Chapeau,
Ihre Majestät!

Queen Elizabeth II wird 90. In ihrer Kleidung steckt viel mehr als nur Stoff. Sie nutzt sie clever für Imagepflege und Diplomatie

Klar doch: Ihre Majestät ist immer tadellos gekleidet. Das bringt ihr Beruf mit sich. Aber es geht bei ihrer Garderobe um viel mehr als bloss darum, adrett auszusehen. Es geht um ein Image. Es geht um die Macht der Bilder. Und das hat die Queen so sehr verstanden wie kaum eine andere Person der Öffentlichkeit.

Sie weiss um die Wirkung des Textilen, um die nonverbale Botschaft von Kleidern und auch um die Macht und Bedeutung derselben – und macht sie sich geschickt zunutze. Kleider sprechen eine leise, manchmal fast schon subversive, aber gleichzeitig eben auch ­immer unmissverständliche Sprache – bei einer Monarchin, die in der Regel schweigt, lächelt und winkt, ist sie daher von immenser Bedeutung.

Am nächsten Donnerstag wird Ihre Majestät 90, und das Datum ist auch der Startschuss für drei Ausstellungen, die sich ihrem Stil widmen.

«Fashioning A Reign: 90 Years of Style from the Queen’s Wardrobe» fokussieren die Ausstellungen an drei Standorten auf verschiedene Elemente der royalen Garderobe. Kuratorin Caroline de Guitaut sagt: «Die Kleidung der Königin war massgeblich daran beteiligt, eine Beziehung zwischen ihr und der Nation herzustellen.»

Wenn Elizabeth II. öffentlich auftritt, trägt sie ihr Bühnen-Outfit: das Queen-Kostüm. Ihre Auftritte sind Inszenierungen, es geht um ein Theaterstück, sie ist die Königin. Und muss zweifelsfrei und auf einen Blick als solche zu erkennen sein. Ihr Stil ist so unverkennbar, dass ihn die «New York Times» einst als «beinahe warholisch in seiner Pop-Einfachheit» beschrieben hat. Will heissen: Das Kostüm der Queen – farbenfroh, uni, Hüte, bequeme Pumps, kastige Hand­tasche – sagt selbst dann, wenn sie gar nicht drinsteckt, unmissverständlich «Die Queen».

Lange hat man Elizabeth II. in stilistischer Hinsicht unterschätzt. Man hielt sie für altmodisch und bieder, erst recht neben ihrer Schwiegertochter Diana, die ein ausgesprochen modisches Flair hatte und dieses vor allem für sich selbst zu nutzen verstand. Wie sorgfältig, diplomatisch und klug dagegen die Kleidung Ihrer Majestät gewählt war, entging dem gemeinen Betrachter. 2007 dann zählte sie die «Vogue UK» zu den glamourösesten Frauen der Welt. Es war die Zeit von «Cool Britannia» – und wer war britischer und damit cooler als die Queen?

Dolce & Gabbana entwarfen vor lauter Begeisterung eine ganze Kollektion, die von ihr inspiriert war: Röcke aus Tweed, die über das Knie fielen, kastige Taschen und Kopftücher geknotet à la Her Majesty. Es war eine Verneigung.
Die Klasse und der Stil der Königin bestehen aber nicht nur aus ihrer Garderobe – sie verkörpert auch Haltung und Disziplin. Eine wie sie wird es nicht mehr geben. In den nächsten drei Generationen stehen nur männliche Thronfolger bereit. Und die geben leider, was die Mode anbelangt, immer nur wenig her.

Die Ausstellung «Fashioning Reign:
90 Years of Style from the Queens Wardrobe» startet am 21. 4. im Holyroodhouse-Palast in Edinburgh, ist ab 23. 7. im Buckingham-Palast und ab dem 17. 9. im Schloss Windsor zu sehen. Sie dauert bis 8. 1. 2017.
royalcollection.org.uk

Gut gemogelt

Ihre Majestät trägt Hut, selbstverständlich. Immer passend zur Garderobe und immer in einer Form, die optisch ein paar Zentimeter an Körpergrösse hinzumogelt.

Hauptsache bunt

Die Queen liebt Farben, und das nicht ohne Grund: «Ich kann nie Beige tragen, man würde mich nicht erkennen», soll sie einmal gesagt haben. Damit sie aus der Menge heraussticht, setzt sie mit unifarbenen Kleidern, Mänteln und Hüten ein Statement.

Zarter Glamour

Auf dem Land und bei garstigem Wetter trägt die Queen gern Kopftuch, am liebsten eines ihrer zahlreichen Modelle von Hermès. Sie knotet sie immer mit einer einzigen, schlichten Schleife.

Sie mag es sowieso zurückhaltend, auch beim Make-up. Sie hat sich seit ihren Zwanzigern stets nur dezent geschminkt, ihrer Vorliebe für leuchtend roten Lippenstift ist sie aber seit Jahrzehnten treu geblieben, weil er perfekt mit ihrem hellen Teint harmoniert. Es soll sich dabei, wie die britische «Vogue» einst vermeldete, um einen Ton der Marke Elizabeth Arden handeln. Charmantes Detail: Ihre Majestät zieht sich die Lippen wie unsereins ganz unroyal auch in der Öffentlichkeit nach. Eigenhändig, versteht sich.

Ticks & Tricks

1 Die Perlenkette
Ein Synonym für die Queen. Sie weiss um deren diskreten Glamour und trägt fast immer eine dreireihige Kette, die sie von ihrem Grossvater König George V. 1935 erhalten hat. Ihr Vater wiederum führte die von Queen Victoria eingeführte Tradition weiter und schenkte seinen Töchtern Elizabeth und Margaret zu jedem Geburtstag zwei Perlen.

2 Der raffinierte Schnitt
Die Mäntel der Königlichen Hoheit sind so konzipiert, dass beim Heben des Arms – etwa beim Winken – nichts verrutscht. Es wird soviel Stoff mit einberechnet, dass ihr Erscheinungsbild nie durch Bewegungen beeinträchtigt wird.

3 Die Handtasche
Alle Stylisten versuchten sie ihr auszureden, weil sie zu gross sei und zu unpassend – vergeblich: Bis heute hält Elizabeth II. stur an ihrem Lieblingsmodell von Launer fest, sie lässt sogar die Henkel so anpassen, dass die Tasche bequem am Unterarm baumelt und sich nicht in den Manschetten oder Knöpfen verheddern kann. Dass sie sich weigert, ein kleineres Täschchen zu tragen, kommt nicht von ungefähr.
Das gänzlich unschicke, durchaus alltagstaugliche Modell symbolisiert: Ich arbeite. Und ich brauche dafür eine Handtasche in einer vernünftigen Grösse wie alle anderen Frauen auch. Sie demonstriert damit subtil Volksnähe.

4 Die versteckten Gewichte
In ihrer 63-jährigen Amtszeit hat die Queen nicht eine einzige sogenannte Wardrobe-Malfunction erlebt: Die Königin mit einem Jupe, der vom Wind gelüpft wird? Undenkbar. Und damit alles sittsam an Ort und Stelle bleibt, wird vorgesorgt: Die Säume von Röcken und Mänteln sind mit Gewichten beschwert.

5 Die Pumps
Ihre Majestät ist 90 – und trägt immer noch Absätze! Exakt zwei Inches sind die hoch, also fünf Zentimeter. Die Modelle werden von Anello & Davide in Kensington, London, für die königlichen Füsse massgefertigt.

Grosse Schmuck-Schatulle

Nebst der Schmuckschatulle der Queen sieht selbst jene von Liz Taylor schäbig aus: Sie besitzt Diamanten von unschätzbarem Wert und trägt sie gern und oft. Und irgendwie auch immer wie ganz nebenbei.

Perfekt kombiniert

Was die Queen trägt, macht ihr Stylisten-Team von der Umgebung abhängig und komponiert damit ihren optischen Auftritt wie ein Maler ein Bild. Pflanzt sie etwa einen Baum, trägt sie die Kontrastfarbe zu Grün.

Und um jeglichen Fauxpas zu vermeiden, wird an alles gedacht: An der Eröffnung der Olympischen Spiele 2012 in London kleidete sie sich in Rosa, um keine Nähe zu einer der teilnehmenden Nationen zu suggerieren.

Einweihung eines Abschnittes der Elizabeth Line in London am 23. Februar 2016.

Einweihung eines Abschnittes der Elizabeth Line in London am 23. Februar 2016.

Ausser Dienst

Der Biograf von Queen Mum hat einst gesagt, Elizabeth II. ziehe sich privat besser an als in der Öffentlichkeit. Auf jeden Fall hat sie ein ausgeprägtes Flair für zeitlose Klassiker: Sie trägt Tweed, knielange Faltenjupes, Barbour-Jacken, Karos (entweder im königlichen Stewart- oder Balmoral-Muster), Schnürschuhe. Und dazu ihre Perlen.

Diplomatie und Zurückhaltung

Die Windsors mochten es nie protzig. Erst recht nicht in den Kriegsjahren. Und wie heiratet man als Prinzessin 1947, wenn das Volk darbt? Die junge Elizabeth entschloss sich nicht für Zurückhaltung, sondern dafür, mit dezentem Prunk die Untertanen wieder von Glanz und Gloria träumen zu lassen.

Bei ihrer Krönung indes stand dann die Politik im Vordergrund: Die unzähligen Stickereien auf ihrem Kleid zeigten Symbole der Nationen des Commonwealth – und standen als Sinnbild für dessen Zusammenhalt.

Margaret (l.) und Elizabeth spielen im Garten auf Royal Lodge im Juni 1936.

Margaret (l.) und Elizabeth spielen im Garten auf Royal Lodge im Juni 1936.

Hochzeit: Prinzessin Elizabeth und ihr Gemahl, Philip Mountbatten, am 20. November 1947.

Hochzeit: Prinzessin Elizabeth und ihr Gemahl, Philip Mountbatten, am 20. November 1947.

Krönung in Westminster Abbey, London: Königin Elizabeth II., 2. Juni 1953.

Krönung in Westminster Abbey, London: Königin Elizabeth II., 2. Juni 1953.

Elizabeth (M.), mit ihrem Erstgeborenen Charles nach der Taufzeremonie 1948 im Kreis der Familie: Ihr Vater, König Georg VI. (l.), Prinz Philip (h.) und ihre Mutter Elizabeth.

Elizabeth (M.), mit ihrem Erstgeborenen Charles nach der Taufzeremonie 1948 im Kreis der Familie: Ihr Vater, König Georg VI. (l.), Prinz Philip (h.) und ihre Mutter Elizabeth.

Elizabeth II. mit ihren Corgis im Sommer 1971 auf Balmoral Castle.

Elizabeth II. mit ihren Corgis im Sommer 1971 auf Balmoral Castle.

Die königliche Familie auf Balmoral Castel, Schottland (Foto oben, v. l.): Prinzessin Anne, die Prinzen Charles, Edward und Andrew, Elizabeth II. und Prinz Philip.

Die königliche Familie auf Balmoral Castel, Schottland (Foto oben, v. l.): Prinzessin Anne, die Prinzen Charles, Edward und Andrew, Elizabeth II. und Prinz Philip.

Zahlen & Fakten

341
öffentliche Auftritte absolvierte die Queen letztes Jahr. Und jedes einzelne Mal sah sie tadellos aus.

10 000
Outfits hat die Queen in ihrer Amtszeit getragen, jene, die mehrfach verwendet oder abgeändert wurden, natürlich nicht mitgezählt.

11
Personen umfasst ihr Stylisten-Team, das seit 2002 von Angela Kelly geleitet wird.

3
verschiedene Ausstellungen widmen sich ab dem 21. April der königlichen Garderobe, jede mit eigenem Fokus.

24
Karat (fast). Daraus besteht ihre berühmte Williamson-Brosche, die aus dem reinsten rosafarbenen Diamanten der Welt gefertigt wurde.

266
Überseebesuche in 119 Ländern hat sie in ihrer bisherigen Amtszeit absolviert. Die Kleidung für jeden Besuch wurde sorgfältigst ausgesucht.

Impressum

Text
Bettina Weber

Fotos
Reuters (1)
Getty Images (40)

Gestaltung
Natalie Hauswirth