Das gute Leben

Tarifa ist ein Paradies für Surfer. Manchen gefällt es so gut, dass sie für immer bleiben

Bunte Kite-Schirme am Himmel, die Bucht von Valdevaqueros im Sonnenlicht: Tarifa ist der beste Surf-Spot ­Europas.

Nur 14 ­Kilometer entfernt von Afrika liegt ­Tarifa, die südlichste Stadt des Kontinents. Zwischen Sierra Nevada und Atlasgebirge verengen sich die ­Küsten wie der Hals eines Trichters, ­starke Winde sind die Regel in der Meerenge.

Die Winde und geschützte Naturparks haben verhindert, dass in Tarifa Hotel­burgen gebaut wurden.

Kilometer 74,5 der Carretera ­Nacional 340, Málaga Richtung ­Cádiz: Hinter Tarifa sieht man auf einer wilden Wiese braune und schwarze Kühe grasen. Über deren Köpfe tanzen bunte Kite-Schirme. In der Bucht von Valdevaqueros, zwischen Pinienhainen und Wanderdüne, zwischen Kuhweide und der Meerenge von Gibraltar, liegt einer der besten Strände der Welt zum Surfen.

Philippe aus Antwerpen läuft tropfnass mit dem Surfbrett unter dem Arm über den Strand. Der Sand ist fein wie Mehl. Der Belgier lässt sich in einen ­Liegestuhl vor seinem Campingwagen fallen.

Bevor er nach Tarifa kam, war Philippe aus Belgien Feuerwehrmann. «Es ist ein low life. Aber ein quality life.»

Bevor er nach Tarifa kam, war Philippe aus Belgien Feuerwehrmann. «Es ist ein low life. Aber ein quality life.»

Seit zwei Jahren steht dieser auf der holprigen Wiese, neben vielen anderen Behausungen von wild Campierenden, direkt am naturbelassenen Strand, mit Blick gen ­Afrika. Auf dem Dach zwei Kajaks und eine Piratenflagge. «Ich habe keine Ehefrau und keine Kinder», erzählt Philippe, «aber ich habe zwei Hunde und einen Campingwagen – was braucht man mehr?»

Tarifa ist der beste Surf-Spot ­Europas und die windigste Stadt. Hier fliessen Atlantik und Mittelmeer ineinander.

Vom Atlantik weht ein Wind namens Poniente, aber die Kitesurfer lieben den Ostwind Levante  noch mehr.

Vom Atlantik weht ein Wind namens Poniente, aber die Kitesurfer lieben den Ostwind Levante noch mehr.

Nur 14 ­Kilometer entfernt von Afrika liegt ­Tarifa, die südlichste Stadt des Kontinents. Zwischen Sierra Nevada und Atlasgebirge verengen sich die ­Küsten wie der Hals eines Trichters, ­starke Winde sind die Regel in der Meerenge. Vom Atlantik her weht ein Wind namens Poniente.

Die Kite- und Windsurfer aber ­lieben den heftig blasenden Levante vom Osten noch mehr. Seinetwegen pilgern sie aus der ganzen Welt an den Strand am letzten ­Zipfel Europas.

Bevor er nach Tarifa kam, war Philippe Feuerwehrmann. Jetzt lässt er sich den Wind ins braun gebrannte Gesicht und die sonnengebleichten Locken wehen. «Jede Woche sind wieder andere Surfer da, ich bin nie allein», sagt er. «Abends machen wir Feuer und sitzen zusammen.»

Drachen schweben in 30 Metern Höhe, leicht und friedlich.

Drachen schweben in 30 Metern Höhe, leicht und friedlich.

Die Surfer schauen nach ­Marokko, das am anderen Ende eines Sees zu liegen scheint. Gut sichtbar der zerklüftete Berg Jbel Musa. So leicht die Sportler hier mit ihren Kites meterhoch abheben, so unbeschwert scheinen sie ihr Leben zu leben.

Am Strand ist es farbenfroh wie in der Kinderabteilung von Ikea. Drachen schweben wie knallbunte Luftballone in der Sonne, in 30 Metern Höhe, leicht und friedlich. «Es ist ein low life», sagt Philippe, «aber ein quality life.»

Der Belgier Philippe lebt seit zwei Jahren im Camper direkt am Strand. «Ich habe keine Ehefrau und keine Kinder. Aber ich habe zwei Hunde und einen Campingwagen. Was braucht man mehr?»

«Tarifa hat sich in ein Synonym für das gute Leben verwandelt», schrieb die spanische Tageszeitung «El País».

«Leben, um zu fliegen». Das Motto vieler Kitesurferinnen und Kitesurfer.

Die Windsurfer tragen ihre ­Segel über den Strand wie kleine Ameisen grosse Blätter. «In der Bucht von Valdevaqueros haben wir die beste Windausbeute», sagt die Österreicherin Christine.

Sie führt die erste Surfschule am Strand von Valdevaqueros und vermietet in Containerhütten die Ausrüstung. Das Schweizer Ehepaar Stämpfli hatte Tarifa Spinout 1988 gegründet.

Christine: «Trotz der heftigen Winde ist das ein sicheres Revier. Sie bringen einen immer wieder zurück, solange man nicht über die Landspitze hinaus fährt.»

Die Österreicherin Christine führt die Surfschule «Spinout»: «Es ist das Gefühl der Freiheit, das viele anzieht».

Die Österreicherin Christine führt die Surfschule «Spinout»: «Es ist das Gefühl der Freiheit, das viele anzieht».

Tarifa, so gross wie der Kanton Aargau, hat von allen Gemeinden die längste Küstenlinie Spaniens. Einen Ort wie diesen gibt es ­selten: Mittelmeer und Atlantik, Europa und Afrika, in Tarifa trennen sich die Welten. Im Westen beginnt die Costa de la Luz, zu der Tarifa gehört. Im Osten liegt die Costa del Sol mit All-inclusive-Hotels und hässlichen Appartementanlagen.

Marbella, das heisst Jachten, Goldschmuck und dicke Autos. Tarifa, das heisst Surfbretter, Muschelketten und VW-Busse.

Es ist umständlich, nach Tarifa zu ­fahren, man braucht ein Auto. Winde und geschützte Naturparks haben verhindert, dass Hotel­burgen gebaut wurden.

«Wenn man Sport liebt, ist Tarifa der beste Ort in Europa», behauptet Schulinhaberin Christine. Nach Tarifa kommen Individualtouristen, darunter viele Schweizer. Einige arbeiten im Winter als Skilehrer, im Sommer geniessen sie Strand und Meer.

Das Alternativprogramm zum Surfen ist beachtlich: Tarifa-Gäste schwimmen, biken im Nationalpark, fahren Kajak, machen Yoga am Strand oder klettern. Nur hier bietet die Costa de la Luz Felsen direkt an der ­Küste, die zum Klettern einladen.

«Es ist das Gefühl der Freiheit, das viele anzieht», sagt Christine, «die Weite, die Natur.» Die spanische Tageszeitung «El País» schrieb vor kurzem: «Tarifa hat sich in ein Synonym für das gute Leben verwandelt.»

Andalusisch für Anfänger: Chiringuitos heissen die Strandbars.

Andalusisch für Anfänger: Chiringuitos heissen die Strandbars.

Gleich neben Christines Surfschule liegt ein Chiringuito, so heissen in Andalusien die Strandbars. Im Tangana stärken sich die Surfer mit Hamburgern und ­Pommes oder Thunfischsteak mit Mango, Sprossen und Algensalat. Sie sitzen in Acapulco-Stühlen, auf türkisfarbenen Bänken, unter schilfgedeckten Sonnenschirmen und Bougainvilleen. «Chloé, dein Cheeseburger ist fertig, du kannst ihn an der Bar abholen», haucht eine Stimme aus dem Laut­sprecher.

Der Totenkopf lacht vom Rücken: Alle sind hier sportlich, Posertum gibt es nicht.

Der Totenkopf lacht vom Rücken: Alle sind hier sportlich, Posertum gibt es nicht.

«Chloé, dein Cheeseburger ist fertig, du kannst ihn an der Bar abholen», haucht eine Stimme durch den Lautsprecher.

«Chloé, dein Cheeseburger ist fertig, du kannst ihn an der Bar abholen», haucht eine Stimme durch den Lautsprecher.

Ein Kerl mit langer blonder Mähne kommt in Flipflops angeschlurft, seinen Rücken bedeckt ein tätowierter Totenkopf, lachend und mit Rose. Alle hier sind sportlich, viele haben Tribals, aber Körperkult wie am Strand von Ipanema, Venice Beach oder an der Adria gibt es hier nicht, kein Posertum, keine Muskelshow. Der windgestählte Körper wurde nebenbei erworben.

Am Nachmittag bläst es immer stärker, 5 Beaufort werden gemessen. Von den Bergkämmen winken Windräder, die Büsche machen La-Ola-Bewegungen, die Palmen schütteln ihr Haupt wie tanzende Rastas. Allein die Kakteen verharren.

Im Tangana steigt die Vorfreude mit zunehmendem Wind. Die Erregungskurve der Surfer erhöht sich parallel zur Beaufortskala. Die Brise zerzaust die Haare, kitzelt sie, umspielt die Körper. «We’ll leave the TV and the radio behind», soufflieren die Boxen dazu, «don’t you wonder what we’ll find.»

Los gehts, für die nächsten Stun­den, bis die Erschöpfung eintritt.

Marbella, das heisst Jachten, Goldschmuck und dicke Autos. Tarifa, das heisst Surfbretter, Muschelketten und VW-Busse.

Am Strand von Valdevaqueros: Ist der Wind gut, steigt die Stimmung.

Für den Kitesurf-Nachwuchs ist gesorgt.

Auch am Hafen von Tarifa kommen Männer müde vom Meer: die Fischer. Es ist 16.52 Uhr, das ­erste Boot läuft ein. Nur drei kleine Kisten hat der Mann mit dem sonnenverblichenen blauen T-Shirt gefangen, Rotbarben. Den ganzen Tag haben die Fischer mit dem Wind und dem Meer gekämpft und ihm doch nur ein paar Fische abgetrotzt.

Joaquinito ­Fuente, 70, teilt sich mit seinen zwei Söhnen und fünf Familien ein Boot. Wie finden sie die Surfer, für die Wind und Meer nichts als Spass sind? «Uns stören sie nicht. Sie machen einen gesunden und sauberen Sport», sagt ­Joaquinito. «Mir hätte das auch ­gefallen als junger Mann! Aber ich hatte nur ein altes Velo.»

«Jetzt ist der Moment, verpass die Welle nicht», appellieren Werbeplakate in Tarifa an die Surfer.

«Jetzt ist der Moment, verpass die Welle nicht», appellieren Werbeplakate in Tarifa an die Surfer.

Das Lebensgefühl der Surfer bestimmt heute den Takt im ehemaligen Fischerstädtchen. «Jetzt ist der Moment, verpass die Welle nicht», appellieren Werbeplakate einer der 50 Surfschulen am ­Strassenrand. An einem anderen Ort heisst es: «Leben, um zu fliegen». Tarifas Gassenlabyrinth bietet Schatten, zwischen dem Stadttor im Mudéjar-Stil und der zinnenbewehrten Festung.

In Castillo de Guzmán el Bueno finden sich weder Ladenketten noch ein Irish Pub. Aber viele gute Restaurants, mit erstaunlich gesunder Kost, etwa vegetarischer Tajine und veganer Paella. Auch die Läden in den weissen Häuschen verkaufen den Tarifa-Life­style: Boho, Etnika, Mar, Natural Chic locken mit marokkanischen Lederschlappen, indianisch, mexikanisch oder indisch bestickten Gewändern und handgemachten Ethno-Taschen.

Surfen, bis die Erschöpfung eintritt. Am Los Lances, dem Stadtstrand von Tarifa.

Surfen, bis die Erschöpfung eintritt. Am Los Lances, dem Stadtstrand von Tarifa.

Unten am Stadtstrand von ­Tarifa Los Lances treibt der Wind mit ein paar Anfängern ein Spässchen. Sie versuchen, vom Strand ins Wasser zu gelangen, ihre Kites schweben schon hoch am Himmel, doch der Wind lässt sie nicht zum Meer.

Die Greenhörner stemmen sich wie störrische Esel gegen die Drachen und bewegen sich hilflos wie Marionetten an den Fäden eines unsichtbaren Riesen. Der Wind schubst einen vorwärts, lässt den anderen zurücktrippeln, schleift ihn hierhin und dorthin. Mal zieht ein laues Lüftchen den Surfer sanft, als helfe es einer alten Dame über die Strasse, dann zerrt eine Böe ihn wieder wie eine Mutter einen ungezogenen Buben am Ohrläppchen.

Dann gönnt die Natur den ­Wassersportlern doch noch einen Puster in die Richtung des ersehnten Meeres. Ein kräftiger Kerl schnappt sein Brett, springt auf, und schon gleitet er leicht und elegant über die Wellen.

Zwei Minuten darf er durchs Wasser sausen, dann schickt der Wind ihn mit einem unbarmherzigen Husten wieder an den Strand zurück. Auf ein Neues.

Die Reise wurde unterstützt vom Spanischen Fremdenverkehrsamt

Anreise
Täglich mit Swiss nach Málaga, www.swiss.com; oder mit Easyjet ab Basel, www.easyjet.com; weiter mit Mietauto oder Bus nach Tarifa.

Unterkunft
Hotel Dos Mares: Es liegt am Strand zwischen Judasbäumen, Palmen, Kronleuchtertannen und Oleander;
www.dosmareshotel.com
Hotel Banti: Hier steigen viele Surfer ab; www.bantitarifa.com

Camping
Es gibt mehrere Campingplätze an den Stränden Tarifas z. B. Camping Tarifa; www.campingtarifa.es

Reiseveranstalter
www.windtravel.ch

Surfen
Spinout Windsurf, Surfschule und Verleih, Playa de Valdevaqueros, www.tarifaspinout.com

Sergio Alonso baut noch selber Surfbretter.

Sergio Alonso baut noch selber Surfbretter.

«Mit Styroporkern und aussen Carbon, jedes Brett ist handgemacht», so Sergio Alonso.

«Mit Styroporkern und aussen Carbon, jedes Brett ist handgemacht», so Sergio Alonso.

Surfladen Sailboards ­Tarifa: Sergio Alonso ist der Letzte in Tarifa, der Surfbretter noch selber baut. «Mit Styroporkern und aussen Carbon, jedes ist handgemacht, Farbe, Weite, Länge, Volumen Fahreigenschaften kann sich der Käufer aus­suchen», sagt Sergio, der Deutsch spricht. Ab 1700 Euro. www.sailboardstarifa.com

Beste Reisezeit
Der Poniente bläst im Frühjahr, der Sommerwind Levante von Juni bis September.

Allgemeine Informationen
Spanisches Fremdenverkehrsamt Zürich,
Tel 0041 44 253 60 50, www.spain.info;
www.tarifa.de

Impressum

Text
Vera Görgen

Fotos
Esther Michel (Fotos)
Gestaltung
Andrea Bleicher