Wolkenhure für einen Tag

Geladene Gäste und die neue Boeing 777 der Swiss, beide vollgetankt, hoben zum ersten Linienflug nach New York ab

Es gibt Firmen, die eine miserable PR-Arbeit machen. ­Andere betreiben eine professionelle Imagepflege. Und dann gibt es die Swiss.

Die Airline mit dem Schweizerkreuz ist ein Phänomen. Regelmässig versetzt sie Journalisten und Publikum in einen Zustand der Verzückung.

Jetzt sorgt die Fluggesellschaft wieder für taumelnde Begeisterung. Der Grund ist ein neuer Flieger. Eine Boeing 777, von Aviatikfans ehrfurchtsvoll «Triple Seven» genannt.

Der Hype ging am 29. Januar los, als die Maschine nach dem Jungfernflug in Zürich aufsetzte. «Heute ist es so weit», frohlockte der «Blick». Die «Handelszeitung» schwärmte von der «Leichtigkeit des Fliegens». Die «Schweizer Illustrierte» jubelt: «Die neue Swiss Lady!».

Dass ein Zulieferer aus Fällanden ZH die Bordküche beisteuert, vermeldete stolz der «Anzeiger von Uster»; und dank dem «Zofinger Tagblatt» wissen wir, dass die Kleiderbügel aus dem aargauischen Oberent­felden stammen.

Aviatikfans nennen sie ehrfurchtsvoll «Triple Seven»: Die Boeing 777

Die ganze Berichterstattung ist eine beachtliche Leistung der Swiss-Kommunikationsabteilung, wenn man bedenkt, dass Maschinen dieses Typs seit über zehn Jahren in der Luft sind.

Diese Euphorie macht neugierig. Da trifft es sich bestens, dass die Airline einige Journalisten zum ersten kommerziellen Flug des neuen Flaggschiffs einlädt. Destination: New York. Die Reise wird zum drei­tägigen Rauscherlebnis.

Die Party beginnt am Gate D. Passagiere, Vertreter der Swiss und die geladenen Medienleute drängen sich um ein üppiges Apéro-Buffet.

Jazztöne erklingen aus dem Saxofon. Es ist Sonntag, halb elf Uhr vormittags. Das hindert uns ­Gäste nicht daran, herzhaft zu den Gläsern zu greifen. Eines braucht man natürlich, um anzustossen. Ein weiteres, um sich gegenseitig vorzustellen.

Damit die Kehle nicht austrocknet, holt uns der Kollege, der für einen Fernsehsender über den Trip berichtet, ein drittes. Da will man nicht kneifen und bringt selber noch jedem ein Cüpli. Bald ist Boarding Time – also muss noch eine finale Runde her.

Vollgetankt begeben wir uns in den Flieger und nehmen Platz in der Business Class. Wow: Zürich–New York.

Schlafen wie im  Banker-Express: Business-Class-Bett in der Triple Seven.

Schlafen wie im  Banker-Express: Business-Class-Bett in der Triple Seven.

Wow! Platznehmen in der Business-Class. Aber wo sind die Winchester-Hemd-Träger? 

Wow! Platznehmen in der Business-Class. Aber wo sind die Winchester-Hemd-Träger? 

Das ist der legendäre Banker-Express, mit dem früher täglich die Schnösel der Hochfinanz in Winchester-Hemden zu ihren US-Kunden flogen. Heute platzieren die Geldinstitute ihre Söldner vermehrt in der Economy Class, wie George berichtet.

Weniger Wohlhabende – und auch vermehrt Banker – müssen mit der Economy-Class vorliebnehmen.

Weniger Wohlhabende – und auch vermehrt Banker – müssen mit der Economy-Class vorliebnehmen.

Und hier ein Blick in die First Class. Noch Schnösel-frei.

Und hier ein Blick in die First Class. Noch Schnösel-frei.

Er ist der Sitznachbar auf diesem achtstündigen Flug. Der Amerikaner ist Mitte 40, er spricht fliessend Deutsch mit Akzent. George arbeitet als IT Engineer, verrät aber nicht, für welche Firma.

Die Strecke fliegt er mehrmals im Monat. Er ist begeistert von der 777, die er natürlich längst von anderen Airlines her kennt. «Aber die Schweizer haben sie am schönsten eingerichtet», sagt er.

Tatsächlich vermittelt die Holzverkleidung der Sitze die solide Gehobenheit eines Aspen-Hauses. «Hier habe ich richtig Platz», sagt der Grossgewachsene und streckt in dem Moment seine Beine ganz über den äusserst bequemen Sessel, der sich in ein Bett verwandeln lässt.

Jetzt gibt es zur Begrüssung von der charmanten Flight Attendant erst mal ein ­Cüpli. Das gefällt auch ­George. «Es lebt sich gut als Wolkenhure. Cheers!» Er sagt tatsächlich Wolkenhure und findet das äusserst lustig.

Mit 298 Tonnen Gewicht hebt der Vogel ab, auf der Zuschauerterrasse stehen Hunderte Schaulustige – die Schweizer, ein Luftfahrtvolk.

Auf Reiseflughöhe wird mild geräucherter Saibling mit Meerrettich-Buttermilch-Timbale serviert, als Hauptgang nehmen wir den Zander mit Apfelmostkompott.

Hungrig? Essen in der First Class. 

Hungrig? Essen in der First Class. 

Cheers! Es lebt sich gut als Wolkenhure. Wie George sagen würde. 

Cheers! Es lebt sich gut als Wolkenhure. Wie George sagen würde. 

Und wer noch nicht genug hat: Das Dessert für First-Class-Passagiere.

Und wer noch nicht genug hat: Das Dessert für First-Class-Passagiere.

Praktischerweise ist das Weinglas nie leer. Das Swiss-­Personal schenkt aufmerksam vom Waadtländer Tropfen nach.

Am Flughafen JFK hat niemand von uns etwas zu verzollen, obwohl wir reichlich Treibstoff intus haben. Der Zeitverschiebung sei dank, ist vor Ort erst früher Abend – perfekt für ein Bierchen in der Hotellobby.

Später geht es zum Schweizer Dreisternekoch Daniel Humm, bei dem wir zusammen mit der Pilotencrew ein mehrgängiges Menü mit Weinbegleitung geniessen.

Auch Kapitän Ola Hansson ist dabei. Seine Augen leuchten, wenn er vom neuen Prestigeobjekt ­erzählt. Diesen zu fliegen, sei für Piloten ein «Traum».

Der Flottenchef der Triple Seven hat einen scharfsinnigen Schalk, er scheint auch in komplizierten Situationen den Überblick zu bewahren. Der Gedanke, dass er im Cockpit sitzt, wirkt beruhigend – auch am Tag der Rückreise, als sich der Abflug wegen einer technischen Störung um eine Stunde verspätet.

Der Schwede, der sich über ein Jahr nur mit der Boeing 777 beschäftigt hat, richtet das schon.

Ausserdem bietet die zusätz­liche Stunde Gelegenheit, in der Swiss-Business-Lounge in New York das vorzügliche geschmorte Rindfleisch zu kosten, das wir grosszügig mit einem Cabernet Sauvignon runterspülen. Wir fliegen zurück, wie wir hingeflogen sind: angeheitert, und diesmal im Glauben, das Geheimnis der Swiss ein bisschen gelüftet zu haben.

Swiss fliegt mit der Boeing 777-300ER Hongkong, Los Angeles, Bangkok, San Francisco, São Paulo und Tel Aviv an. Einen Economy-Platz nach New York gibt es ab 543 Franken,
Business ab 3574 Franken

Impressum

Text
Reza Rafi

Illustration
Stephan Liechti

Fotos
Swiss

Gestaltung
Andrea Bleicher