Der schwierige Kampf gegen die Schlepper

Eine Taskforce unter Schweizer Führung jagt Menschenhändler. Deutschland hilft, Italien bremst

Chiasso-Brogeda, 9.30 Uhr. 15 Polizeifahnder bilden eine Mauer am Westflügel der Zollanlage. Man sieht Uniformen der Bundespolizei, der Kantonspolizei Tessin. Hinter den Beamten warten unruhig die Spürhunde. Vor ihnen steht Einsatzleiter Polizeihauptmann Christophe Cerinotti. Mit der Hand gibt er das Zeichen: «Go!»

Es ist der 14. Juni. Am Autobahngrenzübergang Chiasso erwartet man eine erneute Spitze der Flüchtlingswelle aus dem Süden, doch diese Ermittlertruppe fahndet nicht nach illegalen Einwanderern – im Einsatz steht die Interforce, eine internationale Spezialeinheit unter Schweizer Führung, mit nur einer Aufgabe: die organisierte Schlepperkriminalität zu zerschlagen.

Ins Leben gerufen wurde sie von einer Bundesrätin. «Die Truppe wurde auf Anstoss von Simonetta Sommaruga und dem Tessiner Staatsrat Norman Gobbi aufgestellt», erklärt Interforce-Leiter Cerinotti von der Kapo Tessin.

Hunde im Einsatz während eine Kontrolle am Zoll in Chiasso

Hunde im Einsatz während eine Kontrolle am Zoll in Chiasso

Im Sommer vor einem Jahr, am 26. August 2015, fanden Polizisten in Österreich einen abgestellten LKW mit 71 Toten, darunter acht Frauen, drei Buben zwischen 8 und 10 Jahren und ein kleines Mädchen. Die Flüchtlinge waren von Schleppern in einen hermetisch abgedichteten Laderaum von zwei Mal sechs Metern gepfercht worden, wo sie erstickten.

Damals trat Bundesrätin Simonetta Sommaruga vor die Presse und verkündete, die Spezialeinheit gegen Schlepper, die schon lange geplant war, werde nun aktiv. «Diese Bilder aus Österreich sind unerträglich. Wir dürfen und können nicht hinnehmen, dass sich solche Tragödien in Europa abspielen.»

Seit dem 14. September ermittelt nun die Kantonspolizei Tessin, das Bundesamt für Polizei (Fedpol) und das Deutsche Bundeskriminalamt gemeinsam von Chiasso aus gegen internationale Schlepperbanden. «Operationen wie heute führen wir dreimal pro Monat durch», sagt Cerinotti. «Jetzt legen wir unsere Datenbanken zusammen – das wird unsere Effizienz im Feld beträchtlich erhöhen.»

Kunststoffperlen aus Nigeria

Kunststoffperlen aus Nigeria

«In Italien finden wir nie den richtigen Ansprechpartner»

Während die Kollaboration mit Deutschland wie am Schnürchen klappt, gibt es mit Italien Probleme. «Wir müssen die polizeiliche Zusammenarbeit mit Italien dringend verstärken», sagt Cerinotti. Einzelheiten nennt er nicht.

Recherchen zeigen aber, dass gemeinsame Patrouillen von den Italienern oft mit technischen Argumenten blockiert werden. So nutzen die Schweizer zum Beispiel einen Munitionstyp, den die Italiener nicht erlauben wollen. «Nur wegen dieser einfachen logistischen Differenzen können wir nicht gemeinsam ins Feld», sagt ein Polizist. Ein anderer fügt an: «Wenn wir in Italien vorstellig werden, reicht man uns laufend weiter, wir finden nie den richtigen Ansprechpartner.»

Beim Besuch vor Ort sass der deutsche Verbindungsoffizier in seinem Büro, die Italiener, die eigentlich ein entscheidender Bestandteil von Interforce sein sollten, fanden sich nirgends. «Unsere Nachbarn haben entschieden, eine eigene Taskforce gegen die Schlepper zu gründen», erklärt Cerinotti. «Das ist bedauerlich, eine gemeinsame Truppe wäre erheblich effizienter.» Insgesamt laufe es aber gut, fügt er an. Die italienischen Behörden wollten Fragen nach der Zusammenarbeit nicht beantworten.

Das Territorium teilen sich zwei grosse Schleppernetzwerke

Das Gepäck könnte sie verraten: Die Task-Force sucht nach Zeugen, die gegen die Schlepper-Banden aussagen.

Die Schwierigkeiten mit Italien kann die Interforce nicht brauchen – der Kampf gegen die Schleppernetzwerke stellt sie bereits vor fast unlösbare Probleme. Das zeigt sich auch an diesem Morgen am Grenzübergang Brogeda.

Um ein Netzwerk aufzudecken, muss man die Köpfe der Banden der organisierten Kriminalität überführen – ein Tatbestand, der schwer zu beweisen ist. Noch dazu, wenn man die Bosse kaum in die Finger kriegt.

«Die wirklichen Schlepper erwischt man nicht», sagt Cerinotti, «sie begleiten ihre Opfer nicht, es gibt zu viele Kontrollen.» Für Interforce bedeutet das, dass sie Zeugen unter den Flüchtlingen finden müssen. Das ist auch das Ziel der Operation von diesem Dienstagmorgen.

Die Truppe winkt systematisch die grossen Reisebusse heraus. Während Stunden werden die Fahrzeuge durchsucht. Die Hunde nehmen sich alle Koffer vor. Schon kurz nach Beginn des Einsatzes kontrollieren die Polizisten vier Männer und eine junge Frau aus Somalia in einem Linienbus Mailand–Stuttgart. «Reiseziel?», fragen die Fahnder. «Germany, Deutschland», sagt einer vorsichtig. Der Beamte erkennt sofort, dass der Ausweis, den der Somalier vorweist, nicht echt ist.

Viel würde darauf hindeuten, dass die Somaliergruppe von organisierten Schleppern betreut worden sei, erklärt ein Beamter der Interforce später. «Alle in der Gruppe führen schlecht gefälschte Pässe mit sich, sie haben kein Gepäck, dafür ein Handy – und keiner will einen Asylantrag stellen.»

Die falschen Pässe werden von den Schleppern zur Verfügung gestellt. Sie besorgen Flüchtlingen, die nach Deutschland wollen, Bustickets, weil dort die Kontrollen seltener seien.
Falls sie erwischt werden, sind die Flüchtlinge instruiert, keinen Asylantrag zu stellen, damit man sie wieder nach Italien zurückschickt. Ansonsten wären sie in der Schweiz gestrandet. Ausserdem sollen sie kein Gepäck bei sich haben, das sie verraten könnte, dafür ein Handy, das die Schlepper ihnen geben. «Wir haben bei einem Schlepper einmal 1500 SIM-Karten beschlagnahmt», erklärt ein Polizist.

Auch wenn die Interforce ihrer kaum habhaft wird: Die Fahnder wissen genau, wer ihre Gegner sind. Zwei grosse Schleppernetzwerke gäbe es, die sich das Territorium aufgeteilt haben, erzählen die Beamten.

«Wer das Geld nicht aufbringt, muss Schwarzarbeit verrichten.»

Zum einen sind da die Afrikaner, viele von ihnen Somalier. Ihre Schlepperroute reicht von Libyen über Süditalien bis in die Schweiz. An sie gelangen viele Somalier, Eritreer und Nigerianer. Die Täter sind in der Regel selber Flüchtlinge, entweder Sans-Papiers oder im Asylverfahren. Die niederen Chargen in der Organisation müssen mit ihrer Schlepperarbeit Schulden abarbeiten, die sie selber für ihre Flucht beim Netzwerk angehäuft haben.

Die Afrikaner haben in Italien, der Schweiz, Österreich und in Deutschland Zwischenstationen eingerichtet. Die Flüchtlinge werden von Station zu Station geschickt. Das Ziel: An möglichst vielen Checkpoints soll ihnen Geld abgenommen werden. Nur gegen Cash dürfen sie weiterreisen.

Wer nicht bezahlen will, wird festgehalten. Wer nicht bezahlen kann, muss Freunde und Verwandte anbetteln. Wer das Geld nicht aufbringt, muss Schwarzarbeit verrichten, erzählen die Beamten.

Das zweite grosse Schleppernetzwerk werde von Iranern und Afghanen betrieben, die im Westen einen anerkannten Asylstatus haben, sagen die Fahnder. Sie beherrschen die Balkanroute. «Dieses Netzwerk ist erheblich besser organisiert als das der Afrikaner», sagt ein Mitglied von Interforce.

Die Schlepper nähmen die Flüchtlinge in Griechenland in Empfang und knöpften ihnen auf einen Schlag 7000 bis 9000 Dollar ab – pro Person. Dafür würden sie bis zum Ende der Reise versorgt: mit Reisetickets, falschen Pässen, Unterkunft, Nahrung und Handys.

Ein Minivan wird kontrolliert

Ein Minivan wird kontrolliert

«Die Ermittlungen gegen diese Gruppe sind langwierig und kompliziert», sagt Christophe Cerinotti. Wenn man einen Menschenschmuggler erwischt, ist es sehr schwer, zu beweisen, dass er als Teil einer kriminellen Organisation handelt. Und Zeugen sind nur sehr selten zu finden, weil sich viele der Opfer vor den Schleppern fürchten. Sie haben Angst vor Vergeltungsaktionen gegen ihre Familien im Heimatland.

Doch die von der Schweiz geführte Interforce versucht, den Widrigkeiten zu trotzen. Innerhalb von neun Monaten hat die Truppe bereits sechs grosse Verfahren eröffnet – eines davon erstreckt sich von Italien über die Schweiz bis nach Deutschland.

Doch auf der Gegenseite werden die Kriminellen eher zahlreicher. Die Interforce geht davon aus, dass das lukrative Geschäft mit den Flüchtlingen zunehmend andere Verbrechersyndikate anzieht. So soll etwa die Mafia in Albanien seit neuestem nicht nur Drogen nach Italien bringen, sondern zunehmend Flüchtlinge, die bar bezahlen.

recherchedesk@sonntagszeitung.ch

Schlepper betreiben heute ein Milliardenbusiness. Eine Fahrt über das Mittelmeer kostet nach neusten Angaben rund 1000 Euro, die weiteren Etappen bis in die Schweiz und nach Nordeuropa sind oft noch kostspieliger. Längst ist das Ausnützen der Not von Flüchtlingen ein lukratives Geschäft geworden – wie der Drogenhandel. Auch bei der Schlepperei ist die Kriminalität organisiert. Dabei geht es nicht nur um Erpressung und bandenmässigen Diebstahl. «Wir hören Berichte von Zwangsarbeit, Kinderraub und von Vergewaltigungen», erzählt ein Schweizer Fahnder der Taskforce gegen Schlepperbanden.

Impressum

Texte
Dominique Botti

Fotos
Michele Limina

Gestaltung
Noele Illien

Flüchtlinge am Zoll in Chiasso.