Reise ins Reich des Tötens

Die Fotografin Herlinde Koelbl hat weltweit dokumentiert,
was Soldaten ins Visier nehmen

Japan

Libanon

Die deutsche Fotografin Herlinde Koelbl, 76, ist bekannt geworden mit ihren Langzeitstudien wie etwa «Das deutsche Wohnzimmer» oder der Porträtserie «Spuren der Macht».

Für ihr aktuelles Projekt «Targets» fotografierte sie während sechs Jahren Zielscheiben und Truppenübungsplätze.

Sie besuchte dabei verschiedenen Armeen von Afghanistan über Israel, Mali, Norwegen, Russland bis zur Westsahara. Die Ausbeute dieser Reise ins Reich des Tötens ist ab dem 22. April im Museum für Gestaltung in Zürich zu sehen.

Wie kamen Sie auf die Idee, die Figuren zu fotografieren, auf welche die Soldaten schiessen?

Die Idee entstand schon vor 30 Jahren. Damals habe ich eine Reportage über die Bundeswehr fotografiert. Nach einer Nachtübung gingen wir am Morgen über einen Acker, und da standen solche Schiessscheiben. Das Sonnenlicht schien durch ihre Löcher, es sah schön aus. In diesem Bild war die Schönheit und der Tod zu sehen – diese Ambivalenz hat mich nie mehr losgelassen.

Sie haben sechs Jahre in dieses Projekt investiert. Was trieb Sie an?
Ich wollte erfahren: Wie sieht der Feind aus? Und vor allem: wie sieht er in verschiedenen Ländern aus? Wie entstehen Feindbilder?

Vereinigte Arabische Emirate

Vereinigte Arabische Emirate

Sie sind in mehr als dreissig Länder gereist, um den Soldaten beim Schiesstraining zuzusehen...
Ich habe bei vielen Armeen der Welt fotografiert und auch noch welche hinzugefügt, die offiziell nicht als Armee gelten. Ich war in Nordirak bei der kurdischen PKK . Manche sagen, das seien Freiheitskämpfer, die anderen, das seien Terroristen. Ich war bei der Polisario in der Westsahara, auch in Algerien...

Waren Sie manchmal in Gefahr?
Es war nicht immer gemütlich, auch wenn ich nicht an Gefechten teilnahm. Wir hier in Europa glauben, dass der Frieden selbstverständlich ist. Ich habe aber an ganz vielen Orten erlebt, dass der Frieden äusserst brüchig sein kann. In vielen der Länder, in welchen ich noch fotografieren durfte, wäre das jetzt nicht mehr möglich. Etwa in der Ukraine, in Russland oder in China.

Haben alle Armeen der Welt etwas gemeinsam?
Ja, dass sie den jungen Männern das Treffen und das Töten beibringen.

Sie sagen zuerst «Treffen» und erst dann «Töten». Warum?
Ich möchte kein Hassbild zeigen. Die Soldaten lernen zu überleben, da gehört aber das Töten dazu. Jeder will überleben, und jeder tötet auch – wenn wirklich Krieg ist. Das Wichtigste dabei ist die Moral der Führung. Diese muss klare Grenzen setzen, was erlaubt ist und was nicht. Damit keine Greuel passieren.

Schweiz

Schweiz

Schweiz

Schweiz

Deutschland

Deutschland

Dürfen die Soldaten auch ein eigenes Gewissen haben?
Jeder Soldat muss von sich denken, dass er der Gute ist und der andere der Böse. Das ist auch fürs Überleben wichtig.

Nicht seine sichere Hand oder schnelle Reflexe?
Die auch. Doch jeder Soldat soll glauben, dass er für die richtige Sache kämpft. Wenn er das nicht mehr glauben würde, dann wäre er wahrscheinlich kein guter Soldat mehr. Man darf an der Front nicht allzu viel nachdenken.

Denken die Soldaten wirklich nicht nach?
Es gibt Soldaten, die überhaupt nicht nachdenken. Aber es gibt auch solche, die sehr wohl zweifeln und sich Gedanken machen. Ich habe immer, wenn es die Sprache zuliess, mit den Soldaten auch Gespräche geführt.

Vereinigte Arabische Emirate

Libanon

Israel

Darf man innerhalb der Armee fotografieren und recherchieren?
Natürlich nicht ohne Genehmigung. Es war oft sehr schwierig, bis ich die Zusage bekommen habe. Bei manchen Ländern hat es mehrere Jahre gedauert. Aber ich liess nicht locker, denn ich wollte alle Regionen der Welt dabeihaben.

Unter den Zielfiguren auf Ihren Fotos gibt es oft Männer in T-Shirt oder Kapuzenjacke. Rechnet man heute vor allem mit terroristischer Gefahr?
Nein, so würde ich das nicht sagen. Doch die Vorstellung vom Krieg hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Früher gab es Fronten. Jetzt gibt es fast ausschliesslich den asymmetrischen Krieg.

Irak

Irak

Asymmetrischer Krieg - was ist das?
Das heisst, dass es keine Feindeslinie mehr gibt. Man weiss nicht mehr: Wer oder wo ist der Feind? Wie man an den Kriegen im Irak, in Afghanistan oder Syrien gesehen hat: Der Feind kann auch ein Schafhirte oder ein Passant sein. Dadurch hat sich auch das Training verändert. Die Schiessfiguren genügen nicht mehr. Es werden immer mehr Häuserkampfanlagen gebaut.

Häuserkampfanlagen?
Ja, Dörfer und Städte, die ganz real aussehen. Der Teppichhändler ist angedeutet, das Gemüse steht vor der Tür, das Lamm hängt beim Metzger. Dort trainieren die Soldaten, nach Terroristen zu suchen oder Häuser zu erobern.

Israel

Israel

Sie beschreiben eine orientalische Stadt. Vermutet man den Feind immer im Osten?
In Amerika ist das die Erfahrung aus den letzten Kriegen. Das war früher nicht so. Mir hat ein Colonel der US-Armee ein Schiessziel gezeigt, an dem er trainiert wurde. Das war eine grüne Figur mit einem roten Stern am Helm. Damals war die Sowjetunion der Feind. Doch der neue Feind sieht eben oft orientalisch aus – vor allem in den USA, aber nicht nur dort.

Kann das Schiessen auf eine Figur mit menschlichen Gesichtszügen auch dazu führen, dass man zu schnell schiesst?
Damit das nicht passiert, gibt es spezielle Schiessanlagen. Sehen Sie diesen Mann mit der Coca-Cola in der Hand? Auf der Rückseite ist der gleiche Mann mit der Pistole in der Hand abgebildet. Die beiden Seiten werden schnell abgewechselt und die Soldaten lernen, nur dann zu schiessen, wenn sie die Waffe sehen.

Auch eine Frau mit der Waffe in der Hand kommt als Ziel vor.
Diese Frau mit wallendem schwarzen Haar habe ich im Libanon fotografiert. Ihr Aussehen entspricht offenbar der lokalen Vorstellung von einer attraktiven Frau.

Libanon

Libanon

Warum wird eine solche als Feind dargestellt?
Wahrscheinlich sollen die Soldaten lernen: Auch attraktive Frauen können töten.

Wurde es Ihnen in diesen sechs Jahren nicht manchmal zu viel?
Es war schon ein schwieriges Thema, das mich sehr stark beschäftigt hat. Aber wer A sagt, muss auch B sagen. Ich konnte nicht mitten im Projekt davonlaufen.

Sind Sie selber eine gute Schützin?
Ich weiss es nicht, ich habe es nicht ausprobiert.

USA

China

Deutschland

Schweiz

Impressum

Text
Ewa Hess

Fotos
Herlinde Koelbl (19)
Johannes Rodach (1)

Gestaltung
Andrea Bleicher