Der Hobbykoch
guckt in
die Röhre

TV-Kochsendungen sind populär und omnipräsent – doch statt praktischer Tipps gibt es vor allem Action

Erinnern Sie sich an «Alfredissimo»? Die Kochsendung aus den Neunzigerjahren, moderiert von Alfred Biolek?

Wissen Sie noch, wie der kurrlige Mann mit der runden Brille zusammen mit Prominenten am Herd stand, mit ihnen kochte, plauderte und sich genüsslich das eine oder andere Gläschen Wein reinpfiff?

Hape Kerkeling war da und zeigte seinen Parmesan-Auberginen-Auflauf, Alice Schwarzer kochte Zitronenhuhn. Was den Zubereitungen gemeinsam war: Man konnte sie tatsächlich zu Hause nachkochen.

Kochen, plaudern, trinken: Alfred Biolek in seiner Sendung «Alfredissimo».

Kochen, plaudern, trinken: Alfred Biolek in seiner Sendung «Alfredissimo».

 «Mmmmh»: Hape Kerkeling und Alfred Biolek kochen Parmesan-Auberginen-Auflauf.

Bei «Kitchen Impossible» ist das nicht mehr der Fall. Die Sendung mit Tim Mälzer läuft jeweils am Sonntagabend auf VOX und illustriert mit ihrer Grenzenlosigkeit perfekt, wohin sich «Fressfernsehen» entwickelt hat.

Mälzer, TV-Koch mit Zahnlücke und Ali-G-Bart, misst sich jeweils mit grossen Meistern der gehobenen Küche. Vor zwei Wochen war das der mit drei «Michelin»-Sternen ausgezeichnete Juan Amador.

Und nicht nur die Kandidaten scheinen von grossem Kaliber zu sein, sondern auch das Budget – Werbeunterbrechungen mitgerechnet.

Mälzer und Amador drehten in Wien, München, Helsinki, Amsterdam und dem portugiesischen Ferragudo.

Verzwickte Aufgaben in «Kitchen Impossible»: Spitzenkoch Tim Raue (l.) schickte Tim Mälzer nach Hongkong und liess ihn Fischblase und Seegurke zubereiten. 

Das Konzept von «Kitchen Impossible» ist unterhaltsam: Die beiden Köche stellen sich gegenseitig verzwickte Aufgaben, neudeutsch Challenges genannt.

So musste Mälzer in einem ausrangierten Puff der holländischen Hauptstadt Hotdogs zubereiten, für die er Brötchen und Würste selber produzieren sollte.

Noch witziger war, wie Amador von Hand uigurische Nudeln, dünn wie Spaghetti, formen sollte und dabei ziemlich ins Schwitzen geriet.

Mälzer gewann, weil er von den Testessern mehr Punkte für sein Gericht erhielt.

«Und von dort schick ich Euch meinen Liebesbeweis: Nussecken und Himbeereis.» Guildo Horn (l.) besang nicht nur in «Guildo hat Euch lieb» Nussecken. Er backte sie auch in der Sendung von Alfred Biolek.

Da lächelt nicht nur Buddha: «Kitchen Impossible» ist ein Quotenhit. Tim Mälzer (links) liefert sich ein Duell mit Spitzenkoch mit Juan Amador.

«Das ist eine Katastrophe. Das ist ein Witz.» Nichts entgeht dem strengen Blick von Restauranttester Daniel Bumann.

Was dabei an Biolek erinnert: Auch in dieser Sendung wird zünftig ­gebechert – was offenbar beim Publikum ankommt. Die Sendung ­erreicht in Deutschland sensationelle 10 Prozent bei den 14- bis 59-Jährigen (beim zeitgleich ausgestrahlten «Tatort» sind es gegen 25 Prozent).

Kein Wunder, wird das von Endemol («Big Brother») produzierte Format 2017 fortgeführt.

Dass Kochsendungen zunehmend «Gameshow-Charakter» haben, lässt sich auch in der Schweiz ­beobachten. Schon seit über fünf Jahren ist das Format «Swiss Dinner» erfolgreich, es wird von mehreren lokalen Privatfernsehsta­tionen am Samstagabend ausgestrahlt.

Hier kochen vier Kandidaten gegeneinander, aufgezeichnet wird je eine Folge im trauten Heim eines Teilnehmers, der «Homestory-Effekt» macht einen Teil des Reizes aus.

Gut in seiner Rolle ist Küchenchef Erik Haemmerli (Bederhof, Zürich), der seinen Senf dazugibt. Er relativiert, wenn manche Kandidaten derart auf die Siegesprämie in Form eines Koffer voller Einkaufsmünzen aus sind, dass sie ihre Konkurrenten unsachlich bewerten.

«SwissDinner»: Der Homestory-Effekt macht einen Teil des Reizes aus.

Auf der Suche nach einem Sieger ist man auch im «Beef Club», der ab Donnerstag wöchentlich um 19.55 Uhr auf Sat 1 zu sehen ist.

Zwei aufstrebende, meist tätowierte Jungköche erhalten drei Lebensmittel, etwa Bergamotte, Enoki-Pilze und Kalbsschulter (Sponsor ist der Fleischhändler «Bell»). Sie sollen daraus etwas möglichst Spektakuläres kochen.

Dafür haben sie eine Stunde Zeit, den Sieger bestimmen «Kampfrichter». Die Jury besteht aus Andrin Willi, Chefredaktor von «Marmite», der offenbar keine Gnocchi mag. Mit dabei ist auch die Foodstylistin Diana Krauss, die sich selber gern in Szene setzt. Schliesslich ist da noch Fifa-Koch Jacky Donatz, leider so farblos wie seine weisse Kochjacke.

Wie bei vielen TV-Formaten geht es beim «Beef Club» mehr ums Spektakel als ums Nachkochen, auch wenn die Rezepte auf Facebook gepostet werden.

Im «Beef Club» mag man Fleisch. Und Tattoos. 

Ganz ohne Rezepte kommt weiterhin Sternekoch Daniel Bumann aus, der letzten Montag als 3+-­
«Restauranttester» bereits in die achte Staffel ging (jeweils um 20.15 Uhr).

Ob das Publikum goutieren wird, dass er nicht mehr nur Kleinbeizer aus dem mittelländischen Nachbarsdorf, sondern auch Gastrounternehmer wie Michel Péc­lard in Zürich (übernächste Woche) berät, wird sich zeigen.

Wut, Entsetzen,Verzweiflung: Der Sternekoch Daniel Bumann versucht, Beizern zu helfen.

Weit über 50 Kochsendungen lassen sich im deutschen Sprachraum ausmachen. Eigentlich verblüffend, denn nichts lässt sich schwieriger übers Fernsehen vermitteln als Essen.

Zwar kann gezeigt werden, wie ein Teller aussieht, doch wie er schmeckt und riecht, ob ein Produkt mürbe oder zäh, süss oder sauer ist – das kommt auch in High Definition nicht rüber ins Wohnzimmer.

Das berühmte «Mmmmh» von Biolek – inzwischen von diversen TV-Köchen verwendet – sagt vergleichsweise wenig aus.

Brotsalat statt «Pizzwoch»: Torsten Götz besucht in «KitchenCase» Firmen und kocht mit den Mitarbeitern. 

Und trotzdem sehnt man sich ­zurück nach Biolek. Etwa wenn man am Sonntagabend um 19.55 Uhr Sat 1 einschaltet.

«Kitchen­Case» soll gemäss Eigenreklame «die schnellste Kochshow» der Schweiz sein. Torsten Götz, bezeichnet als «Spitzenkoch», wird per Telefon zu einer Firma gerufen, um zusammen mit deren Mitarbeitern zu kochen.

Vor kurzem war er zu Gast bei einer Werbeagentur, die ihren Pizza-Mittwochs-Lunch aufpeppen wollte.

Die gezeigten Werber nannten diesen wöchentlichen ­Anlass «Pizzwoch», und man hoffte inständig, ihre Werbeslogans seien besser.

Götz kochte mit ­ihnen einen ligurischen Brotsalat mit ­Tomaten und Zucchetti – im tiefsten Winter, wie die verschneite Einfahrt vor der Agentur und der Schal, den der Koch beim Einkaufen im Denner trug, verrieten.

Muss erwähnt werden, dass verschiedene Sponsoren penetrant ins Bild gerückt werden? Immerhin ist die Sache nach 14 Minuten ge­gessen.

«Servicezeit» mit Spitzenkoch Björn Freitag: Hier ist die Welt noch in Ordnung.

Da lobt man sich «Servicezeit» beim WDR. Es ist das älteste noch regelmässig ausgestrahlte Kochformat im deutschen TV. Dort kocht ein gewisser Björn Freitag.

Und bei ihm ist die Welt noch in Ordnung: In einer Studioküche stehen die vorbereiteten Zutaten für einen Risotto bereit, er gibt nacheinander alles in die Pfanne und sagt so schöne Dinge wie: «Der Geschmack der Butter kann jetzt ins Korn reinziehen.»

Hier gibt es sie noch, die sympathischen kleinen Probleme, mit denen Kochsendungen früher kämpften: Wie schneidet man die aufgezeichnete Sendung so, dass ein Risotto, für den man 20 Minuten braucht, in nur 7 Minuten fertig wird?

Impressum

Text
Daniel Böniger

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DPA/Keystone (1)

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