Slam!

Hazel Brugger ist die beste Komikerin der Schweiz.
«Platz 1? Vollgeil», sagt sie. Warum die 22-Jährige
keine SVP-Witze macht –
und wer die Ränge 2 bis 10 belegt

Die Schweiz lacht fürs Leben gern: Die jährlichen Zuschauerzahlen auf den Kleinkunstbühnen des Landes gehen zusammengerechnet in die Millionen. Die SonntagsZeitung bewertet dieses Jahr zum siebten Mal die zehn lustigsten, innovativsten und gescheitesten Programme von Schweizer Comedians und Kabarettisten.

1 Hazel Brugger: «Hazel Brugger passiert»

Alle lieben Hazel Brugger: Die 22-jährige Slampoetin rockt die Schweiz mit mürrischer Lakonie und einem unschuldigen Scharfsinn, der jeden Widerstand zwecklos macht. Vom Tod am Selecta-Automaten über verbale Abtreibung bis zum stinkenden Vasenwasser gewinnt sie dem banalen Leben urkomische Seiten ab. Seit Emil war sich das Klein­-
kunstpublikum nicht mehr so einig, was lustig ist.
Beste Pointe: «Statistisch betrachtet ist der Tod vernachlässigbar: Eines Tages stirbt man, an allen anderen Tagen nicht.»

2 Schertenlaib & Jegerlehner: «Zunder»

Aus der Zeit gefallen und doch hautnah am Puls: Das Thuner Duo Schertenlaib und Jegerlehner zelebriert eine marthalersche Schwermut mit hochmusikalischer Leichtigkeit. Und einem Witz, der dank des Einsatzes fulminanter Reggae- und Bluesrhythmen grausam groovt.
Beste Pointe: «Nid jedi Richtig isch richtig, nid jedi Handbräms lösts s Problem.»

3 Christoph Simon: «Wahre Freunde»

Beklemmende, berndeutsche Selbstzerfleischung ohne technischen Firlefanz. Man setzt sich der raffinierten Wortgewalt und ultradichten Präsenz des 44-jährigen doppelten Slam-Poetry-Schweizer-Meisters aus dem Emmental zwei Stunden lang aus und merkt nicht, wie die Zeit vergeht.
Beste Pointe: «Was händ Mänsche, wo im Bus und uf dr Strass nid telefoniere, z verberge?»

4 Strohmann-Kauz: «Milchbüechlirächnig»

Subversiver Galgenhumor im Altersheim: Der Oltner Rhaban Straumann und der Berner Matthias Kunz räumen mit Vorurteilen gegenüber Tod und Zerfall auf. Auch wenn das Rentnerduo Heinz und Ruedi Gratis-Surfen für einen Wassersport hält.
Beste Pointe: «Wieso reden wir eigentlich vom Gesundheitssystem? – Weil das Gesundheitssystem nicht weiss, wie krank es ist.»

5 Manuel Stahlberger: «Neues aus dem Kopf»

Mit stoischer Eigenwilligkeit blickt der St. Galler Musiker, Komiker und Zeichner hinter die Fassaden des Alltags. Der Erfinder der selbst gedrehten Cremeschnitte beherrscht auch das Jasskarten-Musical.
Beste Pointe: «Vill Lüüt säged, es isch nüme wie früener.
Und es stimmt: Es isch nüme so wie früener.»

6 Simon Enzler: «Primatsphäre»

Keiner flucht schöner: Von der «verreckten Pflutschguuge» zum «verraglete choge Urnergrind» zelebriert der Appenzeller Komiker die urwüchsige Sprachgewalt seiner Heimat. Und spart nicht mit Selbstironie.
Beste Pointe: «Was Tradition abelangt, isch de Moslem scho fascht en Innerrhoder.»

7 Joachim Rittmeyer: «Bleibsel»

Der 65-jährige Kabarettist ist mit seinem Sprachgespür und seiner Verwandlungskunst ein sensibler Seismograph des Alltags. Und darüber hinaus ein Hellseher: Er weiss immer schon, was wir denken, ohne es selber zu ­merken.
Wie etwa in seiner besten Pointe: «Es ist gar nicht so einfach, einer im Zug liegengebliebenen Zeitung anzusehen: Ist sie frei oder tut sie nur so?»

8 Anet Corti: «Optimum»

Die Basler Komikerin geht mit dem Zeitgeist hart ins Gericht: Kein Frühchinesisch, keine Silikonlippe ist vor ihren beissenden Pointen sicher. Etwas weniger Videoeinspielungen und der Abend wäre noch rasanter.
Beste Pointe: «Was schenkt man einem Hochbegabten?
Eine Mozart-Kugel?»

9 Charles Nguela: «Schwarz-Schweiz»

Dank seinem Charme punktet der Kongo-Aargauer auch mit politisch unkorrekten Frauen- und Judenwitzen.
Beste Pointe: «Ist eine Anti-Aging-Crème, die 20 Jahre jünger macht, für 19-Jährige lebensgefährlich?»

10 Michael Elsener: «Mediengeil»

Keiner hat den Federer-Slang so drauf wie er –
aber wenn der 30-jährige Zuger auch noch Roger Schawinski, Sven Epiney und Filippo Leutenegger imitiert, wird es ein bisschen viel.
Beste Pointe: «17 Prozent aller Befragten sagen, Martullo-Blocher sei ihr Traummann.»

«Es interessiert mich nicht, dass ich eine Frau bin»

Hazel Brugger ist die Senkrechtstarterin der Schweizer Comedy-Szene. Die 22-jährige Komikerin aus Dielsdorf ZH hatte mit ihrem ersten Soloprogramm «Hazel Brugger passiert» im November 2015 Premiere, seither tritt sie in der ganzen Deutschschweiz in vollen Sälen auf. 2013 gewann sie den Schweizer-Meister-Titel im Poetry-Slam, fürs «Magazin» verfasst sie eine Kolumne und ist Teil der «Heute-Show» des ZDF. Nun gewinnt sie das Comedy-Rating der SonntagsZeitungund schaufelt sich in ihrem vollen Terminplan einen Platz für ein Gespräch frei.

Frau Brugger, herzliche Gratulation!
Platz 1? Vollgeil!

Sie sind mit 22 Jahren die populärste Kabarettistin der Schweiz. Wie fühlt sich das an?
Nicht besonders. Ich weiss ja nicht, wie es ist, 22 Jahre alt und jemand anderes zu sein.

Bedeutet Ihnen Erfolg nichts?
Doch, klar. Zum Beispiel Stress. Ich kann in der S-Bahn nicht mehr in der Nase bohren.

Machen Sie das?
Nein, aber ich glaube trotzdem, dass ich dieser Freiheit beraubt worden bin.

Waren Sie schon immer ­frühreif?
Ja, schon.

Ein Wunderkind?
Ich war immer gut in der Schule und habe alle genervt mit meinen Fragen. Als ich sechs war, fanden das alle herzig, mit zweiundzwanzig wirkt es wohl arrogant.

Sind Sie sich dessen bewusst?
Ja, aber die ganze Situation, wenn ich auf der Bühne stehe, ist ja arrogant. Die Leute zahlen dreissig Franken Eintritt, um mich zu sehen. Einige von ihnen haben wahrscheinlich sogar einen Babysitter engagiert. Und dann beschimpfe ich sie, wenn sie ein Geräusch machen.

Sie sind angriffig, insbesondere gegen Männer mit Rossschwanz. Was geht Ihrer Meinung nach in so einem vor?
Ach, ist doch super für ihn, dass er in meinem Programm vorkommt.

Trotz Ihrer Aggressivität ­spielen Sie vor vollen Häusern, auch auf dem Land.
Ganz crazy! 450 Leute in Möriken-Wildegg. Das sind mehr als zehn Prozent des Dorfs.

Kommt Ihnen das seltsam vor?
Extrem. Manchmal glaube ich, dass das alles gar nicht stimmt. Ich bin wie ein Geheimtipp-Plätzchen am Fluss, wo alle baden wollen und darum kämpfen, dass sie ihr Badetuch noch irgendwo hinlegen können.

Ihr Schweizer-Meister-Titel im Poetry-Slam hat Sie wohl kaum so berühmt gemacht.
Nein, aber ich bin bei «Giacobbo/Müller» ein paarmal aufgetreten. Und übers Internet geht es auch schnell. Und irgendwie freuen sich die Leute, dass eine junge Frau etwas macht.

Sie profitieren vom ­Frauenbonus?
Ich nutze es nicht aus, aber mein Gott, es ist halt so.

Sie machen Ihr Frau-Sein nicht zum Thema.
Nein, viele Schweizer hätten sicher gerne, dass ich darüber rede, wie schwierig es für mich ist, eine Frau zu sein. «Tampons oder Maxipad?» Das ist doch nicht lustig. Es interessiert mich nicht, dass ich eine Frau bin.

Warum nicht?
Warum sollte es? Ich denke ja auch nicht die ganze Zeit darüber nach, dass ich 1,79 Meter gross bin. Wenn ich ab Geburt in einer Höhle eingesperrt wäre, würde ich gar nicht wissen, dass ich eine Frau bin. Das merke ich erst durch die Wahrnehmung der andern.

Sie sind aber nicht in einer Höhle eingesperrt.
Zum Glück nicht!

Was würden Sie machen, wenn Sie in einer Höhle eingesperrt wären?
Düstere Romane schreiben, wie Dostojewski.

Ihre Themen sind jetzt schon düster: Tod und ­Abtreibung.
Ich finde es halt lustig, dass ich nicht abgetrieben worden bin. Was ich meine Eltern an Nerven gekostet habe! Sie dachten schon, sie bekommen kein Kind mehr – ich bin das dritte –, und peng, war ich da. Danach haben sie alles abamputiert, damit sie ja keine Kinder mehr bekommen.

Bei Ihrem Hang zu morbiden Themen könnte man denken, dass Sie sehr unglücklich sind.
Nein, ich bin sehr zufrieden. Ich sage nur: Egal, was passiert, es ist o. k. Auch der Tod.

Sind Sie fatalistisch?
Ja. Man sollte sich nicht selber belügen. Wenn man eine Hose kauft, die zu klein ist und einschneidet, hat es auch keinen Sinn, zu behaupten, die Hose sei nicht zu klein. Kürzlich war ich in der Kirche und war erstaunt, dass die Leute immer noch damit getröstet werden, dass nach dem Leben noch etwas kommt. Das ist ja, wie wenn ich in meinem Programm sagen würde, wie geil es wird, wenn es vorbei ist. Da würde ich ja ein ganz schön dummes Licht auf mich werfen.

Der eigene Tod ist meist nicht das Problem, sondern der der andern.
Stimmt, aber wenn mein Vater stirbt, ist es für ihn selber ja nicht schlimm. So was tröstet mich. Es passiert einfach.

«Hazel Brugger passiert» ist der Titel Ihres Programms. Eigentlich eine sehr abstrakte Aussage.
Die Leute sind bereit für diese Art von Humor.

Wollen Sie sagen, andere Kabarettisten unterfordern ­
ihr Publikum?
Das weiss ich nicht. Mein Credo ist: Wenn es mir nicht langweilig ist, ist es den anderen auch nicht langweilig. Ich weiss eh nicht, was das Publikum lustig findet. Deshalb mache ich einfach das, was ich lustig finde. Und hoffe, dass die Leute anbeissen.

Sie treten fast jeden Abend auf. Wie bewältigen Sie das?
Manchmal muss ich mich schon überwinden, vor allem, wenn ich müde bin. Dann ist es körperlich anstrengend. Aber es macht Spass. Für viele Zuschauer ist es ein Ereignis. Sie schreiben mir ein halbes Jahr vorher auf Facebook oder Twitter: «Ich sehe dich dann im September in Solothurn.» Ich freue mich mit ihnen.

Sie reden zwei Stunden lang ununterbrochen . . .
Rede ich zu schnell?

Nein, aber sehr dicht. Machen Sie keine Fehler?
Doch, ich vergesse viel. Es ist nie perfekt. Ich mache höchstens 90 Prozent richtig.

Kontrollieren Sie das?
Ja, ich zähle auch, wie oft die Leute lachen.

Wie oft müssen sie lachen für 100 Prozent?
Das kommt darauf an. Manchmal ist es auch besser, wenn sie nicht lachen. Wenn sie an der falschen Stelle lachen, ist es, wie wenn man seinen Partner lobt für den Flan, den er zum Dessert serviert. Dabei ist er gekauft.

Sie wissen, wie Sie selber sagen, auch unter der ­Gürtellinie zu begeistern.
Ja, klar, es geht zum Beispiel auch um unerigierte Penisse.

Keine Angst, ordinär zu sein?
Nein, es muss einfach immer einen doppelten Boden haben. Penisse sind ja nicht an sich witzig. Aber Sex hat durchaus ein Potenzial für intellektuellen Humor. Ich würde gerne in einem Satz einen Witz über den Gazastreifen, Fürze und Aids machen.

Gelingt Ihnen das?
Ich denke schon, wenn es ein äusserst witziger Furz ist. Es ist ein Teil meines Erfolgs, dass ich nicht nur eine bestimmte Gruppe bediene. Sondern sowohl diejenigen, die das Wort «Schnäbi» lustig finden, als auch die, die existenzialistischen Humor mögen. Aber ich will nicht Comedy für eine Elite machen, sonst würde ich es vielleicht Kabarett nennen.

Sie machen auch keine ­SVP-Witze.
Die SVP ist nicht lustig.

Finden Sie politisches Kabarett generell nicht lustig?
Selten. «Lieber ein Raser als ein Blocher» – hat dieser Witz politischen Gehalt? Nein.

Viele Schweizer Politiker haben humoristisches Potenzial.
Ja, ich könnte auf die Bühne stehen und «Mörgeli» sagen. Dann würde das Publikum lachen. Aber lustig ist es nicht. Für mich ist Mörgeli wie ein unerigierter Penis. An sich eigentlich sehr kümmerlich, aber mit sehr viel Macht ausgestattet.

Warum bringen Sie diesen Witz nicht auf der Bühne?
Weil Herr Mörgeli mich als Comedian nicht interessiert. Was nützt es den Leuten, die das von selber nicht sehen, wenn ich es ihnen mit dem Zeigefinger zeige? Ich will niemanden belehren. Ich bin auch nicht perfekt. Obwohl ich mir Mühe gebe, ein gutes Leben zu führen.

Was verstehen Sie unter einem guten Leben?
Keine alten Frauen zusammenschlagen zum Beispiel. Es sei denn, sie fangen an! Dann schlage ich zurück. Ich bin ziemlich stark.

Sie haben eine starke körper­liche Präsenz, obwohl sie fast nichts tun auf der Bühne.
Ich stehe, seit ich 17 Jahre alt bin, dreihundertmal im Jahr auf der Bühne. Lange habe ich mich in meinem Körper nicht wohlgefühlt, jetzt kommt es langsam.

Finden Sie sich hübsch, wie der Titel Ihres Buches lautet?
Nein, gar nicht.

Sie haben einmal geschrieben, Sie müssen beim Schlafen eine Schiene tragen. Wo?
Im Mund. Weil ich mit den Zähnen knirsche. Meine Kauflächen sind schon recht abgekaut für mein Alter. Irgendwann habe ich keine Zähne mehr.

Wieso knirschen Sie mit den Zähnen?
Stress. Kognitive Überanstrengung.

Was stresst Sie?
Alles, es passiert so viel! Ich habe eine hohe Drehzahl. Ich bin ständig unterwegs. Deshalb muss ich zu Hause auch sehr viel essen. Sonst läuft während meiner Abwesenheit alles ab, was in meinem Kühlschrank ist.

Was ist Ihr Ziel?
Ich möchte es aufs Cover der «Tierwelt» schaffen. Mit einem geschändeten Hamster im Arm. Titel: «Die Hamster-Flüsterin».

Im September erscheint das Programm «Hazel Brugger passiert» als Audio-CD, Verlag Der gesunde Menschenversand, ca. 25 Franken

Impressum

Text
Christian Hubschmid

Fotos
Esther Michel (3), Reto Camenisch, Remo Buess, Daniel Ammann, Adrian Moser, Sonja Berta, Christian Lanz,

Gestaltung
Andrea Bleicher