Die Profiteure der Todesreisen

Acht Schlepperbosse kontrollierten laut Ermittlern die blutige Route von Eritrea bis Chiasso. Sie verdienten ein Vermögen und schickten Hunderte in den Tod in der Sahara oder im Mittelmeer – fünf hatten Verbindungen in die Schweiz. Eine Rekonstruktion

Bereits verurteilt, in Haft oder auf der Flucht: Die Schlepperbosse, (oben rechts Medhane Y., der seit Mai 2016 in Haft sitzt, aber behauptet, Opfer einer Verwechslung zu sein; unten links der flüchtige Ermias Ghermay, von dem nur ein Phantombild existiert)

Es ist der 1. Juni 2014. Um 19.18 Uhr klingelt das Telefon in einem Häuschen in einem beschaulichen Dorf im Emmental. Eine Frau nimmt ab. Der Anrufer: Asghedom G., laut italienischen Ermittlern der Boss eines der grössten Schlepperringe in ganz Europa.

Der Äthiopier kommt am Telefon ins Erzählen: Er berichtet von seinem Partner in Libyen, Ermias Ghermay, der Tausende Flüchtlinge mit Booten zu ihm nach Sizilien schickte. 80 000 Dollar verdiene Ermias pro Schiff. Der habe so viel Geld, dass er sich zur Ruhe setzen könne, schwärmt G. Doch jetzt werde Ermias international gesucht. Den Grund erzählt er nicht.

Ermias Ghermay habe Monate zurück 366 Menschen in den Tod geschickt, darunter viele Frauen und Kinder. Im Moment könne er Ermias nicht erreichen, berichtet Asghedom G. in die Schweiz. Der habe gerade ein Schiff losgeschickt. Da schalte er dann immer sein Handy aus, um Ruhe zu haben.

Jedes Wort zwischen Sizilien und dem Emmental wird von Ermittlern in Palermo abgehört. Die Antimafiabrigade zeichnet dort seit Monaten systematisch alle Telefonate von Asghedom G. auf. Mindestens 10 000 Menschen ertranken seit 2014 gemäss Angaben der UNO im Mittelmeer. Wegen des Massensterbens gehen die Sizilianer nun mit Methoden gegen die Menschenhändler vor, die sie sonst nur gegen die ’Ndrangheta oder die Cosa Nostra anwendeten.

Telefonnetzwerk von Asghedom G.

Telefonnetzwerk von Asghedom G.

Das Gespräch im Emmental ist einer von über 40 000 abgehörten Telefonkontakten und Anrufen in einem hoch organisierten Netz internationaler Schlepper. Dank der Tonbänder stellten die Italiener in den letzten zwei Jahren Haftbefehle gegen 71 Hauptverdächtige in Afrika und Europa aus. Darunter seien auch die Schlepperbosse von Eritrea, der Sahara, Libyen, Sizilien, Rom und Mailand.

Am 27. Juni dieses Jahres schrieben die Staatsanwälte in Palermo 26 Männer und 12 Frauen zur Verhaftung aus. In einer gross angelegten Razzia wurden 23 fest­genommen.

In bewährter Anti­mafiamanier installierten die Fahnder zuvor versteckte Kameras und rekrutierten einen «pentito», einen Kronzeugen, der zehn Jahre bei den Schleppern arbeitete und bereitwillig aus dem Inneren der Organisation berichtet.

Aus früheren Verfahren wurden sechs zentrale Schlepper diesen Frühling zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, darunter wegen organisierter Kriminalität und Menschenhandel.

Aufnahmen der italienischen Polizei. 

Die SonntagsZeitung hat über 1200 Seiten Ermittlungsakten zu diesen Verfahren analysiert, da­runter die Protokolle der Telefonüberwachungen der letzten beiden Jahre und die schriftlichen Geständnisse des Kronzeugen. Dazu kommen Recherchen in Palermo, Catania und Agrigento sowie Interviews mit Flüchtlingen in der Schweiz, die die Schlepper kennen und bezahlten.

Die Recherche zeigt, wie acht Schlepperbosse die blutige Route von Eritrea bis Chiasso mit eiserner Hand beherrschten. Einer ist bereits verurteilt, fünf warten auf ihren Prozess, und zwei sind flüchtig. Die Akten zeigen, wie sie die Flüchtlinge erpressten, folterten oder gar in den Tod schickten.

Vor allem aber zeigen die Akten, dass die Schweiz als Hinterland für Operationen der mächtigsten Schlepper Afrikas und Europas diente. Bei uns platzierten sie ihre Verwandten und Ge­liebten, in manchen Fällen womöglich gar Mitglieder ihrer Banden – unter dem Deckmantel eines ­Asylgesuchs.

Ihre Blutspur zieht sich über sieben Etappen vom Horn von ­Afrika bis nach Chiasso:

Etappe 1

Eritreeische Flüchtlinge warten auf die Registrierung in Äthiopien

Als die deutsche Polizei ihn am 13. August letzten Jahres in Handschellen abführte, hatte sich Mulubrahan G., 42, in einem Hotel in Worms versteckt, das zu einer Asylunterkunft umgebaut worden war. Wie viele verdächtige Schlepper dachte er wohl, er könnte in der Masse der Flüchtlinge in Europa untertauchen.

Die Ermittler in Italien hörten monatelang das Handy von Mulubrahan G. ab. 3050-mal hatte er mit anderen im Schlepperring Kontakt. 1733-mal allein mit seinem Boss in Sizilien. Er kümmerte sich laut den Er­mittlern darum, Flüchtlinge aus Eritrea herauszuschleusen, und ­koordinierte deren erste Fluchtetappe über Äthiopien bis in den Sudan. Ausserdem sei er einer der Kassierer der Organisation.

Mulubrahan G. selber stellte ein Asylgesuch in Italien. Von ­Sizilien aus steuerte er mehrere Handlanger, die die Flüchtlinge für ihn direkt in Eritrea abfingen und ausschleusten.

«Der ist zu langsam», blaffte er am 5. Dezember 2014 ins Handy. Sein Komplize meldete ihm ge­rade, dass einer der Flüchtlinge noch in der eritreischen Kleinstadt Mendfera sei. «Du weisst doch, wie man das macht!»

Flüchtlinge innerhalb von Eritreea

Flüchtlinge innerhalb von Eritreea

Am Tag davor dirigierte Mulubrahan G. seine Schlepper via Handy zum Kuhmarkt im eritreischen Städtchen Adi Quala. Später organisiert er die Flucht aus Eritrea über den Grenzfluss Gash in die Flüchtlingslager im Norden des benachbarten Äthiopiens. «Du brauchst dir über das Geld keine Sorgen zu machen», versichert ihm einer der Flüchtlinge am Telefon.

Am 30. November 2014 rief er am Abend von einer Bar in Sizilien einen Mann in Deutschland an. G. war sturzbetrunken und lallte ­zusammenhanglos. Er verlangte, dass der andere Geld schicke, für eine Frau, die G. nach Äthiopien schleusen sollte.

Eine eritreeische Migrantin in einem Camp in Äthiopien

Eine eritreeische Migrantin in einem Camp in Äthiopien

Bereits vor seiner Verhaftung stapelten sich die Anzeigen gegen Mulubrahan G., unter anderem wegen Nötigung, Hausfriedensbruch und Diebstahl sowie wegen Körperverletzung und versuchter Vergewaltigung einer Eritreerin in einem Flüchtlingscamp. Und G. hatte Kontakte bis in die Schweiz.

Einen der Männer, der G. noch am 4. Dezember 2014 half, Flücht­linge aus Eritrea zu schleusen, nannten die Komplizen in den Telefongesprächen Ukubay. Fünf Tage später rief ein Mann namens Ukubay aus der Schweiz auf das Handy von Mulubrahan G. an. Ob es derselbe ist, ist unklar, die Schweizer Nummer ist inzwischen abgeschaltet.

Ukubay hielt sich jedenfalls in der Schweiz auf und nutzte eine 077er-Handynummer. «Wie gehts mit der Arbeit?», fragte er. Mulubrahan G. sagte nur: «Das Meer ist ruhig.» Dann fragte G., wie die Situation in der Schweiz sei. ­Ukubay antwortete: «Sie werden in Kürze meinen Asylantrag ­genehmigen.»

Etappe 2

Flüchtlinge auf einem Toyota-Pickup in der Sahara auf dem Weg Richtung Sabha, Libyen.

Die Schiffskatastrophe, welche die Ermittlungen gegen die Schlepperbosse bis zum Sudan auslöste, geschah am 3. Oktober 2013. Damals sank ein 20 Meter langes, bau­fälliges Flüchtlingsschiff mit 521 Menschen an Bord, wenige Hundert Meter vor der Küste Lampedusas.

Der Motor fiel aus, die Migranten – vor allem Eritreer – entzündeten Benzin, um Hilfe zu holen. Das Feuer geriet ausser Kontrolle, Panik brach aus. Die Menschen ­wichen auf eine Seite des Boots, es kenterte. Viele konnten nicht schwimmen, andere waren im ­sinkenden Boot eingeschlossen oder wurden von anderen mit in die Tiefe gerissen.

Rettungskräfte konnten 155 lebend bergen. 366 starben, darunter mindestens 83 Frauen, einige von ihnen schwanger, und mindestens neun Kinder.

Das im Oktober 2013 vor der Küste Lampedusas gesunkene Flüchtlingsschiff (Foto: Francesco Zizola/Keystone)

Das im Oktober 2013 vor der Küste Lampedusas gesunkene Flüchtlingsschiff (Foto: Francesco Zizola/Keystone)

Zwei Wochen später hörten italienische Ermittler ein Gespräch zweier Schlepper ab, die den verunglückten Migranten zuvor Geld abgepresst hatten. Einer von ihnen ist Ermias Ghermay, der Libyenboss, der das Schiff losschickte und von dem sein Komplize im Telefonanruf ins Emmental schwärmte. Am anderen Ende der Leitung: John Mahray.

Im Schleppernetzwerk war er zuständig für den Sudan. Dort sammelte er die Flüchtlinge ein, die ­zuvor aus Äthiopien von Schleppern wie Mulubrahan G. in die Hauptstadt des Sudans, Khartum, geschleust wurden. Wenn sie bezahlten, schickte er sie durch die Wüste nach Libyen. Ein Teil der Gruppe, die vor Lampedusa verunglückte, waren seine «Kunden». Am Telefon teilte John Mahray nüchtern mit, 68 von ihnen seien ertrunken.

John Mahray ist bis heute flüchtig. Die Ermittler konnten nicht einmal ein Foto von ihm auftreiben. In den abgehörten Telefongesprächen gab er sich als Wohl­täter. Zwei Wochen nach der Katastrophe von Lampedusa sprach er mit einem der Überlebenden am Handy. Besorgt erkundigte sich M., ob denn die Überlebenden von der Polizei vernommen wurden.

Dann erklärte er, dass er «seine» Flüchtlinge erst durch die Wüste schicke, wenn ihre Familien «die ganze Summe» bezahlten. Dafür würden sie in Libyen gut be­handelt. Angesichts dessen, was Überlebende von Lampedusa zuvor schon in der Sahara erlebten, musste das wie Hohn klingen.

Etappe 3

Flüchtlinge aus der Sahara in einem Pickup in den Strassen von Sabha, Libyen

Schlepper wie John Mahray schickten im Sudan zahlreiche Männer, Frauen und Jugendliche auf ihrem Weg durch die Wüste direkt in die Hände des Menschenhändlers Elmi M., 27. Er war darauf spezialisiert, Flüchtlinge in der Wüste zu entführen, wenn sie schutzlos ­waren, und von den Angehörigen Lösegeld für ihre Freilassung zu erpressen.

Später wurde Elmi M. in einem Flüchtlingslager in Sizilien gefasst. Er hat um Asyl gebeten. Acht Überlebende der Schiffskatastrophe von Lampedusa, die zuvor auch in die Hände von Elmi M. geraten waren, sagten im Prozess gegen ihn aus. Die Protokolle ihrer Aussagen vor Gericht lesen sich wie ein Tagebuch aus der Hölle.

«Wir reisten mit grossen Lastwagen und wurden von einer Reihe Pick-ups angehalten, auf denen Maschinengewehre montiert waren», berichtete etwa Alay, 38. Die Entführer hätten ihre Gruppe von 130 Flüchtlingen sechs Tage durch die Wüste getrieben, bis zu einem Haus am Rande der libyschen ­Wüstenstadt Sabha.

Mit den Handys der Entführten haben Elmi M. und die anderen die Angehörigen angerufen. Um Druck aufzusetzen, wurden die Gefangenen gefoltert. «Wir mussten zusehen, wie Elmi M. und seine Männer unsere Begleiter mit verschiedenen Geräten folterten, darunter mit Schlagstöcken und Elektroschocks. «Einen nach dem anderen», gab Haile, 25, im Prozess gegen M. zu Protokoll.

Einer der Überlebenden der Schiffskatastrophe in Lampedusa im Oktober 2013. Viele aus seiner Gruppe wurden von Elmi M. in der Sahara gefoltert.

Einer der Überlebenden der Schiffskatastrophe in Lampedusa im Oktober 2013. Viele aus seiner Gruppe wurden von Elmi M. in der Sahara gefoltert.

Auch er selber wurde misshandelt. Seine Mutter in Eritrea musste ihr Haus, in dem sie lebte, verkaufen, um die 3300 Dollar Lösegeld für ihn bezahlen zu können.

«Für mich und meine Schwester haben sie 6600 Dollar er­halten», sagte Merhawi, 26, aus. Die Schwester starb später auf dem Unglücksboot.

Die Zeugen schilderten im Prozess, dass alle Frauen der Gruppe vergewaltigt wurden, wie auch die Zeugin Okba, 18. «Meine Ver­gewaltiger benutzten keine Ver­hütungsmittel», sagte sie später der Zeitung «La Repubblica». Ihre Freundin Sara, 16, die später ebenfalls ertrank, sei von drei Männern, darunter Elmi M., vergewaltigt worden. Andere Zeugen berich­teten, die jungen Frauen seien Besuchern des Kerkers als «Geschenk» angeboten worden.

Am 15. April dieses Jahres hat ein Schwurgericht Elmi M. in zweiter Instanz zu 30 Jahren Haft verurteilt, unter anderem wegen Menschenhandels und Vergewaltigung.

M. handelte nicht allein. Er stand in direktem Kontakt mit ­anderen Schleppern, die teilweise gar das Lösegeld bezahlten, um den Flüchtlingen dann ihrerseits Geld für die Überfahrt nach ­Europa abzupressen.

In ihrem Haftbefehl beschrieben die Ermittler aus Palermo die Kontakte zwischen Elmi M. und seinen Komplizen an der Mittelmeerküste: «Die Gruppe, an deren Spitze Elmi M. stand, organisierte den Transport der Flüchtlinge, die das Lösegeld bezahlt hatten, auf einer geplanten Route mit mehreren Fahrzeugwechseln bis nach Tripolis. Dort wurden sie einem Komplizen von Ermias Ghermay übergeben

Etappe 4

20 Kilometer nördlich der libyschen Küste: Flüchtlinge schwimmen einem Rettungsschiff entgegen

Ermias Ghermay ist bis heute wohl der meistgesuchte Schlepper der Welt. Er schickte laut Anklage ­Tausende Flüchtlinge auf kaum seetüchtigen Booten übers Mittelmeer, Hunderte von ihnen in den Tod. Dabei verdiente er Hunderttausende Euros mit der Hoffnung der verzweifelten Menschen.

Nachdem er 366 Menschen bei Lampedusa in den Tod schickte, machte ihm selbst John Mahray, der danach aus dem Sudan anrief, Vorwürfe. Er habe das Boot überladen. Ghermay antwortete sec: «Du weisst doch, wie man das macht.»

Ghermay sorgte sich nach der Katastrophe laut Ermittlern vor allem um seinen Ruf, er habe gar seinen Namen ändern wollen, um keine Kunden zu verlieren. Gleichzeitig beklagt er sich in Telefongesprächen, dass nur seine Unglücksfahrt so viel Medienecho auslöste. «Viele sind mit anderen Organi­satoren gereist, kamen nie an und sind nun Fischfutter», sagte er. «Aber keiner spricht darüber.»

Von Ghermay existiert nur ein Phantombild. Er soll etwa 40 Jahre alt sein, 1,73 Meter gross, übergewichtig. Gemäss Haftbefehl lebt seine Frau in Deutschland. Doch auch in die Schweiz hatte der ­Gesuchte Kontakte.

Am 7.  Juli 2014 erhielt Ghermay einen Anruf, bei dem ihm der Gesprächspartner eine Handynummer diktierte, die der Libyer anrufen soll. Es ist eine 079er-Nummer, und sie gehört einer ­jungen Frau.

Flüchtlinge die Schiffbruch erlitten werden von einer Fregatte gerettet.

Flüchtlinge die Schiffbruch erlitten werden von einer Fregatte gerettet.

Die Dame mit Schweizer Nummer sei «vermutlich eine Verwandte», heisst es in den Akten. Die Frau selber rief aus der Schweiz mehrfach an und sagte, sie wolle mit Ghermay über Geld reden, unter anderem für den Kauf einer Uhr. Ein anderer Schlepper sagte, Ermias habe sein Geld in Israel und der Schweiz.

In Libyen führen sich die Schlepper auf wie Popstars, berichten die Flüchtlinge. Einige kleiden sich wie die Dandys im Westen, hören Rapmusik und zeigen ihre Kalaschnikows im offenen Wagen.

Einer, der sich auf Facebook vermarktete und sich mit Komplizen via Chatsoftware Viber austauscht, ist Medhane Y., 35, der zweite grosse Bootsschlepper in Tripolis. Er nennt sich «Der General» und sagte am Telefon: «Ich habe einen Stil wie Ghadhafi.»

Er brüstete sich, wie er «20 Flüchtlinge pro Tag» mit Bestechungsgeldern aus den Kerkern in Libyen holte, um ihnen dann Geld für die Fahrt übers Mittelmeer abzupressen. Er kaufe auch «Pakete von Flüchtlingen direkt aus dem Sudan von John Mahray und Konsorten.

Medhane Y. sperrte laut Zeugen jeweils Hunderte Flüchtlinge in einem Lagerhaus in einem Vorort von Tripolis ein. Die Wachen hätten Kalaschnikows und Makarow-Pistolen getragen.

Flüchtlinge auf einem Schlauchboot

Flüchtlinge auf einem Schlauchboot

Eine junge Frau schilderte, wie sie von betrunkenen Wachen belästigt wurde und wie sie später an den Strand gescheucht wurden, wo bereits 1000 Männer, Frauen und Kinder auf die Boote warteten.

Flüchtlinge bezahlen Medhane Y. oder Ghermay in der Regel bis zu 1600 Dollar für die Überfahrt. Ghermay hat laut Haftbefehl darüber eine komplexe Buchhaltung geführt, bei der jeder Flüchtling eine Nummer erhielt – um sicherzugehen, dass alle bezahlten. Die beiden dürften inzwischen Millionäre sein. Am 26. Mai 2014 erzählte Medhane Y. am Telefon, er kaufe gerade ein Haus.

Seit letzten Mai haben die italienischen Behörden einen Mann in Haft, von dem sie nach Stimmenanalysen überzeugt sind, er sei Medhane Y.. Der Mann selber sagt, er sei verwechselt worden.

Zuvor konnte sich der mutmassliche Schlepperboss jedenfalls frei bewegen. Im Haftbefehl der italienischen Ermittler steht, er habe eine Frau und eine Geliebte in Schweden besucht.

Er reiste mehrfach nach Nordeuropa, die Akten listen verschiedene weitere Freundinnen von ihm auf. Auch der Kronzeuge der Ermittler kannte Medhane Y.: «Eine der vielen ­Frauen, die er hatte», so der Zeuge, «lebt in der Schweiz.»