Schweden für Fortgeschrittene

Trekking auf dem legendären Kungsleden.
Mit Familie. Im Regen.

Hochsommer in Grau: Regenwolken über dem Sarek-Nationalpark.

Auf dem Kungsleden (zu Deutsch: Königsweg): Rentiere auf der Strecke zwischen Kebnekaise Fjällstation und Singistugorna.

Der Vater träumte von Wildnis, Tagen ohne Nacht, freundlichen Nordländern. Der Rest der Familie stimmte dem Trekking-Urlaub zu und trägt jetzt Unterwäsche aus Merinowolle, Mützen und Handschuhe.

Ein kalter Wind treibt Nebelschwaden durch das Laddjuvaggi. Felsige Steilwände begrenzen das enge Tal, ungewöhnliche Verhältnisse im weiten Lappland. Eigentlich steht Hochsommer im Kalender, doch wir tragen lange Unterwäsche aus Merinowolle, Mützen und Handschuhe. Der Regen prasselt auf Kapuzen und Hüte, und mich plagt das schlechte Gewissen.

Das Trekking auf dem legendären Kungsleden (zu Deutsch: Königsweg) war seit Jahren das grosse Ziel des männlichen Familienoberhauptes.

Immer wieder hatte ich versucht, Frau und Töchter (9 und 12 Jahre alt) für dieses Abenteuer zu motivieren. Endlich hatten sie die Erinnerungen überzeugt, die Erinnerungen an frühere gemeinsame Nordlandferien, an die grenzenlose, reine Wildnis, die Tage ohne Nacht, die farbigen Häuser, die freundlichen Nordländer.

Nun aber dies! Während sich in Mitteleuropa ein Hitzetag an den nächsten reiht, erlebt Skandinavien einen der feuchtesten und kältesten Sommer seit Menschengedenken. Selbst Ende Juli liegt der Schnee noch hoch auf den nicht mal 2000 Meter hohen Bergen. Zum Leidwesen der Kinder tragen die Heidelbeersträucher keine Früchte. Der Sommer findet heuer in diesen Breiten, 150 Kilometer nördlich vom Polarkreis, nicht statt.

Klimatischen Kapriolen zum Trotz: Nicht nur uns gefallen Reisen in den Norden. Skandinavien ist bei Schweizern im Trend. So verzeichnet der Nordlandspezialist Kontiki Reisen gerade bei Familienreisen und Mietwagentouren in diesem Jahr zweistellige Wachstumszahlen.

Kontikis Marketingfrau Nadja Hänni sieht die Frankenstärke und das sichere Image der nordischen Länder als Katalysatoren für den Boom. Ein Trekking in Nordskandinavien fehlt jedoch im Programm der Kuoni-Tochter. Derartige Abenteuer bleiben Stoff für Individualisten.

800 Kilometer wandern. Der Kungsleden gilt als bekannteste Trekkingroute des Nordens.

Im schmalen Gebirgstal Laddjuvaggi ist keine Wetterbesserung in Sicht. Die Familie nörgelt. Höchste Zeit für eine Rast.

Der Kungsleden gilt als bekannteste Trekkingroute des Nordens. Der Weg beginnt hoch im Norden in Abisko, an der Eisenbahnlinie zwischen Kiruna und Narvik. Er führt auf 800 Wanderkilometern bis nach Mittelschweden.

Die Route durchquert die schönsten und markantesten Landschaften und Nationalparks von Schwedens Fjäll. Seit 1920 wird die Route vom Svenska Turistföreningen (STF) offiziell «Kungsleden» genannt. Der bekanntere nördliche Abschnitt lockt jährlich einige Tausend Trekker aus Skandinavien, Mitteleuropa und Übersee an. In den Monaten Juli und August ist man hier nie alleine unterwegs.

Besonders populär ist die erste Wanderwoche ab Abisko. Wir beginnen bei der zweiten, ruhigeren Etappe und erreichen den Weg als Quereinsteiger via die Samensiedlung Nikkaluokta und steigen ein am Kebnekaise, dem mit 2100 m ü. M. höchsten Berg Schwedens.

Zur Stärkung gibt es Quicksuppe und Blåbärssoppa. Die Regentropfen kullern von der Jacke.

Zur Stärkung gibt es Quicksuppe und Blåbärssoppa. Die Regentropfen kullern von der Jacke.

Im schmalen Gebirgstal Laddjuvaggi sieht es nicht nach Wetterbesserung aus. Die laufgewohnte Familie nörgelt – zu Recht. Denn nach zwei Stunden ist höchste Zeit für ein Picknick.

Wir schützen uns hinter einem mannshohen, leicht überhängenden Felsbrocken vor dem Wind und knabbern am Knäckebrot mit Streichkäse, während die Regentropfen von den Jacken kullern.

Picknick auf Schwedisch: Schinkenstreichkäse und Knäckebrot.

Picknick auf Schwedisch: Schinkenstreichkäse und Knäckebrot.

Mit Wasser vom nahen Bach kochen wir auf dem Rucksackkocher eine dickflüssige, zuckersüsse Blåbärssoppa. Das Heidelbeergetränk ist Doping zur richtigen Zeit. Das Lachen kommt zurück, und statt auf Regenwolken konzentrieren wir uns wieder auf die blauen Flecken am Himmel und bewundern die Nebelfetzen, die an den Berggipfeln kleben.

Im Sommer streifen die Rentiere durch Wald und Tundra. Und sind wieder so frei, wie es sich für Tiere der Wildnis gehört.

Im Sommer streifen die Rentiere durch Wald und Tundra. Und sind wieder so frei, wie es sich für Tiere der Wildnis gehört.

Hinter einer Wegbiegung wartet eine grosse Rentierherde. Während Weibchen und Jungtiere weiter äsen, mustern uns die von imposanten Geweihen gekrönten Böcke misstrauisch. Stets sind sie bereit, mit der Herde zu flüchten. Eigentlich wären die Rentiere Menschen gewohnt. Denn jeden Herbst werden sie von den Samen zusammengetrieben. Die Herden überwintern in Siedlungsnähe. Im Sommer jedoch streifen sie frei durch Wald und Tundra, ernähren sich von Flechten und dem spärlichen Gras – und sind wieder so scheu, wie es sich für Tiere der Wildnis gehört.

Eine verlassene Kote der Samen. Auf dem Kungsleden bei der Singistugorna.

Zum Wasser gehts rechts, Holzhacken links. Hüttengebrauchsanweisung bei der Teusajaurestugorna.

Rudern auf dem Teusajaure.

Eimerschleppen inklusive. In den Hütten gibt es kein fliessendes Wasser und keinen Strom.

Sechs Wander- und Tierbeobachtungsstunden später klopfen wir bei den Hüttenwartinnen der Singistugorna an. Die Frauen weisen uns einen Platz in einer gerade renovierten Unterkunft zu. «Kennt ihr unsere Regeln?», fragen sie. Anders als in den Alpen kochen die Gäste im Fjäll selber. Bevor man weiterwandert, müssen die Kessel mit Trinkwasser aufgefüllt, das Abwasser in einer Sickergrube entleert und die Hütte besenrein hinterlassen werden. Wir entgegnen schmunzelnd: «Ihr habt doch einen Traumjob.»

Die Hüttenwächterinnen brauchen sich an diesem wunderbaren Ort weder ums Kochen noch ums Putzen zu kümmern. Die Frauen lachen. Sie machten diese Arbeit ehrenamtlich, sagen sie, als Hüttenwartinnen gebe es mehr als genug zu tun.

Teusajaurestugorna. Die Küchen in den Hütten sind vollständig ausgerüstet. Kochen muss man selber.

Teusajaurestugorna. Die Küchen in den Hütten sind vollständig ausgerüstet. Kochen muss man selber.

Die Unterkünfte sind einfach. Es gibt weder Strom noch fliessendes Wasser. Man schläft in Vier- bis Achtbettzimmern. Was das Trekkingleben sehr erleichtert: Die Küchen sind vollständig ausgerüstet, die Betten mit Decken belegt, und jede zweite Unterkunft verfügt über einen kleinen Laden. Dort deckt man sich mit Grundnahrungsmitteln, Konserven und gefriergetrockneten Fertigmahlzeiten ein.

Und da man unterwegs aus jedem Bach trinken kann, spart man die schwere Trinkflasche. Der Rucksackinhalt beschränkt sich auf Kleider und das Essen für zwei Tage.

Die Saunahütte in Teusajaurestugorna. Bier und Trockenwurst, so versichert das Hüttenwartpaar, gehören hier zum Saunagang.

Die Saunahütte in Teusajaurestugorna. Bier und Trockenwurst, so versichert das Hüttenwartpaar, gehören hier zum Saunagang.

Holzhacken für den Sauna-Eintritt in Teusajaurestugorna.

Holzhacken für den Sauna-Eintritt in Teusajaurestugorna.

Zwei Etappen weiter südlich bietet eine Hütte sogar eine Sauna an. Als Eintritt gilt es, eine Kiste Holz für den Saunaofen zu spalten. Für uns organisiert das Hüttenwartpaar einen Familientermin. Auf dem Weg zur Schwitzhütte erkundigen sich die beiden nach Bier. Wir vermuten einen Trick zur Ankurbelung der Hüttenfinanzen. Die Schweden versichern aber, dass hier ein Bier und eine Trockenwurst ebenso zum Saunagang gehörten wie der Aufguss und
das anschliessende Bad im eiskalten See.

Einige durchaus auch sonnige Wander- und Ruhetage später erreichen wir die Hütte am See Sitojaure. Die nächste Sturmfront naht. Die Schuhe sind dauernass. Das feuchte Wetter ist für die Mücken paradiesisch. Gerade unterhalb der Baumgrenze schwirrt von Tag zu Tag ein grösserer Schwarm um unsere Köpfe.

Netz als Mückenschutz. Das feuchte Wetter ist für die Insekten paradiesisch.

Netz als Mückenschutz. Das feuchte Wetter ist für die Insekten paradiesisch.

Statt noch drei Tage weiter bis zur Samensiedlung Kvikkjokk zu laufen, entscheiden wir uns zur Umkehr. «War diese Wanderung nun umsonst?», fragt die jüngere Tochter, als wir klarmachen, dass sie zusammen mit Schwester und Mutter die letzte, 22 Kilometer lange Etappe bis zur grossen Fjällstation Saltoluokta am Rand der Wildnis wieder zurücklaufen müssen.

Eine der spektakulärsten Aussichten Lapplands: Der Blick vom Skierffe auf den Fluss Rahpaädno.

Selber werde ich noch einen Tag länger im Fjäll bleiben. Gerne möchte ich den Gipfel des Skierffe besteigen. Diese Spitze sollte eine der spektakulärsten Aussichten Lapplands bieten.

Eine Samin bringt den Unentwegten mit dem Motorboot über den Sitojaure. Wir vereinbaren einen Abholtermin. Sie warnt: «Kommt der Sturm früher, schaffe ich es nicht mehr über die Untiefen. Du müsstest in der Nothütte übernachten.» Eine Stunde später, oberhalb der Baumgrenze laufe ich querfeldein. Flechten und Moos dämpfen die Schritte, kleine, rosa Blümchen leuchten wie willkommene Farbtupfer in der kargen Umgebung.

Die absolute Einsamkeit befreit. Der Blick schweift über das menschenleere Land, über riesige Seen und vergletscherte Berge. Auf einer Ebene stehen dunkle Felsbrocken – wie ich später erfahre, handelt es sich hier um einen Opferplatz der Samen. Ein Adler und zwei Raben ziehen ihre Kreise, irgendwo ruft ein Schneehuhn. Sonst ist es still.

Auf den letzten Kilometern führt ein ausgetretener Pfad mässig steil zum höchsten Punkt. Überrascht halte ich mich am nächsten Felsen fest – selbst für alpengewohnte Wanderer ist der Blick vom Skierffe schwindelerregend. Unmittelbar brechen die dunkelgrauen, mit schwarzen und weissen Flechten überzogenen Gipfelfelsen ab. Welch ein Kontrast zur sanften Tundralandschaft!

Auf dem Skierffe.

Auf dem Skierffe.

Schlangenlinien, Seen, Inselchen: 600 senkrechte Meter tiefer verästelt sich der Fluss Rahpaädno wie ein glänzendes Kunstwerk in einem grünen, sumpfigen Delta. Flussaufwärts geht ein Regenschauer auf den wuchtigen Monolithen Nammasj nieder. Der Felsen markiert den Eingang zum Sarek-Nationalpark. Mit den schneebedeckten Gipfeln gilt er als unzugänglichster Park im schwedischen Fjäll.

Etwas mutiger lege ich mich auf den Bauch an den Rand der Klippe und schaue zum Fuss der Wand hinunter, bis mich eine Windböe aufschreckt: Eine Nacht ohne Schlafsack auf den harten Brettern der Notunterkunft möchte ich nicht riskieren.

Kurz vor der Baumgrenze nahe einem Rentierweidezaun haben die Samen ihre Handynummer auf einen Stein gekritzelt. Es ist hier draussen der einzige Ort mit Empfang. Tatsächlich, das Telefon in die Höhe streckend, erreiche ich die Bootsfrau. Eine Überfahrt sei noch möglich, versichert sie, ich solle mich beeilen.

Nach einer kurzen Nacht in der Sitojaurestugorna empfängt mich der Sturm. Regenschauer jagen über die Tundra. Der Weg ist stellenweise überflutet, die Schuhe werden sofort klatschnass.

Nach elf Tagen in der Wildnis habe ich definitiv Gefallen gefunden an den Launen der Natur – am Wind, der an der Regenjacke zerrt, an den eisigen Regentropfen im Gesicht. Als viereinhalb Stunden später die letzte Wolke über den einsamen Wanderer hinwegfegt und die Fjällstation Saltoluokta auftaucht, werde ich wehmütig. Ist der wilde Traum wirklich zu Ende?

Frisch geduscht, setze ich mich zur Familie an den Frühstückstisch. Geräucherter Lachs, dünn geschnittenes Rentierfleisch, Joghurt mit Beeren aus dem Fjäll und frische Brötchen – die Wildnis verkommt flugs zur Erinnerung.

Rentierburger bei Lap Dånalds am See Ladtjojaure. Ein Must-Eat für hungrige Trekker.

Regenschutz, Mückenschutz: Auf der Hängebrücke kurz nach der Kaitumjaurestugorna.

Auf dem Kungsleden: Langas-See bei der Fjällstation von Saltoluokta.

Arktisches Blumenbeet: Heidelbeeren und Rosmarinheide.

Anreise: Mit Swiss/SAS von Zürich via Kopenhagen und Stockholm nach Kiruna. Viele Trekker bevorzugen die Anreise mit dem (Nacht-)Zug ab Stockholm.
Tägliche Bahn- und Busverbindungen von Kiruna nach Abisko,
Nikkaluokta, Kvikkjokk.
(www.kirunalapland.se)

Kungsleden: Die Tagesetappen sind zwischen 4 und 9 Wander­stunden lang. Der Weg ist deutlich ausgeschildert.

Ausrüstung: Trekkingschuhe (über die Knöchel) und Kleidung für jede Wetterlage (auch Handschuhe und Mütze). Jede zweite Hütte verkauft Nahrungsmittel.

Hütten: In den STF-Hütten ist keine Reservation möglich (first come, first serve). Niemand wird abgewiesen. Eine Mitgliedschaft beim STF hilft, Übernachtungskosten zu sparen. (www.stfturist.se)

Reiseveranstalter: Skandinavienspezialisten sind Kontiki, Glur,Travelhouse

Beste Reisezeit: Juli bis September

Literatur und Karten:
Von Claes Grundsten: «Kungsleden, der Klassiker», Reise Know-How. 20.90 Fr.; Fjällkartan, 1:100 000: Abisko bis Kvikkjokk, Blätter BD 6, 8, 10.

Allgemeine Infos:
www.visitsweden.com Kungsleden

Impressum

Text und Fotos
Bernard van Dierendonck

Gestaltung
Andrea Bleicher