Gib Gummi, Pedaleur!

Bei der Tour de France kommen die Fans den Sportlern viel näher als an der Fussball-EM. Und auf der Vorausfahrt auf den Mont Ventoux oder die Alpe d’Huez dürfen Hobby-Velofahrer leiden und jubeln wie die Grossen des Radsports

Der Lavendelduft, den der Wind sonst sanft durch die Provence haucht, ist verflogen. Auch vom kräftigen Thymian bleibt nur die Erinnerung. Beissender Gummigeruch überdeckt das feine Blumen- und Kräuterbouquet. Der Gestank stammt von Wohnmobilen, Autos und Motorrädern, die auf der anderen Strassenseite mit heissen Bremsen und Pneus ins Tal rattern. So riechen also 20 Kilometer Abfahrt.

Wie schmecken wohl 20 Kilometer Auffahrt mit dem Velo? Wir sind dabei, das herauszufinden. Unser Trip im Juli 2015 führt per Rennvelo von Bédoin auf den Gipfel des legendären Mont Ventoux. Die durchschnittliche Steigung auf den 21,2 Kilometern beträgt 7,6 Prozent. Das Thermometer zeigt 30 Grad Celsius. Und bald bleiben die Schatten spendenden Pinien hinter uns zurück.

Ein Hang zum Extremen – mal bitterkalt und mal glutheiss

Es gibt einen Grund, warum wir im Juli diesen Berg angehen: Die Tour de France rollt durch Frankreich. Sie ist das drittgrösste Sportereignis der Welt und bietet das maximale Fanerlebnis. Während die Zuschauer bei der in Frankreich laufenden Fussball-EM 2016 die Stars mit dem Feldstecher einfangen müssen, ist bei der Tour alles anders: kurz vor dem Start noch schnell ein Selfie mit Alberto Contador, am Berg kraftvoll Fabian Cancellara angeschoben, im Ziel ein Autogramm von Chris Froome ergattern. Berühren statt bewundern.

Dieses Lass-die-Fans-nah-ran-Prinzip soll bleiben, auch wenn die Tour wegen möglicher Terrorgefahr erstmals in ihrer Geschichte von einer Eliteeinheit der französischen Polizei beschützt wird. Zuschauer benötigen für die Rennen nicht einmal ein Ticket, jeder ist gratis dabei. Selbst das Campen an der Strecke kostet lediglich ein bisschen Anstrengung, um sich frühzeitig einen guten Platz zu sichern.

Das Spektakel wird endgültig zur Tour de Fans, wenn man sich mit den Profis messen kann. Der Hobby-Pedaleuer betritt dasselbe Sportfeld, fühlt und leidet wie sein Vorbild, schliesslich teilt man sich die tiefsten Schlaglöcher und die steilsten Anstiege.

Ein echter Velofahrer wird nie zufrieden sein, bevor er nicht mindestens einen der Tour-de-France-Giganten bezwungen hat. Der Mont Ventoux gehört zweifelsfrei dazu. Er schöpft seine Berühmtheit aus unterschiedlichen Quellen. Auch uns zeigt er seinen Hang zu Extremen: Im Tal ist es glutheiss, am Gipfel bitterkalt. Immerhin bleibt uns der gnadenlose Wind erspart, dem der Berg seinen Namen verdankt.

Dieses Jahr ist die 1911 Meter hohe Erhebung, die in der Provence alles weithin überragt, zum 16. Mal Teil des gigantischen Spektakels. Doping-Sünder wie Iban Mayo oder der verstorbene Marco Pantani haben Fabelzeiten am Mont Ventoux hingelegt. Und der Berg hat auch ein Opfer gefordert, wobei die Wahrheit ziemlich verklärt ist.

Am letzten steilen Anstieg zum kargen Gipfelplateau, in einer Mondlandschaft, haben die Fans eine Pilgerstätte für Tom Simpson geschaffen. 1967 brach der Brite an dieser Stelle zusammen und starb an einer Mischung aus Erschöpfung, Amphetaminen und Alkohol. Viele halten hier am Denkmal und «opfern» ihre Trinkflasche. Wir stoppen nur kurz und lassen unsere Plastikflasche auffüllen.

Man fühlt sich unbesiegbar, die Luft schmeckt nach Freiheit. Und vor allem nach mehr Gipfeln und Pässen.

Clemens wird uns beim Gelingen helfen. Der junge Mann ist der Luxus, den wir uns gönnen. Wer die Tour mit all ihren Facetten erleben will, tut gut daran, sich einem organisierten Trip anzuschliessen.

Hier in den südfranzösischen Alpen, wo wir uns parallel zu den Profis während einer Woche mit dem Velo bewegen, liegen die berühmten Anstiege weit auseinander. Ohne gut eingefädelte Transfers hat man als Amateur keine Chance.

Clemens arbeitet für Vinje Cycling, einen der raren deutschsprachigen Veranstalter, die ein Tour-de-France-Package schnüren. Als Basislager dient ein kleines, einfaches Hotel in Ancelle nahe der Stadt Gap, etwa auf halbem Weg zwischen Grenoble und Marseille.

Je nach Wetterlage, Trainingszustand und Wünschen der Teilnehmer wird eine Tagestour festgelegt. Dann packt man die Velos entweder in den Bus oder startet an der Haustür.

Die Berglandschaft bietet genügend Abwechslung für eine oder zwei Velowochen. Auf der einen Seite finden sich sanftere Hügel zum Warmfahren, die andere Richtung offenbart alpine Hochgebirgslandschaft mit kräftezehrenden Anstiegen. Die Region Hautes-Alpes ist Radsport-Hotspot in Frankreich, auch wenn die Tour 2016 ausnahmsweise einen kleinen Bogen um Gap macht.

Wir erleben die Profis zum ersten Mal live am Col de Manse, wo eine Bergwertung ansteht, bevor es hinuntergeht nach Gap. Vormittags haben wir noch eine Runde auf dem Velo gedreht, anschliessend geduscht und eine Portion Pasta gegessen.

Pasta, basta! Die Energiedepots müssen wieder aufgefüllt werden

Pasta, basta! Die Energiedepots müssen wieder aufgefüllt werden

Clemens hat inzwischen mit dem Kleinbus einen Platz zwischen den Wohnwagen besetzt, die wie eine weisse Linie den Streckenverlauf nachzeichnen. Als wir eintreffen, können wir uns vor der Sonne unter ein Zeltdach retten und ein vitaminhaltiges Buffet geniessen. Andere haben es nicht so gut, harren schon seit dem Morgen in der Hitze aus.

Berühren statt bewundern: Ein Tour-de France-Fahrer gibt Autogramme.

In Kurve 14 ist Beat Breu verewigt, der 1982 hier gewann

Dafür ist die grosse französische Freiluft-Fete schon im höchsten Gang. Musik dröhnt aus Autoradios, Bierflaschen klirren, eine Gruppe Waliser stimmt ein Volkslied an. Als die Motoren der Begleitfahrzeuge und Helikoptergedröhn die Profis ankündigen, drängen die Zuschauer in die Strassenmitte.

Die führenden Fahrer rauschen heran, nach wenigen Augenblicken sind sie in der Kurve verschwunden. Wer an einem steilen Anstieg wartet, erlebt mehr Tour-Feeling und hat die Chance, ein paar Meter mit den Fahrern zu spurten und ein Idol sogar anzuschieben. Umso schöner, dass wir in Gap, wo die Fahrer am folgenden Tag die Etappe starten, nochmals Tourluft schnuppern dürfen.

Bemerkenswert ist, wie nah die Fans rangehen. Die Teams wohnen in Hotels in der Innenstadt, bauen vor dem Eingang ihre Aufwärmstationen auf.

Die Profis geben Autogramme und Interviews, während sie auf verankerten Fahrrädern strampeln. Nirgendwo sind Sicherheitsleute postiert, lediglich ein Absperrband trennt Fans von Stars. Selbst im Startbereich kann man fleissig die Selfie-Sammlung ausbauen.

Mein Star und ich, kurz bevor es ernst wird – die Facebook-Gemeinde wird erblassen vor Neid. Noch schnell ein Trikot kaufen, Startschuss, die Profis rollen an. Wenig später fliesst der Verkehr wieder ganz normal durch Gap, als sei ein Stopp der Tour de France das Normalste der Welt.

Das Feld ist gesprengt: Der Autor Christian Schreiber (Mitte) beim Anstieg zur Alpe d`Huez.

Eine unverkrampfte Ambiance herrscht auch bei den legendären Etappen wie jener auf die Alpe d’Huez, die bereits 29-mal Teil der Tour war. Die 13,8 Kilometer lange Strasse von Le Bourg-d’Oisans in den hässlichen Skiort ist ein Mythos.

Holländische Party: Tour-de-France-Fans warten auf das Peleton auf der Strecke hinauf zur Alpe d'Huez.

Holländische Party: Tour-de-France-Fans warten auf das Peleton auf der Strecke hinauf zur Alpe d'Huez.

Ihre 21 Kehren sind nach Etappensiegern benannt, in Kurve 14 ist Beat Breu verewigt, der 1982 hier gewann. Schon zwei Tage bevor die Tour kommt, die wir mittels Autotransfer quasi überholt haben, ist alles in Fanhand. Kurve sieben gehört den Holländern, sie machen die grösste Party.

Jeder, der vorbeikommt, wird angefeuert – das sind an Tagen wie diesen zwischen 2000 und 3000 Velofahrer.

Bergankunft eines Mitglieds der Reisegruppe auf der Alpe d'Huez.

Bergankunft eines Mitglieds der Reisegruppe auf der Alpe d'Huez.

Wir müssen einen malträtierten Eindruck hinterlassen, werden sogar geschoben. An jeder Kehre lagern Fans, Zelte stehen im Gebüsch und am Abhang. Auf der Gegenfahrbahn quietschen die Bremsen. Es riecht nach Gummi. Wir wissen ja, wie eine Bergfahrt schmeckt: nach mehr.

Die Reise wurde unterstützt von Vinje Cycling

Tipps und Infos: Vor den Profis am Ziel

Anreise Mit dem TGV ab Genf nach Aix-en-Provence. Weiter mit dem Bus nach Gap. tgv.ch.voyages-sncf.com
info-ler.fr

Arrangements Mit Vinje-Rennradreisen den Mont Ventoux am Tag vor den Profis erklimmen und die Etappe live erleben.

Ausserdem Col de Manse, Alpe d’Huez. Reise vom 6. bis 16. 7., inkl. Transfers, Verpflegung, Tourenbegleitung, Unterkunft 1998 Euro p. P. Mietvelo ab 20 Euro/Tag.
www.vinje-rennradreisen.de

Wer im Herbst noch eine Chance auf den Mont Ventoux haben will: Biketeam-Radreisen aus Freiburg bietet vom 24. 9. bis 1. 10. eine Tour rund um Avignon und Bédoin ab 999 Euro.
www.biketeam-radreisen.de

Schweizer Spezialisten für Rennvelotouren: www.ciclissimo.ch
www.radreisenkunz.ch

Allgemeine Informationen Atout France, Tel. 044 217 46 00
ch.france.fr/de

Tour de France 2016

Die 103. Tour de France startet am Samstag, 2. Juli, am Mont St. Michel. Bis zum Finaltag am Sonntag, 24. Juli, in Paris absolvieren die Fahrer 21 Etappen und 3519 Kilometer.
Die Tour gastiert auch in Andorra, Spanien, und in der Schweiz. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte macht sie Station in Bern.

Am Montag, 18. Juli, überquert der Tross in Les Verrières die Schweizer Grenze und fährt via Val-de-Travers nach Neuenburg. Via Ins, Kerzers, Mühleberg und Frauenkappelen gelangen die Profis in die Bundeshauptstadt.

Am 19. Juli verbringen die Fahrer dort eine Ruhepause, ehe sie tags darauf um 12 Uhr im Stade de Suisse zur 184 Kilometer langen Etappe via Simmental und über den Col des Mosses ins Wallis fahren.

www.tdf-bern.ch
www.letour.fr

Impressum

Text
Christian Schreiber

Fotos
Sam Buchli (14)
Keystone (3)

Gestaltung
Natalie Hauswirth