Überleben als
Uber-Fahrer

Sam Egger* zieht an einem Zigarillo und bläst den Rauch zum Autofenster hinaus. «Wenn ich Kunden habe, paffe ich nicht», sagt er, aber jetzt sei Feierabend.

Dann piepst sein Smartphone: Ein neuer Auftrag, irgendwo in Zürich-Aussersihl. Annehmen oder nicht?

Es ist kurz vor Mitternacht, morgen muss er wieder früh raus. Auf dem Bildschirm blinkt es nervös, als liefe nicht die Uber-App, sondern ein Computerspiel.

Sam Egger tippt auf das Display, drückt den Zigarillo aus und dreht am Zündschlüssel. «Einer noch, dann ist Schluss.» Zu Caduff’s Wine Loft in den Kreis 4, der Fahrgast heisst Peter – mehr verrät die Software nicht. «Uber ist wie eine Sucht», sagt Egger, «manchmal fällt es mir schwer, die App auszuschalten».

Ein neuer Auftrag: Die Uber-App, so Sam Egger, mache süchtig. 

Ein neuer Auftrag: Die Uber-App, so Sam Egger, mache süchtig. 

Vier Stunden vorher: Sam Egger sitzt in einem Café in Zürich-Altstetten, seinem Quartier. Er raucht und trinkt ein Coca-Cola, wie immer mit Eis und Zitrone. Das Getränk hält ihn wach, stets hat er einige Dosen im Kofferraum. Vor ihm auf dem Tisch liegt eine Auflistung über die geleistete Arbeit der letzten Wochen: Viele Kilometer, wenig Lohn.

Der 47-Jährige fährt seit ein paar Monaten für Uber, den kalifornischen Fahrtenvermittler mit einem Jahresumsatz von zwei Milliarden Dollar. In der Regel dauert sein Arbeitstag von 20 Uhr bis zwei Uhr morgens.

«Hält mich die Polizei an, schalte ich die App aus. Die Fahrgäste sind dann meine Freunde.»

Sam Egger, Uber-Fahrer

Sam Egger hat keine Taxilizenz, deshalb kann er den Service nur in der Uber-Pop-Variante anbieten. Das bringt weniger ein – und ist vermutlich illegal. «Hält mich die Polizei an, schalte ich die App aus», sagt Egger. Und die Fahrgäste? «Das sind dann meine Freunde.»

Nur Inhaber einer Taxilizenz dürfen für Uber X fahren. Bei diesem Service sind die Einkünfte aber nur unwesentlich höher. Ein Uber-X-Fahrer kommt auf einen Netto-Umsatz von 26 Franken pro Stunde. Nach Abzug der Sozialleistungen bleibt dem Berufsfahrer ein Verdienst von 22.30 Franken.

Gemäss Uber sollen Leute wie Egger keinen Profit aus ihrer Tätigkeit ziehen, sondern lediglich ihre Kosten decken können.

Für Sam Egger ist Uber aber mehr als ein Hobby. Spätestens, seit er im vergangenen Jahr zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit seinen richtigen Job verloren hatte.

«Das war eine schlimme Zeit», sagt Sam Egger. Zuerst die Trennung von seiner Frau, dann eine Knieoperation und schliesslich der Rauswurf bei seiner Firma, wo er im Verkauf von Industriemaschinen tätig war.

Irgendwann war sein verbliebener Anspruch auf Taggelder aufgebraucht, die Arbeitslosenversicherung zahlte nicht mehr, und Egger musste aufs Sozialamt. «Das wünscht man niemandem», sagt er, dort müsse man regelrecht die Hosen runterlassen, jeder Rappen werde kontrolliert.

Schokolade für die Fahrgäste – auch für die unfreundlichen. «Ich bin der perfekte Uber-Fahrer», sagt Sam Egger.

Sam Egger verlor zweimal seine Stelle, die Arbeitslosenversicherung zahlte nicht mehr. Von den 1300 Franken, die er als Uber-Fahrer verdient, kann er nicht leben. «Aber es bringt mich unter Leute.»

Sein Auto, ein schwarzes SUV, durfte er behalten.

Eine Spezialvereinbarung, weil er als Uber-Fahrer einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen kann. Von den rund 1300 Franken, die er als Uber-Fahrer im Monat verdiene, könne er zwar nicht leben, sagt Sam Egger, aber es bringe ihn unter die Leute. «Ich sitze nicht nur vor dem Fernseher und treffe fast ausschliesslich spannende Menschen.»

Und wer weiss, vielleicht biete ihm ja einer seiner Fahrgäste einen Job an, am liebsten was mit Marketing.

Dann steigt Sam Egger in seinen Hyundai und schaltet die App ein. Auf dem Bildschirm erscheint eine Karte, darauf sind rot jene Gebiete eingezeichnet, wo die Nachfrage nach Uber-Fahrern gerade besonders hoch ist.

Egger nimmt Kurs Richtung Innenstadt. Wenig später piepst es ein erstes Mal: Ein Kunde wartet im Unterstrass-Quartier. Egger akzeptiert den Auftrag, in zwölf Minuten sollte er dort sein, berechnet die App.

Banker Nick zügelt mit dem Privattaxi. 14 Franken bezahlt er für die Fahrt durch die halbe Stadt. Die Schachteln reisen gratis mit. 

Banker Nick zügelt mit dem Privattaxi. 14 Franken bezahlt er für die Fahrt durch die halbe Stadt. Die Schachteln reisen gratis mit. 

Am Ziel eine Überraschung: Der Fahrgast wartet neben einem Stapel Bananenschachteln, mit Büchern gefüllten Papiersäcken und einer Stehlampe auf den Uber-Fahrer. Nick, 22, Banker aus Australien, zügelt mit dem Privattaxi. Ob das ein Problem sei, fragt er. «Überhaupt nicht», sagt Sam Egger, und hilft dem jungen Mann beim Einladen.

«Wenn es geht, vermeide ich die lokalen Taxis.»

Nick, Banker, Uber-Kunde

Er fahre ausschliesslich Uber, sagt Nick während der Fahrt nach Albisrieden. Ob in Sydney, Amsterdam oder London: Die Fahrer seien immer nett. Ausserdem sei Uber einfach günstiger. «Wenn es geht, vermeide ich die lokalen Taxis.» Gerade als Auswärtiger habe er stets das Gefühl, ausgenommen zu werden.

Nick glaubt, dass die Digitalisierung der Gesellschaft erst gerade angefangen hat. Seine Altersgruppe, die Generation Y, ticke einfach anders.

Gerade habe er via Airbnb ein hübsches Landhaus für seine Sommerferien in Portugal gebucht. «Auch wenn ich es mir leisten könnte, übernachte ich nie in Hotels. Privatunterkünfte sind einfach authentischer.»

Und günstiger, wie das Nutzen der Uber-App anstelle des doppelt so teuren Taxis: 14 Franken bezahlt Nick für die Fahrt durch die halbe Stadt, die Bananenschachteln reisen gratis mit. Auf Sam Eggers Konto landen am Schluss 9.80, der Rest muss er Uber abliefern.

Zügelhilfe inbegriffen: 4,9 von 5 möglichen Sternen hat Sam Egger in den Kundenbewertungen. Es wurme ihn schon, wenn ihm ein Gast nicht die Höchstnote gebe.

«Bei einer Vollkostenrechnung lege ich natürlich drauf», sagt Sam Egger. Für den Kilometer gibts zwischen 60 und 80 Rappen, muss er ins «Nirwana» irgendwo auf dem Land, fährt Egger in der Regel leer zurück – das drückt zusätzlich auf den Umsatz. Aber eben: Gezwungen werde er ja nicht dazu. «Und es macht mir wirklich Spass.»

«Great Service», «Top!», «unglaublich netter Fahrer».

Gäste über Uber-Fahrer Sam

Das spiegelt sich in den Kundenbewertungen. Egger hat 4,9 von 5 möglichen Sternen. Seine Gäste schreiben über ihn: «Great Service», «Top!», «unglaublich netter Fahrer». Wenn ihm jemand mal nicht die Höchstnote gebe, wurme ihn das schon, sagt er: «Ich bin der perfekte Uber-Fahrer». So bekomme etwa jeder seiner Gäste zum Abschied ein kleines Schokoladebonbon, «selbstverständlich auch die Unfreundlichen.»

An einem guten Tag kommt Sam Egger auf einen Stundenlohn von etwas mehr als 20 Franken. Davon gehen 30 Prozent Kommission an Uber. Nicht bezahlt damit sind Sozialabgaben, Reparaturen, die Steuern, Versicherungen, der Parkplatz, das Benzin fürs Auto.

30 Prozent Kommission gehen an Uber. Ob er sich manchmal ausgenutzt vorkomme? «Nie», sagt Sam Egger.

30 Prozent Kommission gehen an Uber. Ob er sich manchmal ausgenutzt vorkomme? «Nie», sagt Sam Egger.

Heute ist ein ruhiger Abend, für einmal regnet es nicht in diesem Juni und die Leute sind mit dem Velo unterwegs. Bis sich die App wieder meldet, vergehen ein paar Minuten. Sam Egger zündet sich einen Zigarillo an und dreht das Radio auf, die Pet Shop Boys singen «Go West».

Die nächste Fahrt geht an die Bahnhofstrasse. Laure aus Paris war bei einem Geschäftsessen, jetzt will sie zurück ins Hotel in Zürich-West. Sie sei Beraterin und habe keine Ahnung von der Stadt und den öffentlichen Verkehrsmitteln, sagt die junge Frau.

«Die einzigen, die regelmässig Trinkgeld geben, sind Leute aus dem Gastgewerbe.»

Sam Egger, Uber-Fahrer

Und jetzt sei sie einfach nur müde. Sam Eggers Scherz über die Fussball-EM in Frankreich verpufft in der Nacht, auf das Schöggeli bei der Ankunft verzichtet Laure. Die Bilanz dieser Fahrt: Knapp 10 Franken für Egger, kein Trinkgeld – wie fast immer. «Die einzigen, die regelmässig Trinkgeld geben, sind Leute aus dem Gastgewerbe», sagt Egger. Er verstehe das nicht. Fahre er nach dem Ausgang mit Uber nach Hause, habe er stets einen Zweifränkler in der Tasche.

«Von zehn normalen Taxifahrern sind acht unfreundlich.»

Natascha, Uber-Kundin

Schon wieder piepst die App: Natascha an der Rosengartenstrasse. Die St. Gallerin war mit ihrem Freund im Ausgang, jetzt will sie heim in den Kreis 4. Sie fahre Uber wegen der günstigen Preise, sagt sie. Aber nicht nur: «Von zehn normalen Taxifahrern sind acht unfreundlich», da warte sie lieber mal fünf Minuten länger auf den Uber-Chauffeur.

Ausserdem möge sie die Gespräche mit den Fahrern, die meistens besser drauf seien als ihre professionell tätigen Kollegen. Sam Egger lächelt zufrieden. Er könne die Klagen der konventionellen Täxeler nur teilweise verstehen. «Vielleicht müssten die halt einfach mal ihren Kundenservice verbessern.»

Gegen Mitternacht hält Sam Egger vor Caduff’s Wine Loft. Peter wartet bereits mit einem Kollegen vor dem Lokal. Die beiden Banker waren an einer Degustation, 25 Weine aus Kalifornien haben sie verköstigt – entsprechend sind sie nun bester Laune.

Diese letzte Fahrt führt Sam Egger nach Horgen, der Feierabend verzögert sich also um eine Dreiviertelstunde. Das sei eben das Risiko, sagt Sam Egger später bei seinem letzen Zigarillo des Tages: «Man weiss nie im Voraus, wohin die Reise geht.» Immerhin brachte ihm der Trip in die Gemeinde am linken Zürichseeufer 34 Franken ein, wovon er 23.80 behalten darf.

Rund 50 Franken hat Sam Egger an diesem Abend verdient. Knapp drei Stunden war er dafür unterwegs. Jede Hilfskraft bekommt mehr.

Ob er sich manchmal ausgenutzt vorkomme? «Nie», sagt Sam Egger. Er sei ein positiv denkender Mensch und gehe davon aus, bald wieder ein richtiges Einkommen zu haben, das ihm ein Überleben sichert. «Aber selbst dann werde ich immer wieder ins Auto steigen und die App hochfahren.»

* Name von der Redaktion geändert

Impressum

Text
Peter Aeschlimann

Fotos
René Ruis

Gestaltung
Andrea Bleicher