41 Stunden
Einsamkeit

Das Protokoll einer dramatischen Rettung.
Wie eine Spraydose das Leben des Snowboarders
Nicolas Junge-Hülsing rettete

Der Snowboarder Nicolas Junge-Hülsing, 18, verirrte sich während eines Schneesturms nahe Andermatt UR. Mit jeder Stunde schwand die Hoffnung, ihn noch lebend zu bergen.

«Haallooo!» Nicolas Junge-Hülsing ruft ins Tal hinunter, so laut er kann. «Daaniii! Wo seid ihr?»

«Niiciiii!» Daniel Petek schreit den Berg an, dass es ihm schier die Stimme verschlägt. «Hier sind wir!»

Sie antworten einander, ohne es zu wissen; kaum mehr als fünfzig Meter liegen zwischen ihnen, dennoch können sie einander ­weder hören noch sehen.

Urplötzlich ist dieser ruppige Föhn aufge­zogen; wütend tobt er durchs ­Urserental und peitscht den Schnee über die Gemsstock-Flanke; er ­erstickt jeden Laut und zieht einen weissen Vorhang hoch, der jegliche Sicht raubt.

Und er verwischt sekundenschnell alle Spuren im Schnee.

Dabei hat dieser Tag – es ist Freitag, der 4. März – so gut begonnen: Frühlingssonne, Pulverschnee. Die Alpinisten vom deutschen Skiclub Radolfzell geniessen das Wetter in der Andermatter Skiarena.

Gegen vier Uhr steigt Skilehrer Daniel Petek mit zehn Kameraden zum Gipfel auf, um ein letztes Mal die beliebte Guspis-Freeride-Route nach Hospental unter die Skier zu nehmen.

«Wo sind sie bloss, Dani und die anderen?»

Snowboarder Nicolas Junge-Hülsing

Mit seinem Snowboard ist Neuling Nici der Exot in der Gruppe – und mit seinen 18 Jahren der Jüngste. Dennoch: Unerfahren ist er nicht. Nici war elf, als sein Grossvater ihn zu ersten Hochgebirgs­touren ins Wallis mitnahm. «Wintersport ist mein Leben», sagt der Biochemiestudent. «Egal, ob auf Skiern oder auf dem Brett!»

Das Brett hätte er längst wieder mal gescheit wachsen sollen, das wird ihm auf einer langgezogenen Traverse bewusst: Das Snowboard klebt am Schnee; er muss es losschnallen und durch den Tiefschnee stapfen, während die Skifahrer locker den Hang queren können.

Nicolas war 11, als der Grossvater ihn zu seiner ersten Hochgebirgstour mitnahm.

Nicolas war 11, als der Grossvater ihn zu seiner ersten Hochgebirgstour mitnahm.

Aber wo sind sie bloss, Dani und die anderen? Sie könnten die Abfahrt geradeaus genommen haben – oder aber dort drüben, weiter links, abgebogen sein . . .

Nicolas’ Vater Bernhard Junge-Hülsing hätte sich eigentlich der Gruppe auch anschliessen wollen, aber eine hartnäckige Grippe plagt den Arzt. «Geh du ohne mich», hat er zum Sohn gesagt. «Ich fühl mich nicht fit.»

Am Berg, auf rund 2300 Meter Höhe, fühlt sich Nicolas erbärmlich. Mit klammen Fingern holt er sein Handy aus der Tasche.

Ich hab mich verirrt – ich muss den Papa anrufen.

Er hat nur noch wenig Saft im Akku – und so gut wie kein Netzsignal; sowie er die Anruf­taste drückt, bricht die Verbindung ­zusammen.

Das Smartphone von Vater Junge-Hülsing vibriert. Dani Peteks Stimme: «Wir haben den Nici verloren.» Kurz nach halb fünf schlägt Junge-Hülsing Alarm.

Nicolas lässt den Blick über die weisse Einöde schweifen. Nur Schnee, Steine, Felsbrocken – da fallen ihm diese viereckigen, dunklen Umrisse auf.

Was ist das denn?

Es ist eine winzige Behausung, mehr hölzerner Container als Jagdhütte, eine Hirtenunterkunft mit zweigeteilter, verschlossener Tür.

«Vorerst bin ich in Sicherheit; hier kann ich die Nacht verbringen.»

Snowboarder Nicolas Junge-Hülsing

Nici setzt sein Snowboard als Rammbock ein, das Schloss leistet kaum Widerstand.

An der Wand ein Etagenbett. Auf der Matratze eine Decke, ein Hemd und eine Faserpelzjacke. Ausserdem eine Kerze, ein Kochtopf, ein Gaskocher, drei schmutzige PET-Flaschen, eine Familienpackung Spaghetti, ein Glas mit Tomatensauce, Bouillonwürfel, Kerze, Feuerzeug.

Und eine Spraydose mit blauer Farbe.

Nicolas atmet durch.

Vorerst bin ich in Sicherheit; hier kann ich die Nacht verbringen. Morgen ­sehen wir weiter. Wenn das ­Wetter mitmacht, steig ich auf, bis zur Bergstation. Sieben Stunden bei den Bedingungen.

Er weiss aber auch um die Wetterprognosen: Schnee ist angesagt, von Samstag bis Mittwoch.

«Lieber Gott, ich kann nicht anrufen, aber du kannst die erreichen, die sich jetzt um mich sorgen; sag ihnen, dass ich lebe», betete Nicolas als er auf seine Rettung wartete.

Die Dämmerung senkt sich auf die Berge, als Markus Koch Kurs auf die Rega-Basis nimmt. Der ­Helikopterpilot und seine Crew haben einen verletzten Skifahrer ins Spital Schwyz geflogen, jetzt freuen sich alle auf den Feierabend.

Da knackt es im Funkgerät. «Rega 8 melden.» «Hier Rega 8, was gibts?» «Einsatz! Ein Snowboarder wird vermisst, am Gemsstock, auf der Guspisroute.»

Der Pilot korrigiert seinen Kurs auf 195 Grad und steigt auf neuntausend Fuss; tiefer geht nicht, der Föhn tobt mit hundert Stunden­kilometern durchs Urserental.

Irgendwo dort unten ist Nicolas der Verzweiflung nahe: Das Feuerzeug geht nicht – leer. Nicolas greift zur Spraydose, dreht sie in der Hand. «Leicht entflammbar», steht auf der Dose. «Nicht gegen offenes Feuer richten.»

Das bringt ihn auf eine Idee: Nicolas besprüht die Kerze mit blauer Farbe, hält das Feuerzeug funkenschlagend in den Strahl – und tatsächlich: Der Docht fängt Feuer, die Kerze entzündet das Gas im Campingkocher – und während der den Schnee zum Schmelzen bringt, hört Nicolas hinter dem Sturm, der durch alle Ritzen pfeift, ein dumpf schlagendes Geräusch.

Ein Helikopter! Die suchen mich!

Er rennt hinaus. Der Heli kreist genau über ihm, am richtigen Ort – aber warum bleibt er so hoch? Warum dreht er ab?
Nici ahnt, dass der Pilot ihn bei diesem Sturm nicht hat erkennen können.

Christian von Dach war mit zwanzig Mann aufgebrochen; sie erkundeten mit Suchscheinwerfern und Nachtsichtgeräten den Talausläufer des Gemsstock.

Christian von Dach war mit zwanzig Mann aufgebrochen; sie erkundeten mit Suchscheinwerfern und Nachtsichtgeräten den Talausläufer des Gemsstock.

Christian von Dach, technischer Mitarbeiter der Gemsstock-Bahn, leitet die Suchaktion. Die Rega-Einsatzzentrale bietet die Alpine Rettung Schweiz ARS auf, eine von Rega und Alpenclub getragene Stiftung. Der Kampf um das Leben des jungen Snowboarders hat begonnen.

Christian von Dach ist mit zwanzig Mann aufgebrochen; sie erkunden mit Suchscheinwerfern und Nachtsichtgeräten den Tal­ausläufer des Gemsstocks.

Noch immer harrt Daniel Petek mit seinen Begleitern im Schneesturm aus, seit zweieinhalb Stunden stehen sie an derselben Stelle und rufen Nicis Namen in die Dunkelheit hinaus.

Gegen sieben läutet Danis Handy. Einsatzleiter von Dach fordert die Touristen auf, ins Tal zu fahren. «Mit der Dunkelheit nimmt das Risiko zu – und es reicht, wenn wir eine Person suchen müssen.»

«Ein Hubschrauber! Die suchen mich! Aber warum dreht er ab?» Wegen des Sturms konnte der Pilot Nicolas nicht sehen.

«Ein Hubschrauber! Die suchen mich! Aber warum dreht er ab?» Wegen des Sturms konnte der Pilot Nicolas nicht sehen.

Unterdessen ziehen Beamte der Urner Kriminalpolizei durch die Hospentaler Beizen; man will ­sicherstellen, dass der Vermisste nicht irgendwo in einer warmen Gaststube sitzt.

In seiner Herberge hat Nicolas eine erste Ration Spaghetti verzehrt; jetzt fährt er fort, Schnee zu schmelzen und Wasser abzufüllen – er verwandelt leere PET-Flaschen in warme Bettflaschen, zieht sich bis auf die Unterhosen aus und legt, um die Körperwärme optimal zu speichern, die Kleider über die Decke.

Plötzlich dringt erneut das ersehnte Rotorengeräusch an sein Ohr: Ist die Rega zurückgekehrt? Mitten in der Nacht?

Es ist ein Armeeheli: Die ­Einsatzleitung hat in Alpnach den Super-Puma aufgeboten, der mit seiner Wärmebildkamera Leben im Schnee erkennen kann; hinter den Wänden von Nicis Behausung allerdings «sieht» er nichts.

«Der Nici lebt, das weiss ich genau. Ich kann spüren, wie sein Herz klopft.»

Fini Junge-Hülsing über ihren vermissten Bruder Nicolas

Gegen Mitternacht wird die terrestrische Suche unterbrochen; die Einsatzkräfte versammeln sich im Central zur Lagebesprechung, in der Jugendherberge bangen die Mitglieder des Skiclubs mit dem Vater um Nici.

Von Stunde zu Stunde sinkt in dieser Nacht die Wahrscheinlichkeit, dass Nicolas, der – so vermuten viele – in ein Bachbett oder über eine Felswand gestürzt ist, ­lebendig geborgen wird.

Auch Bernhard Junge-Hülsing rechnet mit dem Schlimmsten – und hofft auf das Wunder. «Es ist besser, wenn du daheim bleibst», sagt er am Telefon zu seiner Frau. «Hier kannst du nicht helfen.»

Katrin Junge-Hülsing harrt in München aus. Fini, elf Jahre alt, die eigentlich Josefine heisst, setzt sich zu ihr. «Der Nici lebt, das weiss ich genau», sagt die Jüngste der drei Töchter. «Ich kann spüren, wie sein Herz klopft.»

«Da unten», rief Einsatzleiter Christian von Dach an Bord des Rega-Helikopters. «Dort ist einer!»

Wenn die Hoffnung schwindet und die Angst wächst, wird die Einsamkeit schier unerträglich.

Nici liegt auf der Matratze, schaltet kurz das Handy ein, um das tröstende Bild anzuschauen: Papa, Mama und die drei Schwestern.

Und er tut etwas, das er sonst nie tut: Er betet – laut und deutlich. Die eigene Stimme beweist ihm, dass jemand da ist.

Lieber Gott, ich kann nicht anrufen, aber du kannst die erreichen, die sich jetzt um mich sorgen; sag ihnen, dass ich lebe und gesund bin. Und alle, die sich vielleicht schuldig fühlen – sag ihnen, dass keiner Schuld hat.

Manchmal schläft er ein, das ist schön, dann ist er zu Hause bei der Familie, bei Freunden, nicht mehr allein. Nach dem Erwachen beginnt der Alptraum.

Den ganzen Samstag über rüttelt der Sturm an den Wänden, meterhoch wird der Schnee verfrachtet. Wenn Nicolas die Tür öffnet, gähnt vor ihm die weisse Hölle.

An einen Aufstieg ist nicht mehr zu denken, an einen Abstieg noch weniger. Jede Lawine, die er auslöst, könnte jene verschütten, die aufsteigen wollen, um ihn zu retten.

«Das könnte er sein!»

Einsatzleiter Christian von Dach zum Rega-Piloten Stefan Bucheli

Sonntagmorgen. Auf der Rega-Basis blinzelt Stefan Bucheli in den Himmel. Was er sieht, bestätigt den Meteo-Bericht: Die Wolkendecke löst sich langsam auf, aber noch immer ist der Gemsstock dicht verhüllt.

Der Helipilot will keine Zeit verlieren. Er startet die Turbine und hebt ab. Bei der Mittelstation nimmt er Einsatzleiter Christian von Dach an Bord.

Die Wolken zwingen den Piloten zu einem Umweg: Bucheli muss das Gotthardmassiv umrunden und vom Oberalppass her die Stelle anpeilen, wo der Snowboarder zuletzt gesehen wurde.

«Da unten», ruft Christian von Dach und deutet zeigt auf ein Loch in der Wolkendecke.

«Dort ist einer!» Jetzt sieht es auch der Pilot, eine Gestalt, die vor einer Hütte wild gestikuliert.

«Das könnte er sein!»

Und beide erkennen drei mannsgrosse Buchstaben, mit blauer Farbe in den Schnee gesprayt: SOS!

«Das ist er!»

Schluchzend lässt sich Nicolas in die Arme des Einsatzleiters fallen. «Alles kommt gut», beruhigt von Dach den Geretteten. «Du hast alles richtig gemacht!»

«Ihre Hütte hat mir das Leben gerettet»

Nicolas Junge-Hülsing zum Hospentaler Bauern Remo Christen

Wenig später stehen Vater und Sohn Junge-Hülsing vor der Tür des Bauern Remo Christen in Hospental. «Ihre Hütte hat mir das Leben gerettet», sagt Nicolas. «Dafür bedanke ich mich – und entschuldige mich dafür, dass ich Ihr Türschloss aufgebrochen habe.»

Der Vater zückt die Brieftasche. «Selbstverständlich kommen wir für den Schaden auf.»

Er werde dann die Rechnung schon noch schicken, brummt der Schafbauer.

«Und die Spaghetti, die Tomatensauce?»

«Geschenkt!»

Die Erleichterung nach der Rettung: Vater Bernhard umarmt seinen Sohn Nici.

Aus dem Helikopter kaum zu erkennen: In dieser Hirtenhütte (rechts) verharrte Nici.

Impressum

Text
Daniel J. Schüz

Fotos
Simon Koy, Rega, PD

Gestaltung
Andrea Bleicher