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selbst

Ratgeber-Literatur boomt.
Der Drang nach Optimierung
und Perfektion endet jedoch meist im Frust

Man hört sie förmlich ächzen unter der Last, die Gestelle in den Buchhandlungen. Sie sind vollgepfercht mit Ratgebern, für jede Lebens­lage findet sich da etwas:

Sie wollen schlanker werden?
Klüger?
Reicher?
Gelassener?
Erfolgreicher?
Faszinierender?
Sie wollen der beste Vater der Welt sein, das Genie in Ihrem Kind fördern oder Ihre Beziehung erotisch behalten?

Kein Problem, lässt sich machen: Zwischen zwei Buchdeckeln findet sich garantiert die Anleitung dafür.

Die Lebenshilfe-Literatur fristet ihr Dasein längst nicht mehr verschämt in der Esoterikecke, sondern wird prominent beim Eingang platziert.

Weil es nicht mehr als anrüchig gilt, sich mit sich selbst zu beschäftigen, sondern als chic. Und als Pflicht.

Wenn Besuch kommt, werden die Bücher absichtlich auf dem Couchtisch drapiert, womit man signalisiert: Ich bin ein bewusster Mensch. Ich arbeite an mir. Du etwa nicht?

Die Bibel ist out, der Ratgeber das neue Evangelium.

Und so vermeldet der grösste Schweizer Buchhändler Orell Füssli Thalia für 2015 eine Verkaufs­zunahme von 13 Prozent in diesem Segment; im Geburtsland der «How to»-Literatur, den USA, ist es längst ein Milliarden-Dollar-Geschäft.

Wenn man weiss, dass jene, die einmal ein Selbsthilfebuch gekauft haben, in der Regel ein zweites und drittes und viertes kaufen, leuchtet es ein, dass der Rubel rollt.

Denn es gibt ja allenthalben etwas zu verbessern. An der Fassade genauso wie innen drin. Ja, das Leben an sich birgt ungeheuer viel Optimierungspotenzial, da ist ständig Luft nach oben.

Der moderne Mensch ist beseelt vom Wunsch nach dem perfekten Leben.

Und weil die Bibel nicht mehr sexy genug ist, um entsprechende Antworten zu liefern, und der Pfarrer als Seelsorger ausgedient hat, dienen die Ratgeber als neues Evangelium für all jene, die eigentlich alles haben, aber trotzdem nicht zufrieden sind.

Denn wenn die Religion keinen Halt mehr bietet, Traditionen über den Haufen geworfen werden und alles erlaubt scheint, stellt sich kein Gefühl der Freiheit ein, sondern ein Gefühl der Hilflosigkeit: Statt in klar definierten Bahnen zu verlaufen, ist das Leben in den westlichen Zivilisationsgesellschaften von Kreuzungen dominiert, deren zahlreiche Abzweigungsmöglichkeiten sich als Bürde erweisen.

Die unzähligen Optionen, die zur Verfügung stehen, machen orientierungslos.

Freunde gewinnen? Freunde loswerden? Mit «How to»-Büchern kann man angeblich alles lernen.

Verstärkt wird diese Verunsicherung durch das sich ausbreitende Phänomen «social comparison dis­order», also dem Neid, der entsteht, wenn man sich mit anderen vergleicht.

Und nie war das so einfach wie heute, wo alle ihr vermeintlich perfektes Leben auf Instagram und Facebook zur Schau stellen.

Durch die Bildergalerien anderer zu surfen, macht aber, wie zahlreiche Untersuchungen gezeigt haben, vor allem unglücklich; es entsteht das Gefühl, ärmer, langweiliger, dicker, einsamer, glanz- und überhaupt insgesamt erfolgloser zu sein.

Da muss Abhilfe geschaffen werden. Mit einem Buch.

So, wie Ikea-Möbel mit einer Anleitung zusammengebaut werden, sollen die Bücher als Anleitung für ein besseres Ich, für ein besseres Leben dienen.

Nicht von ungefähr wird die Selbsthilfeliteratur auch als «Bibliotherapie» bezeichnet: Ein «How to»-Buch zu lesen, ist diskreter als ein Besuch beim Therapeuten und günstiger noch dazu.

Vermutlich auch genauso wirkungslos, denn häufig bestehen die Bücher aus einem leicht verdaulichen und massentauglichen Mix aus Esoterik und Banalitäten, gerne auch mit einem pseudowissenschaft­lichen Anstrich versehen.

Und behandelt werden meist Probleme, die eigentlich keine sind. Es geht deshalb in der Regel nicht um Handfestes, sondern um Selbst­optimierung. Es ist zum Lifestyle geworden.

Worin dieser besteht, hat viel mit der jeweiligen Zeit zu tun. Dale Carnegies Ur-Selbsthilfebuch «Wie man Freunde gewinnt – Die Kunst, beliebt und einflussreich zu werden» aus den Fünfzigern wurde bis heute 16 Millionen Mal verkauft.

Es befindet sich bei Amazon.com immer noch auf der Liste der meistgekauften Bücher, denn Freunde braucht man immer, und beliebt sein kommt auch nie aus der Mode.

Das Ur-Selbsthilfebuch «Wie man Freunde gewinnt» des  US-Kommunikations- und Motivationstrainers Dale Carnegie erschien 1936. 

Aus derselben Zeit datiert ein anderer Klassiker, nämlich Norman Vincent Peales «Die Kraft des positiven Denkens», ebenfalls bis heute ein Renner, weil diese Haltung dafür sorgen soll, dass man länger lebt (Ende Jahr hat zwar eine im Magazin «Lancet» veröffentlichte Studie anhand einer Million Britinnen nachgewiesen, dass es für die Lebenserwartung keine Rolle spielt, ob man eine optimistische oder pessimistische Weltanschauung an den Tag legt, aber dieses Fazit taugt nicht zum «How to»-Buch. Noch nicht).

«Betrachte immer die helle Seite der Dinge oder reibe die dunkle, bis sie glänzt.» Norman Vincent Peales erstes Buch: «Die Kraft des positiven Denkens» erschien 1952.

«Als junger Mann in NY war ich sehr unglücklich. Um leben zu können, verkaufte ich Lastwagen, und ich hatte keine Ahnung, wie die funktionierten», schrieb Dale Carnegie über die Zeit vor seiner Karriere als Erfolgstrainer. Sein Buch «Wie man Freunde gewinnt» wurde 1936 zum Bestseller.

In den Siebzigern kam mit dem New Age der Gedanke auf, dass alles möglich sei (darauf beruht auch das in gewissen Kreisen wie eine Bibel verehrte «The Secret» von Rhonda Byrne aus dem Jahr 2006), in den Neunzigern lancierte Daniel Goleman die «Emotionale Intelligenz», der Begriff EQ wurde zum gängigen Begriff.

«Was nützt ein hoher IQ, wenn man ein emotionaler Trottel ist?», fragt der US-Psychologe Daniel Goleman, Author von «EQ. Emotionale Intelligenz».

Und obschon es nicht mehr ratsam war, ein gefühlskalter Pflock zu sein, kam kurz darauf der Wunsch nach einem messerscharfen Verstand wieder auf; Rolf Dobelli schrieb mit «Die Kunst des klaren Denkens» einen Bestseller genauso wie der Nobelpreisträger Daniel Kahneman mit «Schnelles Denken, langsames Denken».

Und selbst die Philosophen mischten mit: Alain de Botton veröffentlichte gleich eine ganze Reihe Anleitungen, deren Titel stets mit «Wie» begannen («Wie man richtig an Sex denkt», «Wie man die richtige Arbeit für sich findet», «Wie man den Verstand behält») .

Heute geht es um Glück, Effizienz, Achtsamkeit und vor allem Gelassenheit (das gleichnamige Buch von Wilhelm Schmid war 2015 der meistverkaufte Titel in der Selbsthilfe-Sparte bei Orell Füssli) und, ganz neu, um «Decluttering», also ums Entrümpeln.

Der Ratgeber von Marie Kondo steht seit Wochen auf der Bestseller­liste der «New York Times» und bei derjenigen von Amazon.com auf Platz 1.

Es passt perfekt, dass die dingliche Entschlackung und das Ordnungschaffen gerade jetzt propagiert werden und auf offene Ohren stossen, wo ausserhalb der eigenen vier Wände alles aus den Fugen zu geraten scheint.

«Das wahre Leben beginnt nach dem Aufräumen», erklärt Marie Kondo, Autorin von «Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert».

Was sich immer gleich bleibt: dass Frauen vor allem sogenannte Revocery-Bücher schreiben.

Sie berichten darin in Ich-Form, wie sie sich endlich mit ihrer Figur, ihrem Alter, ihren Falten angefreundet haben. Wie sie eine schlimme Trennung überstanden haben. Wie sie nun auch als Si­ngle oder kinderlos glücklich sind.

Männer versuchen sich eher im praktisch-kopflastigen Bereich, und was garantiert immer hinhaut, ist ein Ernährungsratgeber. Wenig überraschend angesichts der immer dicker werdenden westlichen Bevölkerung.

Dass für eine Gewichtsreduktion die Kalorienzufuhr schlicht so reduziert werden muss, dass sie unter dem Kalorienverbrauch liegt, reicht nicht – es braucht ein Heilsversprechen zwischen zwei Buchdeckeln.

«Der Glaube an Gott und der Glaube an dich selbst gehören zusammen.» Der Lebenshilfe-Autor Norman Vincent Peale war Pfarrer in New York.

So tröstlich das reiche Angebot erscheint, so bedrohlich ist es aber auch.
Denn hinter der Haltung, mit einer Bedienungsanleitung fürs Leben lasse sich alles erreichen, wenn man nur das richtige Buch lese, steckt ein latenter Vorwurf: Wenn du dick Schrägstrich arm Schrägstrich erfolglos bist, ist das allein deine Schuld.

Ganz nach der «Logik» des positiven Denkens, wonach es keine Probleme gebe, nur «problematisches Denken».

Die Britin Ruth Whippman seziert in ihrem soeben erschienenen Buch «The Persuit of Happiness and Why It’s Making Us Anxious» mit grandioser Schärfe die fatale Jagd nach Glück und Perfektion.

Sie beschreibt, wie das Streben danach letztlich krank macht: Untersuchungen zeigen, dass Menschen, die über ein gesundes Selbstvertrauen verfügen, am ehesten von den «How to»-Mantras profitieren, während jene, die danach wie nach einem Rettungsring greifen, sich dadurch noch schlechter und ungenügender fühlen – weil ihnen erst recht bewusst wird, dass sie das ersehnte Ziel nie erreichen werden.

Es fehlt eindeutig an einem Ratgeber für jene, die von den Ratgebern enttäuscht sind.

«Zeigt Gefühle! Auch die nicht vorhandenen.» Der Schweizer Bestsellerautor Rolf Dobelli.

Impressum

Text
Bettina Weber

Fotos
Cortis+Sonderegger (2)
Getty (3)
Visum (1)

Gestaltung
Andrea Bleicher