Wo das Wild bös unter die Räder kommt

In der Schweiz sterben bei Unfällen jedes Jahr Zehntausende von Tieren – auf der Strecke zwischen Trin und Tamins sind sie besonders gefährdet

Der Frontal-Crash wirft den 120-Kilo-Hirsch auf die Motorhaube. Sein Geweih schlägt mit Wucht gegen die Windschutzscheibe, zertrümmert sie. Eben noch gemächlich unterwegs auf der Oberalpstrasse Richtung Chur, starren der Fahrer und seine Frau auf die Geweih-Enden – wenige Zentimeter vor ihren Gesichtern.

50 Wildtierunfälle geschahen allein in den letzten fünf Jahren auf den beschaulichen drei Kilometern Überlandstrasse zwischen Trin und Tamins, in der Nähe von Flims. 15 Tiere starben allein auf wenigen Dutzend Metern neben einem sonnigen Hang, 800 Meter vor Tamins.

Die SonntagsZeitung hat die Daten von über 266 000 Verkehrsunfällen ausgewertet, die in den letzten fünf Jahren beim Bundesamt für Strassen (Astra) registriert wurden. Fast vier Prozent sind auf Kollisionen mit Rehen, Hirschen, Pferden, Wildschweinen, Dachsen, Füchsen, Hunden, Katzen und anderen Tieren zurückzuführen. Die Bilanz bei den Menschen: zwei Tote, 141 Schwer- und 306 Leichtverletzte.

Einige Kantone, vor allem in der Westschweiz, melden dem Astra nicht alle Tierunfälle. Doch gemäss den verfügbaren Angaben ist der Hang vor Tamins der schlimmste Ort für Tierkollisionen in der ganzen Schweiz.

«Wir hatten hier schon mal drei Frontalunfälle mit drei Autos und drei verschiedenen Hirschen gleich hintereinander», sagt Wildhüter Claudio Spadin. Der 39-Jährige ist unter anderem verantwortlich für dieses Strassenstück rund um Flims. Er hat hier schon viel erlebt. «Einmal crashte ein Hirsch sogar mit einer Vespa – und der Fahrer ging nicht zu Boden.»

Die Stelle bei Tamins ist ein Hotspot, weil sich die Tiere auf dem Sonnenhang auf der Nordseite der Strasse tagsüber ausruhen. Zur Dämmerung, während des Feierabendverkehrs, versuchen sie auf die Südseite zu gelangen, um zu äsen. Am frühen Morgen geht die Tierwanderung in die andere Richtung.

Viele verstecken sich dabei im Wald oberhalb, die Lenker können sie kaum sehen – bis es zu spät ist. In den Wintermonaten, wenn die Skiurlauber nach Flims und Laax strömen, zieht auch das Wild wegen des Schnees in den höheren Lagen ins Tal. «Dann ist es noch schlimmer», sagt Spadin.

Die Zahl der Unfälle ist in Wirklichkeit wohl noch erheblich höher. «Gemeldet werden vor allem Reh- und Hirschunfälle», sagt Spadin. Doch er findet auch reihenweise tote Füchse, Hasen und Dachse. «Laut Gesetz müssten Autofahrer melden, wenn sie ein Tier überfahren», sagt der Wildhüter. «Aber es wird wohl oft nicht gemacht, weil kein Schaden am Auto entstand.»

In manchen Fällen merken die Lenker den Zusammenstoss mit dem Tier schlicht nicht. Eine Autofahrerin aus Neuenburg erinnert sich an eine Nachtfahrt im Jura im Jahr 2014. Sie hörte einen Knall und dachte, es könnte eine Katze sein. Doch alleine in der dunklen Nacht wollte sie nicht aussteigen. Auf der Rückfahrt schauten die Passanten fragend auf ihr Auto. Zu Hause fand sie einen toten Fuchs, buchstäblich in den Gittern des Kühlergrills eingeklemmt.

Spadin und Garri, sein vier Jahre alter Jagdhund, Rasse Deutsch Langhaar, sind notgedrungen Spezialisten für Wildtierunfälle geworden. Auf dem Boden seines Toyotas liegen die frisch abgesägten Hörner eines einjährigen Rehbocks. Letzten Montag um 22.30 Uhr rief ihn die Polizei an: ein neuer Wildtierunfall.

Spadin eilte zum Unglücksort. Der Fahrer kam glimpflich davon. Das Tier war verschwunden, musste aber schwer verletzt sein. Am Tag danach fand Garri das Reh, 30 Meter unterhalb des Hotspots, wo das Unfallauto, ein Renault, das Tier durch die Wucht des Aufpralls hingeschleudert hatte. Das Rückgrat des Rehbocks war gebrochen, doch er atmete noch. Spadin beendete sein Leben mit einem Schuss in die Brust.

«Etwa die Hälfte der Tiere überlebt einen Unfall», sagt der Wildhüter. Der Gnadenschuss ist für sie in der Regel eine Erlösung. Es sei nicht leicht, die Tiere leiden zu sehen. «Schlimm ist es, wenn eine Mutter stirbt und nebenan liegen die frisch geborenen Jungen im Gras», sagt Spadin. «Man weiss, dass sie eingehen werden.»

Letzten Montag, um 22.30, rief ihn die Polizei an: Ein neuer Wildtierunfall. Spadin eilte zur Unfallstelle, der Fahrer kam glimpflich doch das Tier war verschwunden, doch es musste schwer verletzte sein. Am Tag danach fand Garri den Hirsch, 30 Meter unterhalb des Hotspots, wo das Unfallauto, ein Renault, das Tier durch die Wucht des Aufpralls hingeschleudert hatte. Das Rückgrat war gebrochen, doch der Hirsch atmete noch. Spadin beendete sein Leben mit einem Schuss in die Brust.

Derart überhand nahmen die Wildunfälle bei Tamins, dass der Kanton entschied, auf einer Länge von 300 Metern eine neue Warntechnik für Autofahrer zu installieren. Drei Bewegungsmelder registrieren heute Tiere rund um die Strasse. Schlägt einer der Melder an, leuchten Warnlampen entlang der Strasse auf.

Die Einzigen, die profitieren, sind die Metzger

Die Autofahrer müssen ihre Geschwindigkeit auf 40 km/h drosseln. Dank den Meldern gingen die Tierunfälle bei Tamins zwar etwas zurück – nur noch fünf geschahen letztes Jahr.

Doch für Georg Brosi vom Amt für Jagd und Fischerei des Kantons Graubünden wird die sehr teure Anlage eine Ausnahme bleiben, trotz der vielen Wildunfälle auf den Strassen. «Wenn wir solche Anlagen überall einführen, würden die Autofahrer sie weniger beachten», sagt Brosi.

Zäune zu errichten, ist notwendig entlang schneller Strecken, verlagere das Problem aber nur, meint er. «Die Tiere gehen dann entlang des Zauns, und gerade bei Autobahneinfahrten, wo der Zaun endet, kriegt man so einen neuen Hotspot.»

So geht das Töten auf den Strassen unvermindert weiter. Das Bundesamt für Umwelt führt zwar keine Karte mit Unfallhotspots, doch es verzeichnet die genaue Zahl der Wildtierunfälle in allen Kantonen der Schweiz. Demnach kam es zwischen 2010 und 2014 zu 102 300 Tierunfällen, die meisten in Bern, Zürich und im Aargau. Allein beim Versicherer Axa-Winterthur entstanden so Schäden von rund neun Millionen Franken im letzten Jahr.

Die Einzigen, die von den Wildunfällen profitieren, sind die Metzger. In Graubünden wird ein Fünftel aller angefahrenen Rehe und Hirsche an Metzger verkauft. Bedingung ist, dass das Tier einen Gnadenschuss erhielt und nicht schon vorher starb. 9.50 Franken kostet das Kilo Hirsch beim Wildhüter. 12 Franken ein Kilo Reh.

Für «Roadkill» gilt derselbe Einkaufspreis wie für Jagdwild. Der Erlös geht an das Graubündner Amt für Jagd und Fischerei. Der Endpreis ist dann Sache der Metzger.

Gemäss dem Bündner Amt für Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit muss er dem Kunden gegenüber nicht deklarieren, dass das Wild von der Strasse kommt.
Von den Tieren, die bei Tamins ihr leben liessen, profitierten zahlreiche Fleischhändler. «Die gingen an viele Metzger», sagt Wildhüter Spadin. «Es gibt halt regelmässig Fallwild.»

recherchedesk@sonntagszeitung.ch

In der Stadt Hunde und Katzen

In den Stadtkantonen sind es oft Haustiere, die Unfälle mit verursachen. Betroffen sind hier auch zahlreiche Velofahrer – und in solchen Fällen kommt es häufig zu schweren Verletzungen. Allein im Kanton Zürich zählte das Bundesamt für Strassen in den letzten fünf Jahren 76 Tierunfälle mit schwer und leicht verletzten Personen. In der Hälfte der Fälle lag es an Hunden und Katzen.

Ein Hotspot ist offenbar die Islerstrasse auf der Allmend Brunau in Zürich. In den letzten Jahren wurden hier drei Radfahrer verletzt – wegen Kollisionen mit Hunden. «Werden Haustiere angefahren, gilt dies wie ein Unfall mit Sachschaden», erklärt die Stadtpolizei Zürich.

Wenn also der Besitzer nicht anwesend sei, müsse man die Polizei informieren. «Lässt man ein angefahrenes Tier ohne Meldung und Betreuung am Unfallort zurück, wird man wegen Tierquälerei angezeigt.»

Impressum

Fotos
Michele Limina (1)

Text
Noele Illien, Léna Würgler

Gestaltung
Oliver Zihlmann, Noele Ilien