Der Bulldozer soll Tansania den Weg bahnen

Kampf gegen Korruption, Wilderer und Cholera: Der neue Präsident John Magufuli will den ostafrikanischen Staat für alle lebenswert machen - nicht nur für Touristen auf Safari.

Chauffeur und Reiseführer Emanuel Sakwera

Emanuel Sakwera, Chauffeur und Reiseführer, ist stolz auf seinen klimatisierten SUV aus Japan, das Auto seines Arbeitgebers. Er pützelt es bei jeder Gelegenheit. Nur wenige in Dar es Salaam, dem Regierungssitz Tansanias, können sich ein Auto leisten. Und wer einen BMW, Range Rover oder gar Bentley fahre, sei mit Garantie korrupt, sagt Emanuel. Die Nobelkarossen sind weit verbreitet.

Das wird sich jedoch ändern. Emanuel ist felsenfest davon überzeugt: John Pombe Magufuli, 56, der neue Staatschef des ostafrikanischen Landes, wird die grassierende Korruption und Vetternwirtschaft bekämpfen. «Magufuli wird das kranke Land heilen», sagt Emanuel. So wie er es versprochen hatte. Tatsächlich werden auf der Frontseite der Zeitung «The Citizen» fast täglich Minister oder hohe Funktionäre abgebildet – beleibte Männer im Anzug, die gefeuert wurden, weil sie in die eigene Tasche gewirtschaftet hatten.

In den Slums von Dar es Salaam

Unter den Reichen hat sich Magufuli viele Feinde gemacht

Erstaunliches passiert in Tansania, seit Magufuli am 25. Oktober 2015 als Kandidat der langjährigen Regierungspartei CCM mit 58 Prozent der Stimmen gewählt wurde. Als Erstes hat der neue Präsident auf das pompöse Staatsbankett zu seinen Ehren verzichtet. Das eingesparte Geld wurde in Betten für das grösste Spital in Dar es Salaam investiert. An seinem ersten Arbeitstag marschierte er ins Finanzministerium und liess jeden entlassen, der sich unentschuldigt nicht am Arbeitsplatz befand.

Dann sagte Magufuli die Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag am 9. Dezember ab – man brauche das Geld für die Bekämpfung der Cholera. Statt zu feiern, wurde geputzt, Magufuli rief zu einer landesweiten Aufräumaktion auf. Und ging, mit Besen bewaffnet, mit gutem Beispiel voran.
John Magufuli, der «Bulldozer», wie man ihn nennt, lässt es offenbar nicht bei PR-Aktionen bewenden. Getreu seinem Motto «Work and Nothing Else», legt er ein enormes Reformtempo an den Tag.

Erst 140 Tage im Amt, ist er schon Hoffnungsträger eines ganzen Landes – und präsidiales Vorbild eines Kontinents. Sein bisher grösstes Verdienst: Seit dem 1. Januar ist die Schulbildung bis zur Sekundarschule für alle kostenlos. Magufuli und seine Frau Janet waren beide Lehrer, er unterrichtete Chemie und Mathematik, er weiss: «Bildung ist der Schlüssel zum Erfolg.»

Magufuli ist der Präsident des Volkes, der Armen. Tansania ist eines der ärmsten Länder Afrikas, ein Drittel der 50 Millionen Einwohner lebt nach Angaben der Weltbank in Armut. Schulen, Spitäler und Strassen sind in katastrophalem Zustand. Das EDA schätzt Tansania als «relativ stabil» ein, eine Hälfte der Bevölkerung sind Muslime, die andere Christen – die Religionen leben friedlich zusammen. Magufuli ist ein strammer Katholik, der es liebt, im Kirchenchor zu singen und die landestypische Dodoma-Trommel zu spielen.

Wie Chauffeur Emanuel – er stammt aus einer armen Bauernfamilie am Kilimandscharo – zieht es auf der Suche nach Arbeit Tausende nach Dar es Salaam. 4,5 Millionen Menschen leben hier, es werden täglich mehr. Emanuel steuert den Toyota durchs Reichenviertel der Stadt, ruhige Strassen, hohe Mauern, Stacheldraht, wo der Präsident wohnt, ist geheim.

Nicht alle lieben ihn, unter den Reichen und Einflussreichen hat sich Magufuli viele Feinde gemacht. Und manch ein Kritiker findet, Magufuli führe sein Amt zu selbstherrlich. «Besser 1000 Leute hassen mich und 50 Millionen lieben mich als umgekehrt», sagte Magufuli, Sohn eines Kleinbauern am Ufer des Viktoriasees, kürzlich in einem Interview.

Präsident John Pombe Magufuli

Präsident John Pombe Magufuli

Das einfache Volk schwärmt für Magufuli: Der Fischmarkt in Dar es Salaam

Mädchen sind besser in der Schule, gefördert werden sie aber nicht

Ob am Fischmarkt oder in den Werkstätten des Artisan-Markets: Das einfache Volk schwärmt für den neuen Staatschef – und alle haben hohe Erwartungen an ihn. Die Fischer fordern moderne Ausrüstungen. Die Kunstschnitzer verlangen tiefere Steuern auf das edle schwarze Ebenholz. Und im Armenviertel Kigogo am Rande der Stadt hoffen die Menschen, Magufuli werde sie aus dem Elend führen. Immer wieder werden die Slums während der Regenzeit (März bis Mai) überflutet und so zur Brutstätte für Moskitos.

60 000 Menschen sterben jährlich an den Folgen der Malaria-Erkrankung. Auch Diana, die Schneiderin im Elendsquartier, hat ein Kind verloren, weil sie die Malaria-Behandlung nicht zahlen konnte. Sie sagt: «Magufuli, best President» – er werde ihnen helfen.

«Besser 1000 Leute hassen mich und 50 Millionen lieben mich als umgekehrt»

John Pombe Magufuli

Selbst im Armenviertel hat jeder ein Handy in der Hand, jeder ist auf Facebook – «we are social people», erklärt Chauffeur Emanuel. John Magufuli hat auf den sozialen Netzwerken in ganz Afrika einen Sturm der Begeisterung ausgelöst. Unter dem Hashtag #WhatWouldMagufuliDo («Was würde Magufuli tun») häufen sich die Tipps, wie auch andere afrikanische Staaten sparen und gesunden könnten.

«Magufuli good man!», rufen zwei junge Frauen und werfen sich fürs Foto in Pose, «we love him!» Die alte Frau hingegen macht sich keine Illusionen mehr, ihr ganzes Leben habe sie in den Slums verbracht, sie sagt: «Jeder Präsident hat uns viel versprochen.» Mädchen und Frauen haben es in Tansania besonders schwer.

Gewalt gegen sie ist weit verbreitet, Genitalverstümmelung wird nach wie vor praktiziert. Gemäss neuesten Zahlen schneiden die Mädchen in der Schule zwar besser ab als die Buben, gefördert aber werden sie nicht.

Ihr Kind starb, weil sie die Behandlung nicht bezahlen konnte: Schneiderin Diana

Ebenholz-Kunstschnitzerei in Dar es Salaam

Gäste-Betreuerin Nana Mwinyi im Luxushotel Sea Cliff

Nana Mwinyi, sie ist verantwortlich für die Betreuung der Gäste im Luxushotel Sea Cliff, wünscht sich, dass künftig auch Topjobs mit Frauen besetzt werden. Die Zeichen stehen gut: Mit Samia Suluhu Hassan hat Magufuli erstmals eine Frau zur Vizepräsidentin ernannt.

Manche Konferenz, manch ein Meeting von Regierungsmitgliedern hat hier im teuren Hotel direkt am Indischen Ozean stattgefunden. Das war einmal. Man verfüge über genügend Sitzungsräume im Parlamentsgebäude, so der Präsident. Ein Entscheid, den Nana Mwinyi begrüsst: Oft genug habe sie erlebt, dass sich Politiker samt Entourage ein schönes Wochenende auf Kosten der Steuerzahler machten.

Tansania ist das Naturparadies Afrikas, Sehnsuchtsort jedes Safari-Fans. Ein Viertel der gesamten Landesfläche sind Nationalparks, darunter die weltberühmte Serengeti. Kurt Zürcher, Geschäftsleiter von Let’s go Tours und Afrikakenner, stellt ein wachsendes Interesse an Tansania-Reisen fest: «Ein Land mit einem sympathischen Präsidenten, dem das Wohl des Volkes am Herzen liegt, wird zu Recht lieber bereist als eines mit korrupter Regierung.»

Ihr Foto ging um die Welt: Die weisse Giraffe Omo

«Einheimische Banden töten Elefanten für wenig Geld»

In der Nähe von Arusha, zwischen dem Tarangire und dem Lake Manyara National Park, hat die Schweizerin Fabia Bausch mit ihrem Mann, dem Franzosen Nicolas Negre, ein riesiges Naturschutzgebiet gepachtet. Die ehemalige Investmentbankerin und der frühere Grosswildjäger haben sich ganz dem Wildschutz verschrieben. Ihre zwei exquisiten Lodges sind Rückzugsort für die Superreichen, inmitten des Massai-Gebietes. In Tansania etwas aufzubauen, sei extrem schwierig, blickt sie zurück.

Ein jahrelanges, zähes Verhandeln, eine enorme Bürokratie, würde ihr Mann nicht Suaheli sprechen, wären sie nie ans Ziel gekommen. Zum neuen Präsidenten sagt sie: «Er sendet die richtigen Signale.»

140 Mitarbeiter beschäftigen sie; fast nur Tansanier arbeiten in den Chem Chem Lodges. Darunter Massai aus den Nachbardörfern, die in Lehmhütten wohnen und Milch mit Ziegenblut trinken. Massai Raposhi trägt die traditionellen Tücher, Plastiksandalen an den Füssen, Speer in der Hand. Er begleitet den Gast auf der Pirsch durch den Busch. Auch er hat einen Auftrag für den Präsidenten: Magufuli solle den Massai künftig erlauben, das Vieh im nahen Nationalpark grasen zu lassen.

Kellner Charles hat mitten in der Savanne eine kleine, feine Bar aufgebaut. Er serviert den Sundowner, kühlen Weisswein, in der Ferne grasen Gnus, langsam senkt sich die Sonne. Charles sagt: «Hapa kazi tu», der Slogan des Präsidenten gelte auch für ihn: «Nichts als Arbeit.» Er wolle sich hochdienen, erfolgreich sein. Magufuli, bekannt als «Jembe», als Arbeitstier, sei ein «sehr, sehr gutes Vorbild».

Führen zwei Lodges inmitten des Massai-Gebiets: Fabia Bausch mit ihrem Mann, dem Franzosen Nicolas Negre

Führen zwei Lodges inmitten des Massai-Gebiets: Fabia Bausch mit ihrem Mann, dem Franzosen Nicolas Negre

Geht mit den Touristen auf die Pirsch: Massai Raposhi

Guide Salum mit einem Elefanten - Schädel

Das findet auch Guide Salum, der am nächsten Morgen mit uns in aller Frühe auf Safari geht. Plötzlich stoppt der Jeep, Salum deutet auf einen Elefantenschädel im Gras. Massenhaft werden Elefanten abgeschlachtet. Laut Traffic, der internationalen Organisation zur Überwachung des Handels mit geschützten Arten, hat sich die Elefantenpopulation in Tansania seit 2009 halbiert.

«Einheimische Banden töten für wenig Geld», weiss Salum. Drahtzieher jedoch sind chinesische Syndikate, eine wahre Mafia. Das alte Regime habe am Handel mit Elfenbein und Buschfleisch mitverdient, manch ein Politiker habe deswegen nun seinen Posten verloren. Magufuli sorge dafür, dass Ranger, Polizei und Armee im Kampf gegen die Wilderer zusammenspannen.

Salum zeigt in die Ferne, drei, vier Giraffen, das Nationaltier Tansanias. Dort, hinter einem Busch, taucht ein kleiner weisser Kopf mit Hörnchen auf. «Omo!», ruft Salem und steuert vorsichtig näher heran. Es ist tatsächlich die blassweisse Giraffe mit der rötlichen Mähne, die ihren Namen dem Waschmittel zu verdanken hat. Omos Foto ging Anfang des Jahres um die Welt. Noch wirkt die Giraffe etwas wacklig auf den Beinen. Genauso wacklig wie die neue Regierung Tansanias. «Jackpot!», jubelt Salum. Schliesslich sind weisse Giraffen so selten wie ein nicht korrupter afrikanischer Regierungschef.

Und ebenso gefährdet.

Impressum

Text
Chris Winteler

Fotos/Video
Chris Winteler, AFP

Gestaltung
Natalie Hauswirth