«In Macho-Gesellschaften sind beide diskriminiert: Frauen und Schwule»

Pierre Bergé, Lebenspartner des verstorbenen Yves Saint Laurent,
über den Kampf für Homosexuelle, das Burka-Verbot
und den Tod der Haute Couture

Herr Bergé, Sie haben Ihre Kunstsammlung veräussert, auch Ihre Bibliothek mit lauter Erstausgaben. Für die Mode von Yves Saint Laurent aber lassen Sie zwei Museen erbauen. Ist sie das Zentrum Ihres Lebens, für die Ewigkeit bestimmt?
In meinem Alter – ich werde Ende Jahr 86 – muss man tun, was einem am Herzen liegt. Die letzten ­grossen Projekte, die mir umzu­setzen bleiben, sind diese beiden Museen YSL, beide sollen im Herbst 2017 fertig werden: eines hier an ­meinem Geschäftssitz in Paris, das andere in Marrakesch. Dort gibt es dann nicht nur die Haute Couture zu sehen, sondern auch eine Sammlung von 1500 Werken arabisch-andalusischer ­Literatur und Dichtung seit dem 16. Jahrhundert und eine Berber-Sammlung.

Sie sind dem Orient, vor allem Algerien und Marokko, sehr verbunden. Sehen Sie sich als Orientalisten?
Nicht wirklich. Aber ich habe ein grosses Faible für den Orientalismus, ein ästhetisches Interesse für arabische Literatur und Malerei.

Neulich aber haben Sie der «Islamic Fashion», insbesondere dem Burkini, eine klare Absage erteilt. Warum?
Weil die Mode die Frau schön machen soll. Die Mode soll die Frau ermächtigen und ihr erlauben, zu existieren. Die Islamisten fordern mit ihrem Dresscode genau das Gegenteil. Ich will doch nicht Komplize der Diktatoren sein.

Dann stimmen Sie auch dem französischen Burka-Verbot zu?
Natürlich.

Sie sagen stets, die Mode von Yves Saint Laurent habe einen ­emanzipatorischen Aspekt. Inwiefern?
Seine Mode hatte eine soziale und emanzipatorische Funktion. Yves Saint Laurent wollte die Frau ermächtigen. Er hat für sie den Smoking, den Trenchcoat, die Hose, den Sari und den Cabon entworfen. Das sind maskuline Kleider, die er auf die Frauen zugeschnitten und ihnen so die Attribute der Macht gegeben hat.

«Seine Mode hatte eine soziale und emanzipatorische Funktion. Yves Saint Laurent wollte die Frau ermächtigen.

«Seine Mode hatte eine soziale und emanzipatorische Funktion. Yves Saint Laurent wollte die Frau ermächtigen.

Sie haben als Paar auch wesentlich zur Emanzipation der ­Homosexuellen beigetragen. Haben Frauenemanzipation und Gay liberation miteinander zu tun?
Aber sicher: Dass die Gesellschaft aufhört, Schwule wie Affen im Zoo zu ­betrachten und Frauen als niedrigere ­Wesen, gehört zusammen. In Macho-Gesellschaften sind immer beide diskriminiert: Frauen und Schwule.

Sie sind Präsident von Sidaction, der französischen Aids-Hilfe, waren Herausgeber des Schwulen-Magazins «Têtu» und Verfechter der Homo-Ehe. Sind Sie ein ­schwuler Aktivist?
Ja, ich sehe mich als Aktivisten, auf jeden Fall. Vor allem als Paar haben wir diese Rolle ausgefüllt. Sehen Sie, ich habe 50 Jahre lang mit Yves Saint Laurent zusammengelebt, zuvor acht Jahre mit dem Maler Bernard Buffet. Wir haben immer völlig offen als homo­sexuelles Paar gelebt und uns nie versteckt. Bis heute sagen mir junge Menschen: Dank Ihnen kann ich mein Leben leben und zu meiner Homosexualität stehen. Das berührt mich sehr.

1961, Paris. Yves Saint Laurent und Pierre Bergé (rechts) im Atelier an der rue La  Boétie. Das Haus YSL wurde im selben Jahr in Zürich gegründet.

1961, Paris. Yves Saint Laurent und Pierre Bergé (rechts) im Atelier an der rue La Boétie. Das Haus YSL wurde im selben Jahr in Zürich gegründet.

Sie und Yves Saint Laurent waren das erfolgreichste Männerpaar der Geschichte. Das hat sicher ­geholfen.
Es wäre natürlich schwieriger gewesen, wenn Yves oder ich Dupont geheissen und in einer Fabrik gearbeitet hätten, auf der Post oder als Chauffeur. Gerade für diese Leute kämpfe ich weiter als Aktivist, ich bin noch immer Präsident der Sidaction. Und angesichts von Attentaten wie in Orlando sage ich mir: Ich habe recht mit meinem Engagement. Der Kampf ist noch nicht ausgestanden. Wir müssen wachsam bleiben und immer weiterkämpfen für die Rechte der Schwulen, auch in Frankreich.

Die beiden neueren Filme über Sie und Yves Saint Laurent verlieren sich im Ästhetischen. Werden sie Ihnen gerecht?
Der erste Film, jener von Jalil Lespert, ist nicht schlecht. Den zweiten Film hingegen, den von Bertrand Bonello, mag ich überhaupt nicht. Er ist homophob.

«Nicht schlecht», findet Pierre Bergé den Film «Yves Saint Laurent» des französischen Regisseurs Jalil Lespert.

Inwiefern?
Er macht aus mir einen Buchhalter und lässt die Liebe zwischen Yves und mir gar nicht zum Thema werden. Überhaupt nicht. Zudem wird der Film der Wahrheit nicht gerecht. Yves hatte 1990 aufgehört zu trinken und ist 2008 gestorben. Er war also 18 Jahre lang trocken. Im Film von Bonello jedoch stirbt er mit einer Flasche Gin neben dem Bett. Dass Helmut Berger den todkranken Yves Saint Laurent spielt, entbehrt allerdings nicht der Ironie.

«Ich mag den Film überhaupt nicht. Er ist homophob», sagt Pierre Bergé über «Saint Laurent» des französischen Regisseurs Bertrand Bonello.

Weshalb?
Weil ich lange Bergers Geliebter war. Eigentlich wunderbar, dass Yves Saint Laurent und Helmut Berger so verschmelzen. Yves aber auf dem Totenbett zum Trinker zu machen, das ist doch sehr unanständig. Ich habe Bonello gesagt, was ich von seinem Film halte. Man wird nicht durch Dekadenz erfolgreich, sondern durch Fleiss.

Sie waren immer auch überzeugter Atheist.
Ja, ich bin Atheist, zu hundert Prozent. Wenn ich sehe, wie Verrückte im Namen Allahs Cafés und Diskotheken in die Luft sprengen, bestärkt mich das in meiner Haltung, dass man Leuten misstrauen muss, die im Namen Gottes sprechen. Ich misstraue auch der katholischen Kirche, die Kreuzzüge veranstaltet hat und die Inquisition, alles im Namen Gottes.

Der ehemalige Präsident François Mitterrand war ein guter Freund, Sie waren Wahlkampfhelfer, und er hat Sie zum Direktor der Pariser Opern gemacht.
Ja, das war eine starke Erfahrung. Ich war gewissermassen berufen dazu. Ich hatte zuvor schon das Théatre de ­l’Athénée geleitet und im Rahmen von Singzyklen alle bekannten Sängerinnen und Sänger engagiert, von Jessey Norman bis Placido Domingo.

1992, Paris. Pierre Bergé mit dem damaligen Präsidenten François Mitterand, der Schriftstellerin Françoise Sagan und Loïk Le Floch-Prigent, dem CEO von Elf Aquitaine.

1992, Paris. Pierre Bergé mit dem damaligen Präsidenten François Mitterand, der Schriftstellerin Françoise Sagan und Loïk Le Floch-Prigent, dem CEO von Elf Aquitaine.

Sind Sie auch mit Hollande ­befreundet?
Ich bin ein Freund von Hollande, ich habe für ihn gestimmt, aber ich esse nicht jede Woche mit ihm, wie ich es mit Mitterrand zu halten pflegte. Mit ihm teilte ich so viele Interessen: Literatur, vor allem die Poesie, die François sehr gut kannte. Was Hollande betrifft, hoffe ich, dass er wiedergewählt wird. Ich werde ihm meine Stimme abermals geben. Von Sarkozy und Le Pen mag ich nicht sprechen.

Ins Mediengeschäft eingestiegen sind Sie jüngst auch: Sie haben «Le Monde» gerettet, sind Mitbesitzer. Bestimmen Sie mit, was die ­Ausrichtung des Blattes betrifft?
Nein, da gibt es eine strikte Trennung zwischen Redaktion und Besitzer. Nie würden wir inhaltlich eingreifen. «Le Monde» hatte schlechte Zahlen, deshalb haben wir sie zu dritt gekauft. Ich habe die Presse immer geliebt. Mit 18 gründete ich die Zeitschrift «La Patrie mondiale» um den Pazifisten Gerry Davis zu unterstützen, dann den «Courrier international», den es noch immer gibt, und schliesslich das Schwulen-Magazin «Têtu».

Wenn Sie gerade in Sachen ­Gründungen zurückblenden: Das Unternehmen YSL wurde in Zürich aus der Taufe gehoben. Erinnern Sie sich noch daran?
Gewiss, das war 1961 in Zürich, am Limmatquai 120. Das Haus gibt es so nicht mehr. Yves und ich trafen uns mit einem Anwalt, der die Interessen des amerikanischen Financiers J. Mack Robinson vertrat. Da haben wir das Haus YSL gegründet. Die Société YSL hatte ihren Sitz dann lange, lange Zeit in Zug. Das ist jetzt alles vorbei.

1979, Zürich. Yves Saint Laurent mit Wirtin Hulda Zumsteg (links) in der Kronenhalle.

1979, Zürich. Yves Saint Laurent mit Wirtin Hulda Zumsteg (links) in der Kronenhalle.

Aber Sie besuchen in Zürich noch immer die Oper.
Ja, die Zürcher Oper und noch fast lieber die Tonhalle. Ich schätze den Chefdirigenten sehr. Lionel Bringuier hat viel Talent. Ich esse noch immer in der Kronenhalle, obwohl Gustav Zumsteg tot ist und viele seiner schönen Bilder dort nicht mehr hängen. Ich liebe die Atmosphäre, die Küche ist gut. Das Hotel Baur au Lac nebenan ist meiner Meinung nach eines der besten der Welt.

Heute gehört YSL zu Kering. Bedauern Sie den kürzlichen Abgang des Chefdesigners Hedi Slimane?
Natürlich. Weil ich es war, der Slimane im Jahr 2000 bei YSL für die Männerkollektion engagiert hatte. Gleichzeitig wie Alber Elbaz für die Linie Rive Gauche Femme. Doch jeder macht eben, was er will. Ich wünsche Slimane und seinem Nachfolger Anthony Vaccarello, den ich kenne, viel Erfolg.

Paris, 2016. Pierre Bergé, 85, vor einem Bild seines Lebenspartners Yves Saint Laurent in seinem Büro.

Die Haute Couture ist tot, sagen Sie. Gestorben mit YSL?
Die Haute Couture ist tot, ja. Das hat aber nichts mit dem Tod von Saint Laurent zu tun. Das ist nicht eine Frage des Talents. Die Haute Couture hat keine Klientinnen mehr, es sei denn russische Prostituierte. Es ist eine Frage der Lebenskunst. Dieser bestimmte Lebensstil, den die Haute Couture begleitet hat, gibt es nicht mehr: Ein- bis dreimal die Woche mit Smoking und grosser Robe in die Oper und zum Dinner zu gehen, diese Kunst des Lebens existiert nicht mehr. Sie sind der Beweis dafür: Sie sind ohne Krawatte zu mir gekommen.
Und Sie haben das Recht dazu. Vor 20 Jahren aber hätten Sie das noch nicht getan.

Sehnen Sie diese Zeit zurück?
Nein, überhaupt nicht. Diesen Lebensstil hat es einmal gegeben und heute nicht mehr. Nostalgie ist mir fremd.

Sie sammeln Vanitas-Bilder, und auf Ihrem Nachttisch steht ein ­Totenkopf. Leiden Sie an der ­Vergänglichkeit?
Ich habe Totenköpfe überall, es sind ungefähr 50, eine ganze Sammlung. Wenn man am Morgen erwacht und als Erstes einen Totenkopf anblickt, rückt das die Proportionen des Lebens wieder zurecht. Dann sagt man sich: So werde ich einmal enden.

Ohne Schmerz und Reue?
Ich denke immer nur an die Zukunft. Ich bin mit den Leuten nicht einverstanden, die sagen: Früher war es besser. Das stimmt nicht. Es ist besser heute. Und es ist besser morgen. Schauen Sie, all die Krankheiten, die man ausgemerzt hat. Aids gestern und Aids heute, das ist nicht das Gleiche. Und das Handy: ein unglaublicher Erfolg. Darum ist es heute besser als gestern.

2004, Paris. Pierre Bergé mit der Schauspielerin Catherine Deneuve an der Aids Gala Fashion Show.

2004, Paris. Pierre Bergé mit der Schauspielerin Catherine Deneuve an der Aids Gala Fashion Show.

Sie hatten ein überaus reiches Leben. Haben Sie kein Problem loszulassen?
Nein. Es hat keinen Sinn, über die Vergangenheit zu weinen. Man kann sie weder festhalten noch ändern.

Gerade ist Ihre Mutter mit 108  Jahren gestorben. Macht Sie das nicht traurig?
Ich bin zufrieden. Meine Mutter war eine ganz entschiedene Anhängerin der Euthanasie. Aber dann wurde sie sehr krank, und es war zu spät dafür. Eine der letzten Diskussionen, die wir hatten, drehte sich um dieses Thema. Sie wollte von der Krankenschwester eine Spritze. Ich sagte: Hör zu, Maman, die Krankenschwester ist nicht dafür da und ich auch nicht. Aber du kannst dich immer selber umbringen. Sie antwortete: Wenn ich es machen könnte, hätte ich es längst getan. Darum war ich zufrieden, als sie sterben konnte.

Und Sie selber, würden Sie ­Sterbehilfe in Anspruch nehmen?
Ja, natürlich, unbedingt. Ich werde mich umbringen an dem Tag, an dem ich das Bedürfnis dazu habe.

In der Schweiz?
Ich habe nichts vorgesehen, aber ich werde in die Schweiz gehen, wenn es so weit ist. In Frankreich gibt es diese idiotischen Gesetze. Sehen Sie, ich habe eine schwere Krankheit, eine Myopathie, eine Muskelkrankheit, die sich jeden Tag verschlechtert. Es ist schlimm, ich kann nicht mehr gut gehen. Meine Hände und Füsse schmerzen. Ich habe Mühe beim Essen. Aber immerhin: Ich habe weder Krebs noch Alzheimer, weder Aids noch Parkinson. Ich komme noch immer ins Büro, fliege noch immer nach Marrakesch. Momentan lasse ich mich ganz von der Idee dieser beiden Museen tragen. Die will ich zu Ende führen.

Marrakesch, 1983. Yves Saint Laurent lässt sich in der Villa Oasis Pfefferminztee servieren. Zu seinen Füssen: Bulldogge Moujik II., deren Vorgänger (Moujik I.) von einem Skorpion gestochen wurde und starb.

Marrakesch, 1977. Pierre Bergé (rechts) und Yves Saint Laurent in ihrer Ferienvilla Dar es Saada (Haus des Glücks).

Centre Pompidou, Paris, 2002. Die letzte Modeschau von Yves Saint Laurent. Der Designer verabschiedet sich und hält Hände mit Supermodel Laetitia Casta (links) und Schauspielerin Catherine Deneuve.

Yves Saint Laurent (1936–2008) war einer der bedeutendsten Mode­designer. Er erfand unter anderem den Smoking für die Frau, verwob orientalische Einflüsse in seine Entwürfe, da in Algerien geboren. YSL galt als fragil, aber das Publikum liebte ihn; als er sich 2002 zurückzog, hatten die hartgesottensten Moderedaktorinnen Tränen in den Augen. Seit der Gründung des Hauses 1961 immer an seiner Seite war Pierre Bergé, 85, nicht nur als Geschäfts-, sondern auch als Lebenspartner. Die beiden waren 50 Jahre lang ein Paar und fester Bestandteil des kulturellen und intellektuellen Lebens von Paris. Bergé war stets auch politisch aktiv; er gründete ein heute noch existierendes Schwulenmagazin, war befreundet mit François Mitterrand und unter dessen Präsidentschaft Leiter der Pariser Opern. Heute verwaltet er Saint Laurents Nachlass, ist Präsident der französischen Aids-Hilfe sowie Mitbesitzer der Zeitung «Le Monde» – und nimmt immer noch kein Blatt vor den Mund.
(Bettina Weber)

Impressum

Text
Michael Meier

Fotos
Jean-Claude Deutsch/«Paris Match»/Getty Images
François Pages/«Paris Match»/Getty Images
Guy Marineau (c) Fondation Pierre Bergé-Yves Saint Laurent, Paris
Keystone (4)
Fred Merz/Lundi13
Interfoto
Reuters
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Gestaltung
Andrea Bleicher