnerung. Wir bauen zusammen einen Schneemann und setzen sie mit diesem zusammen auf den Titel des nächsten «Pop».

Die ersten «Pop»-Jahre sind die spannendsten und ehrlichsten. Auch wenn in dieser Zeit dauernd der Pleitegeier über uns kreist. Unser Drucker sitzt mit der Zeit auf zu vielen Rechnungen, die wir ihm nicht bezahlen können, und steigt schliesslich aus. Die Rechte wandern weiter zu Firmen, die am Druckauftrag interessiert sind, während sie sich intern mit unlösbaren Strukturproblemen herumschlagen, die ihnen die veränderten Drucktechniken verursachen. Zuletzt wird das «Pop» in Winterthur gedruckt, und als auch dem dortigen Unternehmen der Schnauf ausgeht, erwirbt die Jean Frey AG das Gebäude mitsamt den Druckrechten.

1987 zerschlägt Max Frey sein Unternehmen, und das «Pop» kommt in die Hände von Werner K. Rey. Dieser hat keinerlei Beziehung zum Heft und ist froh, als ihm Jürg Marquard das «Pop» abkauft. Der Kreis hat sich damit geschlossen.

Impressum

Text
Beat Hirt

Bilder
Pop

Gestaltung
Natalie Hauswirth