Selfies von
der Flucht

Safoura Bazrafshan, 34, hat Aviatik studiert. Sie floh aus dem Iran. Über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Ungarn und Österreich kam sie in die Schweiz.

Flüchtlinge können nur das Nötigste mitnehmen – dazu gehört oft das Handy. Damit können sie Kontakt mit zu Hause halten, Routen planen, aber auch Erinnerungen festhalten.

Zwei Fluchtgeschichten

Safoura Bazrafshan, 34, Iranerin

2010 änderte sich Safoura Bazrafshans Leben dramatisch. Sie wurde verhaftet, in der iranischen Hauptstadt Teheran ins Gefängnis gesteckt, man nahm ihr den Pass ab. Der Grund: Die politischen Ansichten der 34-Jährigen aus Kermanshah passten dem Regime nicht. Schliesslich gelang ihr die Flucht. Das Ziel: die Türkei.

Safoura Bazrafshan im Iran. Undatiert. 

Safoura Bazrafshan im Iran. Undatiert. 

Zehn Tage war die Aviatikerin, die acht Jahre für die Fluggesellschaft Iran Air gearbeitet hatte, in den iranischen Bergen unterwegs in Richtung Türkei. Ein gewaltiger Fussmarsch. Es schneite, es war kalt, und Safoura musste sich immer wieder vor der iranischen Polizei verstecken. «Die Soldaten ­wissen, dass viele fliehen wollen, und schiessen scharf», sagt sie.

Am 14. Februar 2011 erreichte sie die türkische Grenze. «Nach dieser gefährlichen Reise habe ich mir geschworen, nie mehr illegal über eine Grenze zu gehen. Ich hatte grosse Angst.»


In der Türkei. 

  1. In der Türkei. 

In der Türkei konnte sich Safoura Bazrafshan beim UNO-Hilfswerk UNHCR registrieren lassen.

Sie lebte während vier Jahren in der Stadt Denizli. Am Anfang arbeitete sie als Model für Lederjacken und lernte Arabisch und Türkisch. Danach konnte sie als Übersetzerin arbeiten.


In der türkischen Stadt Konya. 

  1. In der türkischen Stadt Konya. 

Als Lederjacken-Model in der Türkei. Undatiert. 

Als Lederjacken-Model in der Türkei. Undatiert. 

Aber auch in der Türkei kam sie nicht zur Ruhe. Deshalb entschied sie sich im Juli 2015, in die Schweiz zu flüchten. «Die Schweiz ist das sicherste Land der Welt, da wollte ich unbedingt hin», sagt die Iranerin.

Safoura zwängte sich am türkischen Küstenort Çeşme zweimal in ein Gummiboot. Beide Boote sanken. «Es war zu windig, die Boote zu schlecht», sagt sie. Sie konnte an die Küste zurückschwimmen. «Was mit den anderen Passagieren geschah, weiss ich nicht.»

Noch mal wollte sie ihr Leben nicht aufs Spiel setzen. In Izmir verkaufte sie ihren Laptop und ihre Kamera, um selber ein Boot, eine Schwimmweste und einen Motor zu finanzieren.

Im Oktober 2015 klappte die Überfahrt auf die griechische Insel Chios. «Ich war so glücklich, als wir Griechenland erreichten und alle noch lebten», erzählt sie.

Oktober 2015. Nach der Ankunft auf der griechischen Insel Chios.

Oktober 2015. Nach der Ankunft auf der griechischen Insel Chios.

Zwei Tage lang blieb die junge Frau in einem Flüchtlingscamp auf der griechischen Insel. Sie konnte als Übersetzerin helfen. Es gab wenig zu essen, wenig Platz und viel Chaos. «Die Zustände waren schlecht, aber ich war trotzdem froh, da zu sein.»

Oktober 2015. Im Flüchtlingscamp auf der griechischen Insel Chios. 

Oktober 2015. Im Flüchtlingscamp auf der griechischen Insel Chios. 

Oktober 2015. Auf Chios. 

Oktober 2015. Auf Chios. 

Oktober 2015. Flüchtlingscamp auf Chios. 

Oktober 2015. Flüchtlingscamp auf Chios. 

Oktober 2015. Flüchtlingscamp auf Chios. 

Oktober 2015. Flüchtlingscamp auf Chios. 

«Nachdem man der Polizei den Fingerabdruck gegeben hat, ist es wie in einem Korridor», sagt Safoura. Mit dem Bus ging es nach Athen, dann weiter nach Maze­donien, Serbien, Kroatien und Ungarn nach Österreich.

Immer wieder musste Safoura Bazrafshan zu Fuss gehen, der Schlamm stand den Flüchtlingen teilweise bis zu den Knien.

Oktober 2015. Mazedonien. 

Oktober 2015. Mazedonien. 

«In Ungarn war es besonders kalt, und in Kroatien sind die Soldaten besonders gut aussehend», erinnert sie sich.

Oktober 2015. Kroatien.

Oktober 2015. Kroatien.

«In Wien musste ich als Erstes anständige Kleider kaufen und duschen – das letzte Mal geduscht hatte ich in Griechenland.»

Nach zwölf Tagen erreichte sie die Schweiz. Im Zug nach Zürich wurde Safoura von Grenzpolizisten kontrolliert und ins Empfangszentrum Kreuzlingen gebracht. «Das Zentrum ist wie ein Gefängnis», sagt sie. Sie konnte aber auch dort als Übersetzerin helfen, was ihr die Zeit abwechslungsreicher machte.

Heute lebt Safoura Bazrafshan in einem Flüchtlingsheim in Bern. Sie lernt Deutsch; auch konnte sie schon einige Freiwilligenjobs ­machen.

Januar 2016. Als freiwillige Helferin am Lauberhorn-Rennen in Wengen BE.

Januar 2016. Als freiwillige Helferin am Lauberhorn-Rennen in Wengen BE.

«Meine Reise war hart, und ich möchte das nicht noch einmal erleben. Aber jetzt bin ich so glücklich, hier sein zu dürfen», sagt Safoura.

Ramadan Rased, 33 (links), war Ladenbesitzer und Issa Karaahmad, 31, Hotelangestellter. Die Syrer lernten sich auf der Flucht kennen.

Ramadan Rased, 33, und Issa Karaahmad, 31, aus Syrien

Anfang 2014 wurde es für Ramadan Rased zu gefährlich in Syrien, also entschied er sich zu fliehen. «Ich liess meine Frau und meine beiden Kinder dort, um ihnen später einen sicheren Weg zu ermöglichen», sagt der 33-Jährige mit gesenktem Blick.

Ramadan Rased (links) und Issa Karaahmad am Bahnhof in Lyss BE. 

Ramadan Rased (links) und Issa Karaahmad am Bahnhof in Lyss BE. 

Ramadan kommt ursprünglich aus Afrin, nördlich von Aleppo – eine syrisch-kurdische Enklave im Nordwesten des Landes. In Damaskus hatte er Süssigkeiten wie das Honiggebäck Baklava hergestellt und in seinem eigenen Laden verkauft.

Auf seiner Flucht lebte er eine Weile in der Türkei auf der Strasse. «Die Camps waren gefährlich. Es hiess, dass die Al-Nusra-Front dort immer wieder Männer, die sich ihnen nicht anschlossen, gefangen nähmen.» Das Leben auf der Strasse war schwer. Deshalb wollte er wieder nach Hause. «Ich konnte aber nicht, da die Grenzen nach Syrien geschlossen waren», sagt Ramadan.

Im August 2015 entschloss er sich, weiterzuziehen. Er reiste in die türkische Stadt Izmir, um von dort aus nach Westeuropa zu gelangen. Sein Ziel war Norwegen, da dort der Familiennachzug einfacher ist.

An der türkischen Küstenstadt lernte er seinen Landsmann Issa Karaahmad kennen. Die beiden taten sich zusammen und setzten ihre Reise gemeinsam fort.

Issa Karaahmad wurde 1985 ebenfalls in Afrin geboren. Er war Hotelangestellter in Aleppo. Mitte 2014 flüchtete er aus seinem Heimatland in den Libanon.

Dort erwartete ihn aber das noch grössere Unheil: Er wurde von der Al-Nusra-Front, einer der al-Qaida zu­gehörigen Islamistenorgani­sation, die im syrischen Bürgerkrieg gegen die Regierung Bashar al-Assads kämpft, aber auch gegen Teile der Freien Syrischen Armee (FSA) und die Kurden, festgenommen und in einen Käfig ­gesteckt. «Die syrischen Truppen haben mich zwar befreit, aber ich hatte grosse Angst.» Deshalb floh er und nahm ein Schiff vom Libanon in die Türkei.

September 2015. In Izmir. Vor der Überfahrt nach Lesbos. 

September 2015. In Izmir. Vor der Überfahrt nach Lesbos. 

Issa und Ramadan waren über 25 Tage in Izmir und brauchten drei Versuche, bis sie es auf die griechische Insel Lesbos schafften. Beim ersten Mal war der Motor des Fluchtbootes defekt, beim zweiten Mal sank das Schiff, aber beim dritten Mal konnten sie dank kräftigem Paddeln die Insel erreichen. «Wir waren 35 Erwachsene und 12 Kinder auf einem acht Meter langen Boot. Ich habe keine Ahnung, wie wir das geschafft haben.»

Die Überfahrt – auch die gescheiterten Versuche – hat jedes Mal 1000 Dollar gekostet; die ­gesamte Reise kostete mehr als 4000 Dollar. Issa und Ramadan hatten Erspartes und konnten so den Grossteil der Flucht bezahlen. «Einen kleinen Zustupf bekam ich noch von einem Freund aus Syrien», sagt Issa.

September 2015. Auf dem Boot nach Lesbos. 

September 2015. Auf dem Boot nach Lesbos. 

Nach der Ankunft auf Lesbos mussten die beiden Männer zusammen mit den anderen Flüchtlingen rund 50 Kilometer laufen. Sie wollten in das dortige Camp, um sich zu registrieren. Vier Tage blieben sie. «Es waren unglaublich viele Menschen da, ich denke über 3000», sagt Issa. Mit der Fähre wurden sie schliesslich nach Athen gebracht.

September 2015. Vor der Fähre von Lesbos nach Athen. 

September 2015. Vor der Fähre von Lesbos nach Athen. 

September 2015. Issa Karaahmad auf der Fähre von Lesbos nach Athen.

September 2015. Issa Karaahmad auf der Fähre von Lesbos nach Athen.

Ihr weiterer Weg führte sie nach Mazedonien, mit dem Zug an die serbische Grenze, dann mit dem Bus nach Kroatien. Weiter ging es nach Ungarn und Österreich. «Die Reise ging schnell, war aber anstrengend.» Noch immer wirken die beiden Syrer müde.

September 2015. Mazedonien.

September 2015. Mazedonien.

September 2015. Kroatien.

September 2015. Kroatien.

Schlepper brachten sie schliesslich nach Basel, wo sie am 28. September 2015 ankamen. «Im Vergleich zu vorher geht es uns bestens. Aber ich vermisse meine Familie», sagt Ramadan.


September 2015. Ramadan Rased in Basel.

  1. September 2015. Ramadan Rased in Basel.

Heute leben die zwei in einem Flüchtlingslager in Bern. Ob und wann sie ihre Familie wieder sehen, ob und wie lange sie in der Schweiz bleiben können, das wissen sie nicht.

Impressum

Text
Linda von Burg

Fotos
Marco Zanoni (2), Safoura Bazrafshan, Ramadan Rased,
Issa Karaahmad
Gestaltung
Andrea Bleicher