Rockstar Tarantino

«Fucking, fucking grossartig.» Der Regisseur
präsentiert seinen Western «The Hateful Eight»

Quentin Tarantino ist auch ein Rockstar. Vorne auf der Bühne steht er, vor 2500 Leuten, und animiert sein Publikum.

«Yeah», sollen die Leute schreien, zuerst die auf dem obersten Balkon, dann die unten im Parkett, diejenigen links von der Bühne, dann die rechts. Und jetzt alle zusammen: «Yeah, yeah, yeah».

Am Ende ist Tarantino heiser und der Film kann beginnen.

Yeah, der Schauplatz ist ein Kino, eines der grössten und schönsten der Welt: Le Grand Rex in Paris, ein Art-déco-Palast mit Sternenhimmel und Springbrunnen im Saal.

Auf der Leinwand beginnt «The Hateful Eight», ein Western mit Schneelandschaften, gedreht im Breitleinwand-Format und unterlegt mit der Musik von Ennio Morricone. Wie früher.

«War diese Vorstellung nicht fucking, fucking grossartig», sagt Tarantino am nächsten Tag, bevor man ihn überhaupt richtig begrüssen kann.

«Mit diesem Film wollte ich einen Pflock einschlagen»: Quentin Tarantino (M.), Tim Roth (l.) und Kurt Russell an der Premiere von «The Hateful Eight» in London.

«Mit diesem Film wollte ich einen Pflock einschlagen»: Quentin Tarantino (M.), Tim Roth (l.) und Kurt Russell an der Premiere von «The Hateful Eight» in London.

Von wegen Hüttenzauber: Kopfgeldjäger John Ruth (Jack Russell), seine Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) und der Henker Oswaldo Mobray (Tim Roth).

Was auf die Ohren: Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh und Bruce Dern (als General Sandy Smithers).

10'000 Dollar sind auf ihren Kopf ausgesetzt: Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh).

Tarantino, 52, ist auf einer Mission. Wie ein letzter Überlebender kämpft er gegen das Eindringen alles Digitalen in die Filmkultur.

Er will beweisen, dass die Magie des Kinos nur bewahrt werden kann, wenn durch die Kameras und die Projektoren richtiges Filmmaterial läuft.

Eigentlich ist es ein Kampf auf verlorenem Posten, das weiss er auch. Aber er spricht sich in Rage, bei jedem einzelnen Interviewpartner an diesem Dezember-Nachmittag in einem Paris Luxushotel nahe der Champs-Elysées.

Und gleicht dabei auch äusserlich einem alten Westernheld: Holzfällerhemd, Jeans, ein Outfit, das so gar nicht zum seidenbestickten Sofa passt, auf dem er zuvorderst auf der Kante sitzt.

Und dabei weiter flucht wie ein Trapper: «Fuck. Mit diesem Film wollte ich noch einmal einen Pflock einschlagenund zeigen, was wir verlieren, wenn wir unsere Reise Richtung Digitalisierung fortsetzen.»

«The Hateful Eight» ist ein wuchtiger Tarantino-Film, sein achter, mit vielen Metzeleien und viel – fuck, fuck – verbaler Gewalt.

Und doch ist diesmal etwas anders. Kein wildes Zusammenschnipseln aus Kinoversatzstücken wie in seinen Meisterwerken wie «Pulp Fiction» oder «Kill Bill».

Der Film, gedreht mit Panavision-Kameralinsen, wie sie einst für Ben Hur verwendet wurden, wirkt langatmiger, getragener. «Gut beobachtet», lobt Tarantino jetzt seinen Gesprächspartner, «diesmal spielt tatsächlich eine andere Musik.»

Altmeister Ennio Morricone, 87, lieferte grosse Teile des Soundtracks für «The Hateful Eight».

«Einverstanden, ich mache dir ein Musikthema für fünf Minuten. Für mehr habe ich nicht Zeit»: Ennio Morricone zu Quentin Tarantino. 

Die Musik ist – wie erwähnt – von Ennio Morricone, von dem Tarantino auch schon einzelne Stücke aus andern Filmen wiederverwendet hatte.

Aber diesmal komponierte der 87-jährige Altmeister eigens für Tarantino, seine erste Western-Musik seit 40 Jahren (sie tönt eher wie die zu einem Horrorfilm, was so gut passt, dass sie für den Oscar nominiert wurde). «Ich bin zu ihm nach Rom gefahren», erzählt Tarantino, «er sagte, einverstanden, ich mache dir ein Musikthema für fünf Minuten, für mehr habe ich nicht Zeit.»

Am nächsten Tag habe er einen Anruf bekommen, «ähm, es sind schon 12 Minuten», dann wurden es 22, schliesslich 32 ­Minuten.

So gibt es jetzt einen prächtigen Morricone-Soundtrack, unterbrochen nur von wenigen andern Stücken wie Jack Whites «Apple Blossom» und – jawohl – dem auf dem Klavier hingeklimperten Weihnachtslied «Stille Nacht».

«I will come and rescue you» versprechen «The White Stripes» in «Apple Blossom».

Das passt. Alles in «The Hateful Eight» ist gediegen und dann wieder nicht.

Die acht Personen, im Titel, sieben Männer und eine Frau, werden von einem Schneesturm in einer Hütte festgehalten.
Ein illustres Trüppchen ist da versammelt, ein weisser Kopfgeldjäger, der die Frau zum Galgen führen will, ein schwarzer Major, der im Bürgerkrieg gekämpft hat, ein schmieriger Junge, der behauptet, der neue Sheriff zu sein. Und dann eben diese Frau, die von allen malträtiert wird, bis...

Zu viel soll nicht verraten werden.

Es ist eigentlich ein Wer-hats-getan-Krimi wie bei Agatha Christie, acht kleine Negerlein in einer Hütte. Rassismus ist natürlich ein Thema, der Film spielt kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg.

«The Hateful Eight»: «Keiner kommt hier rauf ohne einen verdammt guten Grund.»

«The Hateful Eight»: «Keiner kommt hier rauf ohne einen verdammt guten Grund.»

Die einzige Frau unter den «Salopards», wie sie in Paris genannt werden, wird dreckig behandelt von den Männern, aber auch hier ist alles wunderbar doppelbödig und ganz anders, als es auf den ersten Blick scheint.

Klar hat Tarantino wieder eine Handvoll hervorragender Darsteller ausgegraben, alte Haudegen wie Kurt Russell, Tim Roth oder Michael Madsen. Die geschlagene Gefangene wird von der grossartigen Jennifer Jason Leigh gespielt, der schmierige Sheriff vom überraschenden Walton Goggins, der schauspielerischen Entdeckung dieses Films.

Aber über allen thront Samuel L. Jackson, ohne den es die «Hateful Eight» niemals gegeben hätte.

Der Film hatte eine leidvolle Vorgeschichte. Kaum war die erste Drehbuchfassung geschrieben, war sie im Internet zu lesen, geleakt – welche Ironie bei diesem Manifest für die Filmkunst – auf dem digitalen Transportweg. «Ich sagte, fertig Schluss, ich hab genug», erzählt Tarantino.

Kopfgeldjäger unter sich: Kurt Russell als John Ruth und Samuel L. Jackson als Major Marquis Warren.

Kopfgeldjäger unter sich: Kurt Russell als John Ruth und Samuel L. Jackson als Major Marquis Warren.

Er wandte sich anderem zu. Aber dann habe ihn sein Lieblingsdarsteller angerufen. Und gesagt: «Bist du eigentlich wahnsinnig geworden, ein solches Drehbuch einfach fallen zu lassen.»

Samuel L. Jackson, muss man wissen, ist der einflussreichste Schauspieler in Tarantinos Universum. Er hat in fünf seiner acht Filme mitgespielt, in einem sechsten – «Inglourious Basterds» – ist er als Erzähler zu hören.

Aber mehr als das. Jackson und Tarantino verstehen sich blind, sprechen buchstäblich dieselbe Sprache. Ist es wahr, dass Sam Jackson der einzige Schauspieler ist, der Ihre Dialoge ändern darf, Mister Tarantino? «Schon. Aber er schreibt sie nicht um, er bringt Sachen ein.» Er improvisiert? «Nein, das gibt es bei mir nicht. Glauben Sie mir, wenn Schauspieler improvisieren wollen, sind sie nur zu faul, die Dialoge zu lernen.»

Was macht Jackson dann? «Er schlägt mir was vor, beim Drehen. Weil er das kann. Er hat den Tarantino-Sprechfluss im Blut.»

Bei diesem letzten Satz schnippt der Regisseur mit den Fingern, um jedes Wort nochmals zu betonen. Jetzt ist er wieder ganz Unterhalter, Dialoge sind wie Musik für ihn, nicht alle Schauspieler können sie sprechen. Und wenn er sie schreibt, spielt er sich die Szenen selber vor, laut in seiner Wohnung, um zu sehen, ob jedes Wörtchen, jedes Komma passt.

Er springt vom Sofa auf und macht es vor. Rennt rum im Zimmer, geniesst seine eigenen Sätze.

Natürlich gibt es einen gewissen Hang zu Selbstgefälligkeit, immer bei Tarantino. Aber die muss man haben, wenn man als letzter Trapper im digitalen Feindesland steht.

Immerhin hat er durchgesetzt, dass der Film in hundert US-Kinos in der 70mm-Breitwandfassung gezeigt wurde. Aber er weiss natürlich auch, dass die allermeisten Vorführungen seines Films – auch die in der Schweiz – digital sein werden.

Und doch. Er hat seinen Pflock eingeschlagen und zieht weiter, zu nächsten Abenteuern.

Noch zwei Filme will er drehen, nach zehn sei dann genug, sagt er. Vielleicht wolle er noch ein, zwei Theaterstücke schreiben und inszenieren. Der Mann, der jetzt wieder brav auf dem Sofa sitzt, bleibt hellwach.

Wer ihn nach «The Hateful Eight» zum alten Eisen zählen will, wie das da und dort getan wurde, hat keine Ahnung. Yeah!

«He's the man»

Samuel L. Jackson als Auftragsmörder Jules Winnfield (r.) in «Pulp Fiction» und John Travolta als sein Kollege Vincent Vega.

Samuel L. Jackson in den Filmen von Quentin Tarantino – und was er dabei zu sagen hat

The Hateful Eight (2015)

Als Major Warren stapft er durch den Schnee. Und sagt Gegnern wie dem Kopfgeldjäger Kurt Russell : «Schwarze sind nur sicher, wenn sie Weisse entwaffnen.»

Django Unchained (2012)

Als Hausneger – er besteht auf diesem Begriff – ist er der Diener von Leonardi DiCaprio. Und wiederholt fast als Mantra: «Nigger, Nigger, Nigger.»

Kill Bill Vol. 2 (2004)

45-Sekunden-Gastauftritt als Orgelspieler Rufus. Er hält eine Rede und bekommt zu hören: «He’s the man». Dann kommen die Killer und bringen (fast) alle um – ihn inklusive.

Jackie Brown (1997)

Als Waffenschieber sagt er seiner Freundin: «Dieser Shit raubt dir den Ehrgeiz.» Die gibt zurück: «Nicht, wenn ich den Ehrgeiz habe, stoned zu sein und Glotze zu gucken.»

Pulp Fiction (1994)

Als Killer zitiert er vor dem Schiessen die Bibel (Ezekil 25:17). Und hat pointierte Meinungen: «Hamburger! Der Grundstein jedes nahrhaften Frühstücks.»

Impressum

Text
Matthias Lerf

Gestaltung
Andrea Bleicher