Als hätte man sein
Haustier abgegeben

Warum in der grössten Handyreparatur-Werkstatt
der Schweiz so schnell gearbeitet werden muss

Bis zu 250' 000 Geräte im Jahr werden in der Werkstatt in Zweidlen ZH repariert. Es eilt, die Besitzer wollen nicht lange von ihrem Smartphone getrennt sein.

Bevor die Techniker von Mobiletouch Smartphones ­flicken, stecken sie sie in den Backofen. Das Rezept ist einfach. Bei 80 Grad acht Minuten erwärmen, aber auf keinen Fall länger, sonst nimmt die Batterie Schaden. Vorsichtig herausnehmen, ein Werkzeug mit zwei kleinen Saugnäpfen auf das Display legen und ganz langsam anheben. Und schon liegen die Innereien des Gerätes frei.

Früher waren die Handys geschraubt. Das machte die Reparatur einfacher. Und lustiger.

Früher waren die Handys geschraubt. Das machte die Reparatur einfacher. Und lustiger.

Früher waren die Handys geschraubt. «Das machte die Reparatur einfacher», sagt ein Mitarbeiter. Und lustiger. Die in weisse Kittel mit feinen blauen Streifen gekleideten Techniker wetteiferten, wer die Modelle am schnellsten auseinandernehmen kann.

Heute landet praktisch alles im kleinen Ofen, weil die meisten Geräte verleimt sind.

Wer sein Handy von den Mobilfunkanbietern und von Händlern wie Mediamarkt, Fust, M-Electronics und Interdiscount reparieren lässt, dessen Gerät landet auf den Tischen der 80 Techniker im zürcherischen Zweidlen.

80 bis 90 Prozent der Reparaturen fallen auf zwei Marken: Samsung und Apple.

80 bis 90 Prozent der Reparaturen fallen auf zwei Marken: Samsung und Apple.

Es ist die mit Abstand grösste Handyreparaturwerkstatt der Schweiz. Im Lager stapeln sich sauber sortiert Ersatzteile für alle denkbaren Modelle. Der Bestand reicht bis zu sechs Wochen.

Acht weitere, kleinere Standorte von Mobiletouch in der ganzen Schweiz bieten einen Sofort-Service. Das Unternehmen repariert zwei Drittel aller Schweizer Handys. Bis zu 250 000 Geräte sind es im Jahr, bis zu tausend am Tag.

80 bis 90 Prozent der Reparaturen entfallen auf zwei Marken: Samsung und Apple. Defekte Smartphones ­gehen zurück an die Hersteller, die die wertvollen Teile wiederverwenden.

Um 6 Uhr morgens beginnen die Mitarbeiter mit dem Auspacken, Kontrollieren und Sortieren.

Um 6 Uhr morgens beginnen die Mitarbeiter mit dem Auspacken, Kontrollieren und Sortieren.

Der Rhythmus in Zweidlen ist hoch. Morgens um 4 Uhr bringen Spediteure die ersten 500 bis 600 der am Vortag abgegebenen Geräte. Um 6 Uhr beginnen die Mitarbeiter mit dem Auspacken, Kontrollieren und Sortieren.

An der Decke hängt ein Bildschirm, der den Mitarbeitern zeigt, ob sie im Soll liegen.  Bis 15.30 Uhr sollten 60 Prozent der Geräte die Werkstatt wieder verlassen haben.

An der Decke hängt ein Bildschirm, der den Mitarbeitern zeigt, ob sie im Soll liegen. Bis 15.30 Uhr sollten 60 Prozent der Geräte die Werkstatt wieder verlassen haben.

Samsung verlangt, dass die Geräte nur einen Tag im Reparaturzentrum sind. An der Decke hängt ein Bildschirm, der den Mitarbeitern anzeigt, ob sie im Soll liegen. Bis 15.30 Uhr sollten 60 Prozent der Geräte die Werkstatt wieder verlassen haben. Wenn nicht, geht Geschäftsführer Roger Wassmer gegen Abend durch die Gänge und sagt den Technikern, sie müssten sich sputen.

Mobiletouch machte letztes Jahr einen Umsatz von rund 28 Millionen Franken. Das Unternehmen profitiert vom Smartphone-Boom. Die Geräte sind teurer, man lässt sie eher reparieren.

Der Job ist anstrengend, Techniker nicht einfach zu finden. Auch weil der Anfangslohn kaum über 4000 Franken liegt.

Samsung verlangt, dass die Geräte nur einen Tag im Reparaturzentrum sind.

Mobiletouch wurde in den Neunzigerjahren gegründet und 2012 vom Handyverkäufer Mobilezone übernommen. Das Unternehmen machte letztes Jahr einen Umsatz von rund 28 Millionen Franken.

Es profitiert vom 2008 ausgebrochenen Smartphone-Boom. Diese Geräte sind teurer und wertvoller als die einfachen Handys von früher. «Darum werden sie eher repariert», erklärt Roger Wassmer.

Roger Wassmer, 43, leitet Mobiletouch.  Den Besitzer sei immer wichtiger «das Gerät so schnell wie möglich wieder in ihren Händen haben», sagt er.

Roger Wassmer, 43, leitet Mobiletouch. Den Besitzer sei immer wichtiger «das Gerät so schnell wie möglich wieder in ihren Händen haben», sagt er.

Der 43-Jährige, der das Unternehmen seit April 2014 leitet, sagt während der Besichtigung da ein nettes Wort zu einer Sekretärin, klopft dort einem Mitarbeiter auf die Schultern.

Eine Zeit lang hatte Mobiletouch mit einer hohen Fluktuationsrate zu kämpfen. Der Job ist anstrengend, Techniker sind nicht einfach zu finden – auch, weil der Anfangslohn kaum über 4000 Franken liegt.

Die Techniker klären in einem von den Herstellern vorgegebenen Prozess ab, ob es sich um einen ­Garantiefall handelt. Das ist bei 60 Prozent der Schäden der Fall, meist, weil Software, Display oder Elektronik fehlerhaft sind. Sind Kunden mit der Einschätzung der Techniker nicht einverstanden, können sie eine Neubeurteilung verlangen.

Bei den übrigen 40 Prozent ­handelt es sich mehrheitlich um zerbrochene Bildschirme. Auch Schäden wegen Feuchtigkeit sind häufig, etwa weil man das Gerät beim Sport in der Innentasche ­vergisst.

Zerbrochener Bildschirm: Steckt man das Handy in die zu enge Hosentasche, birst auch das beste Display.

Zerbrochener Bildschirm: Steckt man das Handy in die zu enge Hosentasche, birst auch das beste Display.

Die Bildschirme sind ­heute zwar viel bruchsicherer. Wassmers Leuten geht die Arbeit aber nicht aus. «Die Displays werden gleichzeitig deutlich grösser und dünner.» Steckt man sein Handy in die Tasche der zu engen Hose und sitzt ab, birst auch der beste Bildschirm.

Und das wird teuer. Beim beliebten Modell S7 Edge von Samsung kostet das Display 180 Franken.

Wassmer spürt bei den Handybesitzern eine klare Entwicklung. Es wird immer wichtiger, dass sie «das Gerät so schnell wie möglich wieder in ihren Händen haben». Es wirkt fast, als hätten sie in Zweidlen ihr Haustier abgegeben. Auch Ersatzgeräte können sie nicht trösten.

Und so geht der Trend zur ­Reparatur vor Ort. Mobiletouch betreibt in Zürich, Winterthur und Lausanne bereits drei Reparaturzentren in Shops der Swisscom. Diese Woche hat die Swisscom bekannt gegeben, dass sechs weitere in grösseren Städten dazukommen.

IMPRESSUM

Text
Jürg Meier

Foto
René Ruis

Gestaltung
Andrea Bleicher