Etappe 5

«Kommen die Schiffe?», fragte ­Libyen-Boss Ermias Ghermay am 6. Juni 2014. Er telefonierte gerade mit Asghedom G., 41, den die Ermittler längst als Europaboss identifiziert haben. G. ist in Sizilien. Es gäbe «viel Bewegung», und «die Boote kommen», erklärt er seinem Partner in Libyen.

Vor ein paar Tagen seien allein 1000 Flüchtlinge von Medhane Y. gekommen. Die beiden vereinbarten gleich am Handy, dass Ghermay künftig alle seine Flüchtlinge aus Libyen direkt an Asghedom G. «liefert». Ghermay: «Ein Schiff ist grad in Vorbereitung – und alle Passagiere sind für dich.»

Was das bedeutet, sollten die italienischen Ermittler bald erkennen. Innert weniger Monate, ab Mai 2014, hatte G. von Sizilien aus 21 249 Telefonkontakte allein mit seinen 24 wichtigsten Gehilfen.

Die Ermittler erklären das System folgendermassen: Sobald der Chef informiert wurde, dass ein Boot kam, also fast täglich, «schwärmten die Gehilfen aus». Sie hätten den Auftrag, die Flüchtlinge sofort von den Schiffen zu holen oder sie aus den Auffanglagern zu schleusen, und zwar bevor ihre Fingerabdrücke registriert werden.

Sind die Flüchtlinge einmal biometrisch erfasst, müssen sie laut Dublinabkommen in Italien bleiben. Der Weg zu ihren Verwandten in der Schweiz und weiter im Norden wäre für immer versperrt. Um das zu verhindern, bezahlen die Eritreer den Schleppern fast jede Summe.

Also liess Asghedom G. die Neuankömmlinge mit kleinen ­Fiats und Mazdas von seinen Chauffeuren, notfalls sogar mit Taxis, von der Küste holen. «Immer nur drei oder vier aufs Mal», wie er am Telefon erklärte – um nicht aufzufallen.

In Catania, an der sizilianischen Ostküste, hatte er ein Haus gemietet. Dort pferchte er die Flüchtlinge ein. «Ich habe gerade 117 in dem Haus», erzählte er am 28. Juli 2014 am Telefon, «notfalls lass ich sie im Stehen schlafen.»

Wenn G.s Wohnung überfüllt war, schmuggelten seine Gehilfen die Flüchtlinge nicht registriert in Europas grösstes Flüchtlingslager in Mineo im Landesinnern, und liessen sie dort vom Staat verpflegen. Die Ermittler entdeckten auch eine kleine Bar in der Via Santa Rosselina in Palermo, wo sich die unregistrierten Flüchtlinge von den Booten sammelten.

Flüchtlinge warten vor der Schleppper-Bar in Palermo

Flüchtlinge warten vor der Schleppper-Bar in Palermo

Asghedom G. und seine Gehilfen, so die Ermittler, liessen die eingepferchten Flüchtlinge erst weiterreisen, wenn sie bezahlt hatten. Am 9. Juli 2014, morgens kurz vor neun, plauderte G. mit einem Kollegen und erzählte nebenbei, er warte gerade vor der Bank mit einer Frau.

Die Migrantin solle um neun das Geld für ihn direkt aus dem Automaten holen. Erst danach dürfe sie weiterziehen. Das Geschäft, sagte er bei anderer Gelegenheit, bringe «schöne Profite».

Offiziell ist Asghedom G. ein Flüchtling. Er meldete sich am 10. Juni 2013 in Sizilien bei den Behörden, liess sich ­registrieren und behauptete, er sei verfolgt. Am 15. April 2014 wurde er offiziell als «politischer Flüchtling» anerkannt und erhielt eine Aufenthaltsgenehmigung.

Offiziell gemeldet war er im Flüchtlingslager Mineo. Doch am Telefon sagte er einem Kumpel, er gehe da eigentlich vor allem hin, «um Frauen zu sehen».

Erst im Sommer 2015 gelang es den italienischen Behörden, ihn zu verhaften. Doch davor konnte der mutmassliche Schlepperboss dank seines Flüchtlingsstatus ­problemlos reisen – zum Beispiel in die Schweiz.

Nachdem er seine Ankunft mit seinem Anruf im Emmental vorbereitete, reiste er Anfang Juli 2014 nach Genf, um dort seine Cousine zu besuchen.

Kurz darauf flog der angeblich politisch Verfolgte mit dem Flugzeug in seine Heimat ­Addis Abeba in Äthiopien und kehrte schon bald unversehrt nach Sizilien zurück, um seine Geschäfte wiederaufzunehmen. Vor einem Freund brüstete er sich am 6. Juli 2014 am Telefon, die Einreise nach Äthiopien sei «kein Problem» ­gewesen.

Etappe 6

Im "Palast der Gestrandeten" im Osten Roms verstecken die Schlepper ihre "Kunden".

Noch bis im vergangenen Juni schlenderte Mikiele G. am Samstag des Öfteren in eine Parfü­merie namens Araya an der Via Volturno in der Nähe von Roms Hauptbahnhof. Der Kronzeuge der italienischen Ermittler schilderte, wie G. dort jeweils 280 000 bis 300 000 Euro in Empfang nahm – in bar.

Mikiele G., 24, aus Eritrea, ist laut Staatsanwalt der Schlepper­könig von Rom. Das Geld, das er holte, habe er zuvor Flüchtlingen ab­gepresst. Im "Palast der Gestrandeten" im Osten Roms, verstecken die Schlepper ihre "Kunden".

Eine versteckte Kamera der Ermittler in der Parfümerie filmte tatsächlich, wie täglich bis zu 90 Flüchtlinge vorbeikamen, Geld deponierten oder holten. Als die Polizei am vergangenen 13. Juni den Laden stürmte, fanden sie 526 190 Euro und über 25 000 Dollar in bar.

Aufnahmen einer versteckten Kamera in der Parfumerie Araya in Rom. Die Schlepper setzten hier Millionen um.

Aufnahmen einer versteckten Kamera in der Parfumerie Araya in Rom. Die Schlepper setzten hier Millionen um.

Mikiele G. nahm die Flüchtlinge aus Palermo und Catania in Empfang. Bis zu 2000 versteckte er im sogenannten Palazzo Selam, einem riesigen Fabrikgebäude in der Via Arrigo im Osten Roms, der von vielen Illegalen genutzt wird. Im Volksmund heisst er der Palast der Gestrandeten.

G. verlangte Geld für die Reise nach Mailand. Dort in der Po­ebene war gemäss den Ermittlern bis 2015 der letzte der acht Schlepperkönige stationiert: Efrem A., 26, ebenfalls aus Eritrea.

«Er kümmerte sich darum, die Flüchtlinge von Stationen in Mittelitalien über die Grenze in die Schweiz zu bringen», steht im Haftbefehl. Am 10. Juli gab Asghedom G. zum Beispiel telefonisch den Auftrag an Efrem A., Flüchtlinge in die Schweiz zu begleiten, die nach Zürich wollten.

Die Bilder der gestrandeten Flüchtlinge in Como haben in den vergangenen Wochen gezeigt, dass viele dieser Operationen scheitern. Doch den Schleppern kann das gleichgültig sein, sie erhalten ihr Geld vorher.

Gestrandete Flüchtlinge in Como

Gestrandete Flüchtlinge in Como

Was die Schlepper selber angeht, so scheinen sie ­wenig Probleme zu haben, in die Schweiz zu kommen.

Als die Italiener einen der Hauptverdächtigen und wichtigen Komplizen von Asghedom G. am 27.  November 2014 überwachen wollten, stellten sie überrascht fest, dass er verschwunden war. «Offensichtlich hat der Betreffende seinen Wohnsitz in die Schweiz verlegt», schreiben die Staatsanwälte.

Mikiele G. aus Rom und Efrem A. wurden verhaftet. Doch die Italiener fahnden derzeit noch immer nach einem anderen Komplizen von einem der Hauptschlepper in Libyen. Er hat eine 076er-Nummer. Sein «Operationsgebiet», laut Haftbefehl: die Schweiz.

Eine Gruppe Eritreer wird von der Schweizer Grenzwache kontrolliert und aufgehalten

Schweizer Taskforce: «Wir haben davon reden hören ...»

Im Kampf gegen die Schlepper geht die Schweiz weniger weit als Italien. In Palermo werden die Schleuser und Menschenhändler wegen organisierter Kriminalität angeklagt und verurteilt – genau wie die Mafia. Die Staatsanwälte in Italien konnten vor Gericht nachweisen, dass die Schlepper als hoch organisierte Bande den Flüchtlingen Hunderttausende Euro abpressten. In der Schweiz wäre die Bundesanwaltschaft (BA) zuständig für Ermittlungen gegen das organisierte Verbrechen. Obwohl die Verfahren in Sizilien klar ergaben, dass sich die Bosse vom Sudan bis nach Chiasso absprechen, sieht die Behörde bei der Schlepperei keine organisierte Kriminalität. Die «Thematik» falle unter das Ausländergesetz, richtet die BA aus und verweist an die Kantone.
In der Tat entstand unter der Leitung der Kantonspolizei Tessin vor einem Jahr eine Taskforce zur Bekämpfung des organisierten Schleppertums. Nachdem 71 Männer, Frauen und Kinder in einem LKW erstickten, sagte Justizministerin Simonetta Sommaruga vor der Presse: «Wir dürfen und können nicht hinnehmen, dass sich solche Tragödien in Europa abspielen.» Gleichentags verkündete ihr Departement, die neue Taskforce nehme ihre Arbeit auf. Angesprochen auf die Ermittlungen in Sizilien und die Verbindungen in die Schweiz, sagt Taskforce-Leiter Christophe Cerinotti: «Wir haben davon reden hören, hatten bislang aber noch nichts damit zu tun.» Beim Bundesamt für Polizei hat man zwar «Kenntnis» vom Fall, doch habe man sich bislang darauf beschränkt, Anfragen der Italiener zu beantworten.

Impressum

Text
Dominique Botti und Oliver Zihlmann

Karten und Infografiken
Oliver Zihlmann und Titus Plattner

Gestaltung
Alexandre Haederli und Oliver Zihlmann

Fotos
Keystone (4), Reuters (2), Getty, Polaris Images, Seghen Tesfamariam, Pascal Mora, Tom Westcott, Staatsanwaltschaft Palermo