Frauen in der Teilzeit-Falle

Mütter werden glücklicher und erfolgreicher,
wenn sie ihr Jobpensum aufstocken

Immer, wenn es Sarah Thiele einen Abendtermin reinschneit, schickt sie ihrem Mann eine Meeting-Anfrage via Outlook. Er checkt dann, ob es ihm möglich ist, die sechsjährigen Zwillinge daheim zu betreuen.

Antwortet er positiv, ist die Sache geregelt, und Thiele kann ihre Agenda füllen. Die 41-Jährige arbeitet in einem 90- Prozent-Pensum als Kommunikationschefin des Bereichs Poststellen und Verkauf der Schweizerischen Post.Bis die Kinder zwei Jahre alt waren, arbeitete sie 60 Prozent. Heute sagt sie: «Das aktuelle Pensum schlaucht mich viel weniger als die 60 Prozent.»

Mit ihrer Haltung hat Thiele in der Schweiz Exotenstatus. Fast 30  Prozent der berufstätigen Mütter mit Kindern unter 6  Jahren glauben das Gegenteil und entscheiden sich für ein Teilzeitpensum von 50 Prozent oder weniger, um die Doppelbelastung zu managen. Knapp 27 Prozent sind gar nicht erwerbstätig.

Die tiefen Teilzeitpensen steigen sogar an, wenn die Kinder zwischen 7 und 14 Jahre alt sind, wie Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen.

In keinem anderen OECD-Land ausser den Niederlanden arbeiten die Frauen so häufig Teilzeit wie in der Schweiz. Genau das erweist sich mehr und mehr als Bumerang. Die vielen Minipensen führen die Frauen nicht in die Chefetagen, sondern ins karrieretechnische Out.

Nach zwei Jahrzehnten Dauer-Ruf nach Teilzeitstellen kehrt Ernüchterung ein – selbst in der Politik. «Ein grosses Potenzial für die Kompensation des Fachkräftemangels stellt die Erhöhung des Arbeitspensums Teilzeit arbeitender Personen dar», hält der Bundesrat in Zusammenhang mit der Fachkräfteinitiative fest.

Ins selbe Horn stösst die Zürcher Regierungsrätin Jacqueline Fehr. «Betrachtet man das Arbeitsvolumen, das die erwerbstätigen Frauen im Vergleich zu den Männern leisten, liegt die Schweiz im OECD-Vergleich auf dem zweitletzten Platz», hielt sie in einer Interpellation zur Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt fest, die sie 2014 als Nationalrätin eingereicht hatte.

Sarah Thiele, 41, Kommunikationsleiterin Poststellen, Schweizerische Post, 2 Kinder (6 Jahre), Pensum 90 Prozent: «Unter 60 Prozent gebe ich keiner meiner Mitarbeiterinnen Projektverantwortung.»

Carolin Galig, 36, Marketing Director GAM Investment, 2 Kinder (1 und 4 Jahre), Pensum 100 Prozent: «Ich werden in der Schweiz oft gefragt, warum ich 100 Prozent arbeite mit zwei kleinen Kindern. Im Ausland ist das nie ein Thema.»

Der Vorstoss wurde aufgrund von Fehrs Wechsel in die Zürcher Exe­kutive nicht weiterverfolgt. Doch die Politikerin sieht nach wie vor Handlungsbedarf. «Kleine Teilzeitpensen sind heimtückisch. Sie sind oft eine Scheinlösung, da sich die Frauen damit selbst betrügen», sagt Fehr.

Aus schlechtem Gewissen würden sich die Mütter nicht überzeugt, sondern nur «ein bisschen» für den Beruf entscheiden.

Ihre Einschätzung wird an der Basis bestätigt. «In tieferen Teilzeitpensen kann man sich nichts aufbauen, weil man schlicht nicht wahrgenommen wird», stellt Astrid Lienhart, 44, nüchtern fest.

Die zweifache Mutter ist selbstständige Anwältin und arbeitet seit der Firmengründung 100 Prozent. «Das war die beste Entscheidung überhaupt, auch wenn ich natürlich Schuldgefühle hatte. Aber die hätte ich wohl auch, wenn ich 100 Prozent Mutter wäre.»

Vor ihrem Wechsel in die Unternehmerinnenrolle war sie zu 60 Prozent in einer Kanzlei angestellt. Die Scheidung vom Vater ihrer Kinder bewog sie dazu, richtig finanzielle Verantwortung zu übernehmen.

Davor schrecken viele Frauen auch 20 Jahre nach der Einführung des Gleichstellungsgesetzes zurück. Geteiltes finanzielles Engagement? Fehlanzeige.

«Wenn man mit kleinen Kindern eine Karriere verfolgt, darf man nicht damit rechnen, dass man von der Gesellschaft verstanden wird.»

Sarah Thiele, Kommunikationsleiterin Poststellen

Die Frauen tragen nach wie vor signifikant weniger zum Haushaltseinkommen bei. Gesellschaftliche Konventionen halten sie von einem höheren beruflichen Engagement ab.

Der Mythos, wonach eine Mutter nur dann eine gute Mutter ist, wenn sie daheim bleibt und zu den Kindern schaut, hält sich hartnäckig – und schreckt die Frauen davon ab, sich beruflich entschlossener zu engagieren. «Wenn man mit kleinen Kindern eine Karriere verfolgt, darf man nicht damit rechnen, dass man von der Gesellschaft verstanden wird », sagt Sarah Thiele.

«Wir haben entschieden, dass wir Beraterinnen nur mit einem Minimumpensum von 60 Prozent anstellen.»

Pia Tischhauser, Geschäftleitungsmitglied Boston Consulting Group

«Wenn wir mehr Frauen im Management haben wollen, müssen wir ihre Karriere begleiten und sie zu höheren Pensen motivieren. Es braucht Pensen von 80 Prozent und mehr», sagt Nadja Lang, CEO von Max Havelaar.

Sonst fehle die strategische Gestaltungskraft, die nötig sei für eine Karriere. «Die Demarkationslinie für eine Karriere liegt bei 70 Prozent», sagt Managementberaterin Sonja Buholzer.

Mehr Frauen im Topmanagement: Dieses Ziel verfolgt auch der Bundesrat und fordert im Rahmen der Aktienrechtsrevision eine Frauenquote von 20 Prozent für Geschäftsleitungen von börsenkotierten Firmen. Heute sind die Frauen mit nur 6 Prozent in Geschäftsleitungen vertreten.

Bei Max Havelaar gilt für Führungspositionen eigentlich die 80-Prozent-Regel. Ähnlich die Boston Consulting Group (BCG): «Wir haben entschieden, dass wir Beraterinnen nur mit einem Minimumpensum von 60 Prozent anstellen», sagt Geschäftsleitungsmitglied Pia Tischhauser.

Um den Frauen die Karriere bei BCG zu erleichtern, anerkennt das Unternehmen im Rahmen eines globalen Pilotversuchs ein 70-Prozent- als 80-Prozent-Pensum. «So können wir die Frauen weiterhin befördern, und sie müssen nicht zuschauen, wie Kollegen an ihnen vorbeiziehen», erklärt Tischhauser.

Maya Bundt, 45, 3 Kinder (4, 8 und 10 Jahre) Head Cyber and Digital Strategy Swiss Re, Pensum 100 Prozent: «Es ist wichtig, dass Firmen die Kleinkindphase berücksichtigen und Frauen Karrieresprünge auch nach 40 noch ermöglichen.»

Astrid Lienhart, 44, 2 Kinder (13 und 17), selbstständige Anwältin, Pensum 100 Prozent: «Ich habe den Eindruck, dass Kinder profitieren, wenn das Mami nicht alles übernimmt und sie lernen, Verantwortung zu übernehmen.»

Allerdings: Eine Pensumserhöhung muss nicht zwingend mehr Stress bringen. Eine langjährige deutsche Studie mit 7000 Familien zeigte klar auf, dass Mütter mit höherem Pensum sogar gesünder sind – weil der Partner mehr mit anpackt.

«Die Person, die Teilzeit arbeitet, ist schnell für sämtliche Belange zu Hause zuständig. Das ist doppelt anstrengend», weiss Maya Bundt, Head Cyber and Digital Strategy beim Rückversicherer Swiss Re.

«Es war von Anfang an klar, dass wir das zu zweit durchziehen.»

Maya Bundt, Head Cyber and Digital Strategy Swiss Re

Wenn beide Vollzeit arbeiten würden, sei es klarer, dass auch die Familienarbeit geteilt werde. Bei Bundt kümmert sich eine Nanny fünf Tage die Woche um die drei Kinder. Das Modell hat seinen Preis: Bundts Tag beginnt um 5 Uhr. Noch vor dem Frühstück mit den Kleinen wird gearbeitet. Um 8 Uhr ist sie in ihrem Büro in Adliswil.

Ohne die Unterstützung ihres Mannes wäre das nicht machbar. «Es war von Anfang an klar, dass wir das zu zweit durchziehen.»

Genau dies fordern aber Frauen zu wenig ein. «Ich erlebe immer wieder, dass schwangere Frauen erst einmal den Arbeitgeber um eine Reduktion des Pensums bitten, ohne vorher mit dem Partner dessen mögliche Pensumsreduktion verhandelt zu haben», sagt Helena Trachsel, Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung des Kantons Zürich.

Der vorauseilende Gehorsam kommt die Frauen teuer zu stehen. Eine neue Studie der Uni St. Gallen zeigt klar, dass das Arbeitspensum einen signifikanten Einfluss auf die berufliche Laufbahn hat. Die Studie wurde im Auftrag des Frauennetzwerks Advance gemacht.

Die Erkenntnis: Selbst Teilzeiter in einem hohen Pensum haben weniger Gewinnverantwortung als Vollzeiter und führen kleinere Teams. Umgekehrt leisten sie aber fast genauso viele Überstunden. Rein ökonomisch gesehen, machen sie ein schlechtes Geschäft.

Carolin Galig spricht von einem «entspannteren Verhältnis mit dem Ehemann», seit sie voll als Marketingmanagerin bei der Assetmanagement-Gesellschaft GAM Investment arbeitet.

Die 36-Jährige merkte rasch, dass Teilzeitstellen in der Finanzbranche rar sind und sie bei Headhuntern selbst mit einer 80 Prozent-Forderung Mühe hatte. Heute macht sie ihr 100-Prozent-Pensum trotz regelmässiger kritischer Fragen aus dem Umfeld stolz: «Wir haben einen angenehmen Lebensstandard. Ich möchte mit meinem Einkommen adäquat dazu beitragen».

«Je höher das Pensum, desto entlastender»

Pasqualina Perrig-Chiello, Professorin für Psychologie an der Uni Bern, über Zufriedenheit und die Arbeitsteilung im Haushalt.

Frau Perrig-Chiello, eine Studie der HSG zeigt, dass Teilzeitpensen für Frauen schlecht sind. Was sagen Sie als Psychologin dazu?
Diese Minipensen sind ein Problem, das weiss man schon länger.

Weshalb?
Seit Jahren werden in Deutschland im Rahmen einer Studie 7000 Familien regelmässig befragt. Die Resultate sind eindeutig und bestätigen die HSG-Studie: Der Umfang des Berufspensums von Müttern steht in direktem Zusammenhang mit deren psychischer und physischer Gesundheit.

Inwiefern?
Je mehr sie einem Beruf nachgehen und je höher das Pensum ist, desto besser geht es ihnen.

Was sind die Gründe?
Einer der Hauptgründe ist, dass je mehr eine Mutter ausser Haus arbeitet, desto mehr Haus- und Familienarbeit übernimmt der Mann. Die Korrelation ist eindeutig. Die Männer ziehen viel mehr mit, wenn die Frauen ebenfalls in einem höheren Pensum erwerbstätig sind.

«Wenn die Mütter zufriedener sind, geht es der ganzen Familie besser.»

Pasqualina Perrig-Chiello

Frauen werden durch ein höheres Pensum bei der Arbeit daheim entlastet?
Richtig. Je mehr eine Frau arbeitet, desto paritätischer ist zumeist die Aufgabenteilung daheim. Die Frauen profitieren also davon. Hinzu kommt noch eine sozialpsychologische Komponente: Eine Frau, die mit einem höheren Pensum arbeitet, macht damit deutlich, dass sie sich stark mit ihrem Beruf identifiziert. Dass er ein wichtiger Teil ihrer Identität ist und dass ihr Job so wichtig ist wie derjenige des Partners. Das macht selbstbewusst und unabhängig, und das strahlt sie aus. Und: Das wird wahrgenommen. Nicht nur von ihrem Partner, sondern auch an ihrem Arbeitsplatz.

Also: Frauen, ran an die höheren Pensen?
Nein, denn das wäre das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Man sollte nicht in dieses Alles-oder-nichts-Denken verfallen: Es gibt Frauen, die mit einem kleinen Pensum zufrieden sind, und die sollen das auch weiterhin so handhaben dürfen. Entscheidend ist, dass jene, die mehr arbeiten wollen, das tun können. Was die Studie nämlich ebenfalls zeigt: Frauen, die mehr arbeiten wollen und das auch können, sind glücklicher. Und wenn die Mütter zufriedener sind, geht es der ganzen Familie besser.

Ist die Politik gefragt?
All die empirischen Fakten, die auf dem Tisch liegen, sind ein Appell an die Politik, endlich vorwärtszumachen, um jenen Frauen, die beruflich weiterkommen wollen, das auch zu ermöglichen. Übrigens profitieren auch die Männer davon: Es hängt nicht mehr die ganze finanzielle Verantwortung an ihnen allein. Es ist eine Entlastung, wenn die Frau ebenfalls zu einem ansehnlichen Teil zum gemeinsamen Einkommen beiträgt.

Impressum

Text
Bettina Weber
Karin Kofler

Fotos
Esther Michel (4)
Getty Images (2)

Gestaltung
Andrea Bleicher