Das Geschäft
mit der
Hoffnung

Ein Professor behandelte ohne
Bewilligung in Luzern schwer kranke
Kinder mit einer fragwürdigen Therapie.
Er kassierte bar. Jetzt werden die
Behörden aktiv

Es ist eine Tragödie, festgehalten auf einem Dutzend Dokumenten.

Ein Arzt, der den Professorentitel trägt, praktiziert ohne Bewilligung an einem siebenjährigen, schwer hirngeschädigten Kind eine schmerzhafte Stammzellentherapie. Eine Therapie, die Forscher als sinnlos bezeichnen. Die Behandlung sei «nichts als eine leidvolle Strapaze für das Kind», sagen Experten. Der Professor sieht weder rechtliche noch medizinische Probleme. Er kassiert für die Behandlung 9000 Euro bar auf die Hand. So geschehen in einer Klinik in Luzern.

Die Schweizer Heilmittelbehörde Swissmedic erlaubt Stammzellentherapien ausserhalb klinischer Studien nicht. «Viele Verfahren sind völlig experimentell, die Wirkung ist nicht belegt und einzelne Behandlungen können sogar lebensgefährlich sein», sagt Swissmedic-Sprecher Lukas Jaggi.

Bisher behaupteten Anbieter von Stammzellentherapien durchwegs, dies würde in der Schweiz nicht praktiziert. Nur im Ausland.
Doch jetzt gibt es Belege dafür, dass der deutsche Arzt und Pro­fessor S. in ­Luzern Kindern unter Vollnarkose Stammzellen aus dem Beckenkamm ­entnahm und über die Blutbahn wieder zuführte. Es lässt sich ein Fall aus dem letzten Jahr belegen, und detailliert dokumentiert ist die Behandlung der damals ­siebenjährigen Maria* aus dem Jahr 2012.
Das Mädchen aus Weissrussland ist schwer behindert – ihr ­Gehirn ist nur rudimentär ausgebildet. Gemäss Mutter Natasha* wegen lang anhaltenden Sauerstoffmangels vor der Geburt. Ein extremer Fall von Mikrozephalie, wie das Fachleute nennen. Maria ist vollkommen hilflos, an den Rollstuhl gebunden. Sie braucht rund um die Uhr Betreuung.

Die Eltern wollten viel für ihr Kind tun. Sie erzählen, wie sie jahrelang Hilfe bei Spezialisten suchten. Erst im eigenen Land, dann in der ­Ukraine, schliesslich durchforsteten sie das Internet. Dort lasen sie über Stammzellen und die angeblichen Wunder, die sie vollbringen ­sollen. Die Eltern kamen in ­Kontakt mit einem Patientenvermittler, der auch mit der Luzerner Firma Intercare zusammenar­beitet.

Striktes Verbot der Therapie in Deutschland nach Todesfall

Natasha erzählt: «Er sagte, er sei ein Doktor, er könne eine Stammzellenbehandlung in Deutschland vermitteln.» Sie sammelten alles Geld zusammen, das sie auftreiben konnten, und liessen Maria 2011 in Bonn behandeln. Weitere Behandlungszyklen sollten folgen.

Doch dann kam es in Deutschland zu einem Todesfall. Ein schwer hirngeschädigter Knabe starb, nachdem ihm Ärzte in einer deutschen Klinik Stammzellen ­direkt ins Gehirn gespritzt hatten. Das führte zu einem Strafverfahren, einer Anklage gegen eine Ärztin und zum strikten Verbot dieser Therapie – auch für die Bonner Klinik.

«Der Patientenvermittler sagte uns dann, nun sei es in Deutschland nicht mehr möglich. In die Schweiz sei es einfacher und koste weniger», erzählt Natascha. Und so packten die Eltern ihr Kind am 15.  November 2012 in das Auto und fuhren von Weissrussland nach Luzern. 1580 Kilometer weit, fast 24 Stunden Fahrt.

Kein fahrbares Bett, der Lift zu klein für den Rollstuhl, fehlende Spitalhemden: Im zweiten Stock dieses Bürogebäuf an der Luzerner Pilatusstrasse wurde Maria behandelt.

Kein fahrbares Bett, der Lift zu klein für den Rollstuhl, fehlende Spitalhemden: Im zweiten Stock dieses Bürogebäuf an der Luzerner Pilatusstrasse wurde Maria behandelt.

Die für das Kind strapaziöse Reise endete an der Pilatusstrasse 35. Der deutsche Professor S. reiste aus einer deutschen Stadt an. Dort ist er Chef eines ­ medizinischen Instituts. Intercare ­hatte Marias Mutter vorweg ­Dokumente zugestellt – Behandlungsplan, Kostenschätzung – und mehr.

«Wir mussten in den zweiten Stock. Marias Rollstuhl passte kaum in den Lift. Es sah dort eher nach einem Büro aus als nach einer Klinik», erzählt die Mutter. In Bonn sei es sehr professionell gewesen, «doch hier wirkte alles sehr billig. Es gab kein Pflegepersonal, und es fehlte an Spitalhemden für Maria», sagt die Mutter. Bevor der Arzt Hand anlegte, händigte die Mutter ihm 9000 Euro in bar aus. «Der Patientenvermittler zählte vor unseren Augen die 50er- und 100er-Scheine», sagt sie.

Was genau hinter der Tür mit Maria passierte, weiss die Mutter nicht.

Neben S. war auch ein Anästhesist anwesend – für die Vollnarkose, die das Kind erhalten sollte, sagt Natascha. Da ein fahrbares Bett fehlte, um Maria in den Operationssaal zu schieben, hätten die Ärzte das Kind auf den Armen in den OP getragen. Sie selbst musste draussen bleiben. «Wir fühlten uns unruhig», sagt sie. «Im Warteraum hingen Bilder an den Wänden über Stammzellentherapien als Schönheitsmedizin». Sie seien dort auch einer anderen ­Familie mit Kind begegnet.

Was genau hinter der Tür mit Maria passierte, weiss Natascha nicht. Dem medizinischen Rapport, den sie später erhielt, ist zu entnehmen, dass der Arzt aus dem Beckenkamm des Kindes 60 Milli­liter Stammzellen entnommen hat. Davon spritzte er zehn Milliliter mit einer dickeren Nadel in den sogenannten Liquorraum im Rückenmark und in die Blutbahn zurück. Nach einer Stunde trugen sie Maria in einen Nebenraum, klappten dort ein Bett von der Wand und liessen das narkotisierte Kind bei ihren Eltern allein, erzählt Natascha. «Nach einer Stunde oder so schickten sie uns nach Hause.»

Die Therapie-Versprechen können lebensgefährlich sein

Die Schweizer Heilmittelbehörde Swissmedic erlaubt Stammzellentherapien ausserhalb klinischer Studien nicht.

Heute hat sie nichts als Fragen. Was genau passierte hinter der Tür damals? Sie habe nur eine Einstichstelle gefunden. Wurde das Kind tatsächlich behandelt? War die teure Therapie überhaupt legal? Oder ein unhaltbares Experiment an ihrem Kind?

S. und Intercare widersprechen auf Anfrage vehement: Als Erstes betonen sie, dass es der Wunsch der Eltern gewesen sei, die Behandlung bar zu bezahlen. Und weiter gebe es «im Gegensatz zu der früher vorherrschenden Meinung bei Kindern und Erwachsenen in verschiedenen Hirnbereichen neuronale Stammzellen. Diese können durch die Gabe von Knochenmarkstammzellen aktiviert werden», erklären sie. Dies führe dann zum Ersatz beispielsweise von Neuronen. «Zu diesem Thema sind Zehntausende von wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlicht worden», lässt der Professor über seinen Anwalt ausrichten.
Ganz anders beurteilen dies Behörden und namhafte Experten. So beispielsweise das Paul-Ehrlich-Institut in Deutschland, dort zuständig für Bewilligungen. Die Spezialisten verfassten 2012 nach dem Tod des stark hirngeschädigten Buben ein Gutachten. Bezüglich Wirkung schrieben sie: «Ein möglicher Wirkmechanismus der Stammzellen ist hier nicht einmal hypothetisch anzunehmen.»

Unverständnis weckt S. Verfahren bei Professor Roland Martin, Neurologe am Universitätsspital Zürich. Er sagt: «Stammzellen aus dem Knochenmark zu entziehen und gleich wieder einzuführen, ohne den Patienten zu behandeln oder die Stammzellen in eine bestimmte Richtung zu verändern, bringt gar nichts.» Das Gehirn sei nur sehr begrenzt reparaturfähig, und man gehe mittlerweile davon aus, dass sich blutbildende Stammzellen nicht in ­Zellen des Gehirns umwandeln könnten. «Deshalb macht eine solche Behandlung keinen Sinn. Sie ist in ers­ter Linie eine Strapaze für das Kind», sagt der Zürcher Neurologe.

Die Schweizer Behörden verlangen für Stammzellentherapien eine Bewilligung – und die hat S. nicht. Swissmedic hat bisher kein einziges Transplantatprodukt, das auf Stammzellen beruht, zugelassen. Auch das Bundesamt für Gesundheit sagt auf Anfrage, diese Art von Therapie sei nicht zugelassen.

Ein weiterer Fall

Der Professor tat es trotzdem. Und nicht nur im Fall von Maria. Die SonntagsZeitung ist auf einen weiteren Fall gestossen. Offenbar ist das Luzerner Gesundheits- und Sozialdepartement letztes Jahr eingeschritten – auch da hatte S. ein Kind mit Stammzellen behandelt. S. will auf Anfrage nicht sagen, wie viele Kinder und andere Patienten er in den letzten Jahren in der Schweiz behandelt hat.

S. ist sich keiner Schuld bewusst. Er brauche für seine Stammzellentherapie keine Bewilligung, argumentiert er. Denn Stammzellen aus dem Knochenmark seien kein standardisierbares Produkt, «sie fallen deshalb nicht unter die Definition von Transplantatprodukten», lässt er über seinen Anwalt ausrichten. Zudem: «Bei solchen Prozeduren gibt der Arzt das gewonnene medizinische Erzeugnis nicht aus der Hand und wendet dieses gleich selbst am Patienten an.» Auch das sei ein Grund, weshalb es keine Herstellungsbewilligung brauche.

Die Schweiz hat zwar im Mai das entsprechende Gesetz noch verschärft. Doch auch das verpflichte ihn nicht zu einer Bewilligung, sagt S..

Die Heilmittelbehörde Swissmedic beurteilt dies komplett anders. Und stützt sich dabei auf das Gesetz. Wenn ein Arzt einem Patienten Knochenmark entnimmt, daraus Stammzellen gewinnt und danach wieder zuführt, spritzt er ein selbst hergestelltes Medikament – ein Transplantatprodukt. Dafür braucht es seit 2007 eine Bewilligung. Erst recht bei einer Funktionsänderung – wenn also, wie im Fall von Maria, Stammzellen aus dem Beckenkamm das Gehirn reparieren sollen.

In Deutschland haben die Ämter erst mit Härte reagiert, als es zu einem Todesfall kam. Und in der Schweiz?

Der Kanton Luzern hat S. nach dem Vorfall letztes Jahr lediglich jede weitere Stammzellenbehandlung untersagt – ohne weitere Konsequenzen. Doch da waren die früheren Vorfälle noch nicht bekannt. Von der SonntagsZeitung darauf aufmerksam gemacht, reagiert Swissmedic: Im vorliegenden Fall habe Swissmedic den betroffenen Kantonen die neuen Erkenntnisse und Informationen mitgeteilt. «Wir gehen der Sache mit Vehemenz nach», sagt Swissmedic-Direktionsmitglied Philippe Girard.

Wer gegen das Heilmittelgesetz verstösst, kann mit Gefängnisstrafe oder Busse bis 200'000 Franken bestraft werden. Ein fehlbarer Arzt kann seine Zulassung verlieren.

Das Geld, das der Arzt nahm, kam von vielen kleinen Spenden in Weissrussland

Marias Mutter wirkt im Gespräch verzweifelt und verunsichert. Sie hat das viele Geld für die Behandlung nur dank Spenden zusammengebracht. Viele arme Leute aus Weissrussland hätten minimale Beträge gespendet. «Es war für uns sehr schwer zu betteln.» Und jetzt soll das möglicherweise eine unerlaubte und gar sinnlose Behandlung gewesen sein?

Sie sagt: «Wenn die Therapie rechtswidrig war, hoffen wir, dass die verantwortlichen Leute wenigstens für einen Tag ins Gefängnis müssen. Vielleicht würden sie dort lernen, wie es sich anfühlt, gefangen zu sein, so wie mein Kind – gefangen in ihrem Rollstuhl und ihrem behinderten Körper.»

*  Namen von der Redaktion geändert

«Es ist erschreckend, dass es Personen gibt, die solche Hochrisikotherapien verzweifelten Patienten anbieten.»

Philippe Girard, Direktionsmitglied Swissmedic, über das Geschäft mit fragwürdigen Heilsversprechen.

Im Geschäft mit der Hoffnung bieten Ärzte schwerkranken Patienten auch sinnlose oder gar gefährliche Stammzellentherapien an. Die SonntagsZeitung hat kürzlich publik gemacht, dass eine Firma in Goldach SG solche Behandlungen gegen Autismus, Alzheimer oder etwa Parkinson propagiert – für viel Geld. Swissmedic hat darauf ein Spitalzimmer versiegelt. Jetzt wird bekannt, dass ein deutscher Professor das in ­Luzern an hirngeschädigten Kindern anwendete. ­Philippe Girard von der Heilmittelbehörde Swiss­medic über gefährliche Experimente an Patienten.

Swissmedic warnt vor Stammzellentherapien, die nicht in klinischen Studien angewendet ­werden. Warum?

Das sind neue Therapieansätze. Wir wissen über die Wirkungsweise noch sehr wenig, und deshalb bestehen relativ hohe Risiken. Die Forschung gehört daher in klinische Studien mit klaren Rahmenbedingungen, wie für jedes andere Medikament.

Verzweifelte Patienten setzen aber grosse ­Hoffnungen in diese Therapien.

Sicher sind die Hoffnungen gross, dass man damit künftig schwere Krankheiten behandeln kann. Doch bis zu einer Zulassung wird es noch Jahre gehen. ­Leider gibt es im Internet Therapieversprechen und Heil­anpreisungen, die masslos übertrieben sind. Sie halten bis jetzt nicht, was sie versprechen, und können ­lebensgefährlich sein.

Hat Swissmedic dafür je Bewilligungen erteilt?

Nein, ausserhalb von klinischen Studien noch nie. Weder für einen Arzt, der Stammzellpräparate im ­Labor herstellen lässt, noch für Therapien, bei denen Stammzellen direkt am Bett der Patienten entnommen und wieder zugeführt werden.

Trotzdem wird jetzt ein Fall bekannt, der zeigt, dass solche Therapien in der Schweiz praktiziert werden.

Es ist erschreckend, dass es Personen gibt, die solche Hochrisikotherapien verzweifelten Patienten anbieten. Gesetzliche Bestimmungen sind nicht zum Vergnügen da, sie dienen dem Schutz der Patienten. ­Deshalb braucht es Bewilligungen. Alles andere ist verantwortungslos.

Der Arzt im vorliegenden Fall sagt, er brauche keine Bewilligung. Selbst jetzt nicht, nachdem die Schweiz im Mai das Gesetz noch verschärft hat. Was sagen Sie dazu?

Das beunruhigt mich sehr. Und wir gehen jetzt den Hinweisen, die wir erhalten, mit Vehemenz nach.

In Deutschland haben die Behörden erst mit Härte reagiert, als es einen Todesfall gab. Gibt es jetzt Untersuchungen? Was machen Sie konkret?

Details zu den getroffenen Massnahmen darf ich hier nicht ausführen. Ich hoffe, wir sorgen in den entsprechenden Netzwerken für so viel Unruhe, dass solche fragwürdigen Therapien in der Schweiz gar nicht mehr stattfinden. Zudem müssen wir die internationale ­Zusammenarbeit verstärken, um solche Machenschaften zu unterbinden.

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Was ist eine Stammzellentherapie?

Etablierte Therapien Mit Stammzellen von Spendern behandeln Ärzte Krankheiten des Blutes oder des Immunsystems, beispielsweise bei Leukämie. Mediziner benutzen auch Hautstammzellen zur Hauttransplantation bei Verbrennungen.

Im Forschungsstadium In klinischen Studien wird die Wirkung von Stammzellen bei der Behandlung beispielsweise von multipler Sklerose oder schweren Herzproblemen erforscht. Es besteht die Hoffnung, dass damit defekte Zellen ersetzt werden könnten.

Unseriöse Angebote Bereits werden ausserhalb ­klinischer Studien teure Stammzellentherapien angeboten – zur Behandlung von Autismus, Hirnschäden und mehr. Die Zellen werden etwa aus dem Fettgewebe entnommen, im Labor bearbeitet oder gleich dem Patienten wieder zugeführt. Europaweit warnen Heilmittelbehörden davor.

Impressum

Text
Catherine Boss
Oliver Zihlmann

Fotos
Marcin Kalinski/Laif
Gaetan Bally/Keystone
Stefano Schröter
Gestaltung
Oliver Zihlmann